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So nah - und doch so fern

Jugendschöffengericht verurteilt einen selbst für seinen Anwalt unerreichbaren Wiederholungstäter So nah - und doch so fern

Am Ende der Hauptverhandlung vor dem Marburger Jugendschöffengericht hatte der Angeklagte nicht einen einzigen Fürsprecher. Selbst sein Verteidiger bekannte: „Mir fehlen die Worte und die Argumente.“

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Mit seinem Namen, seiner Bankverbindung, seiner Adresse „verkaufte“ ein Stadtallendorfer Dinge, die er nicht besaß. Seine Betrügereien flogen zwangsläufig auf. Archivfoto: dpa

Quelle: A2800 epa Mabanglo

Marburg/ Stadtallendorf. Das ist absolut außergewöhnlich: Ein Rechtsanwalt findet in seinem Schlussvortrag kein Wort der Entlastung für seinen Mandanten. Er erliegt nicht der naheliegenden Versuchung, für den Angeklagten eine allerletzte Bewährungschance zu erbitten. Er beantragt noch nicht einmal eine Strafe, die geringfügig unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft liegt. Der Anwalt kapituliert vor der Persönlichkeit des 20-jährigen Stadtallendorfers, zu dem er selbst keinen Zugang hat. „Ich sehe ihn immer nur im Gericht“, stellt er resignierend fest.

Derjenige, um den es hier geht, sitzt mit verschlossenem Gesichtsausdruck vor dem unter Vorsitz von Jugendrichter Thomas Rohner tagenden Gericht. Er wirkt abgeschlafft, müde und teilnahmslos. Dabei geht es für den Produktionshelfer um viel - um seine Freiheit. Der junge Mann hat mehrere Vorstrafen wegen Betrugs, versuchten Betrugs, Computerbetrugs und Diebstahls. Dafür wurde er zuletzt 2010 und 2011 jeweils zuletzt zu Jugendstrafen auf Bewährung verurteilt. Und während der Bewährungszeit beging er im November und Dezember 2012 erneut einschlägige Straftaten.

Nach dem von Staatsanwältin Natalie Mand verlesenen Anklagesatz bot der Angeklagte auf dem Versteigerungsportal Ebay zunächst in zwei Zyklen jeweils vier Star-Wars-Adventskalender von Lego zum Preis von je 29,95 Euro an, ohne die Ware, die er gar nicht besaß, zu liefern. Die Käufer bezahlten ohne Gegenleistung. Später prellte er seine „Kunden“ auf diese Weise mit zwei weiten Star-Wars-Adventskalendern, einer Play-Station für 249,95 Euro und einem iPad für 320 Euro.

Schließlich nutzte der Stadtallendorfer noch seine Praktikumszeit in einem Fitness-Studio, um in dessen Umkleideraum lange Finger zu machen. Dabei entwendete er eine Jacke im Wert von 100 Euro sowie dreimal Geldbeträge zwischen 5 und 70 Euro. Sein Pech: Eine Überwachungskamera zeichnete die Diebstähle auf.

Der Angeklagte räumt die Taten ein. Er habe die vom Betreiber des Fitness-Studios geforderte Entschädigung in Höhe von 350 Euro gezahlt, sagte der Angeklagte. Das Gericht kann diese Aussage nicht verifizieren, weil der als Zeuge geladene Betreiber des Studios es vorzieht, der Verhandlung unentschuldigt fernzubleiben. Das bringt ihm auf Antrag der Staatsanwältin ein Ordnungsgeld in Höhe von 150 Euro ein - ersatzweise drei Tage Ordnungshaft.

Im Gegensatz zu einer vorherigen Verhandlung räumt der Angeklagte auch die Ebay-Betrügereien ein. Allerdings habe er diese nicht allein begangen sondern mit einem Partner. Er selbst habe für die Ebay-Geschäfte seinen Namen, seine Adresse und seine Bankverbindung gegeben, während seine Internet-Bekanntschaft die nicht vorhanden Waren ins Netz gestellt habe. Den Gewinn habe man geteilt, Abwicklung anonym über Pay-safe-Karten.

„Das kann ich nun glauben oder nicht“, sagt Natalie Mand und Thomas Rohner zieht verwundert die Augenbrauen hoch: „Das ergibt keinen Sinn. Sie tragen das volle Risiko bei Straftaten, die sicher auffliegen und teilen noch Ihren Gewinn?“ „Ist einfacher so“, antwortet der Angesprochene knapp. Intelligente Tatausführung sieht zweifellos anders aus.

Dann geschieht noch etwas Außergewöhnliches für ein Strafverfahren nach Jugendrecht: Die Bewährungshelferin und die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe lassen kein gutes Haar am Angeklagten. Unisono berichten sie von nicht eingehaltenen Verabredungen und Terminen, von selbst unter maximalen Druck nicht eingehaltenen Bewährungsauflagen. „Bei einer Anhörung hat er mir gesagt, dass er die ihm auferlegte Therapie macht. Ein Anruf beim Therapeuten hat ergeben, dass er den überhaupt nicht kennt“, nennt die Bewährungshelferin ein Beispiel. Und die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe konstatiert: „Er ist nicht bereit, an seinen Problemen zu arbeiten. Es muss jetzt für ihn ernsthafte Konsequenzen geben.“

Der Angeklagte nimmt diese Ausführungen, die Thomas Rohner um eigene Erfahrungen dieser Art mit seinem Stammkunden ergänzt, mit dem Fatalismus einer treibenden Boje hin. Erst als Natalie Mand in ihrem Plädoyer sehr deutlich macht, dass sie nicht den geringsten Grund für eine neuerliche Jugendstrafe auf Bewährung sieht und unter Einbeziehung eines Urteils des Marburger Amtsgerichts vom 27. Oktober 2011 eine Jugendstrafe von einem Jahr und acht Monaten wegen Betrugs in vier Fällen und Diebstahls in vier Fällen beantragt, regt sich etwas beim Angeklagten: Er atmet stimmhaft durch die Nase und wischt sich ein paar Tränen aus den Augen. Sein Schlusswort: „Nichts.“

Das Gericht folgt im Urteil fast vollständig dem Antrag der Anklage, belässt es aber bei einer Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Außerdem muss der Angeklagte die Kosten des Verfahrens tragen.

von Matthias Mayer

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