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Schweinsberger im Kosovo-Einsatz

Aufbauhilfe Schweinsberger im Kosovo-Einsatz

15 Jahre nach dem Kosovokrieg braucht das jüngste und ärmste Land Europas noch jede Menge Aufbauhilfe. Ein Stadtallendorfer Polizist erzählt von seinem Einsatz. 

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"Es gibt hier viel mehr zu tun" sagt Klaus Mann über seine Mission im Kosovo.

Quelle: Privatfoto

Pristina. Wenn Klaus Mann nach einem Heimaturlaub in Pristina aus dem Flugzeug tritt, hat er die Nase schon wieder voll. Die Luft ist schlecht. Es stinkt nach brennendem Plastik und dem dreckigsten Kohlekraftwerk Europas. „Aber wenn ich in meinem Apartment angekommen bin und am nächsten Tag die Kollegen treffe, habe ich mich schon wieder eingewöhnt“, sagt Polizeioberkommissar Klaus Mann.

Es ist die zweite Mission des gebürtigen Schweinsbergers im Dienste der Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo (EULEX). Zum ersten Mal war der heutige Stadtallendorfer von 2009 bis 2010 bei den Albanern in Pristina. Er und rund 2 250 weitere EULEX-Mitarbeiter sollen dem Kosovo helfen, rechtsstaatliche Prinzipien durchzusetzen und die Polizei-, Zoll- und Justizbehörden überwachen. So klingt es, wenn man sich online über die Mission informiert. Wenn Klaus Mann erzählt, klingt das etwas anders: „Viele Polizisten hier haben schon Probleme einen Strafzettel zu schreiben“, erklärt er. Mann liest die Berichte der lokalen Kollegen, Zeugenaussagen und Protokolle. Er sucht Ermittlungs- oder Vernehmungsfehler und gibt Tipps.

Raub und Waffengewalt sind an der Tagesordnung

Im Vergleich zu seinem Heimat-Revier Stadtallendorf geht es in Mitrovica ganz schön zur Sache. „Hier sind 500 Polizisten für ungefähr 65 000 Einwohner im Einsatz. In Stadtallendorf sind wir nur 50  – aber es gibt hier auch viel mehr zu tun.“ Raub und Waffengewalt sind an der Tagesordnung.

In Mitrovica gibt es große ethnische Spannungen. Es ist eine der Regionen des Kosovo, wo mehrheitlich Serben und nur wenige Albaner leben, die seit Kriegsende im Kosovo das Sagen haben. Die Serben, so Mann, hätten erst im vergangenen Jahr die Rechtsstaatlichkeit des Kosovo anerkannt. Auf Druck der EU, die sonst Serbien keine Annäherung erlaubt hätte. Die Aussicht auf einen EU-Beitritt – so fern er auch sein mag – ist laut Klaus Mann die große Hoffnung der vielen perspektivlosen jungen Kosovaren.

Auf Druck der EU wurden in letzter Zeit auch serbische Polizisten eingestellt, die nach dem Krieg im albanisch dominierten Staat arbeitslos waren. Jetzt arbeiten in der Kosovo Police Albaner und Serben zusammen. Das funktioniere einigermaßen, sagt Mann. Das größte, oder zumindest offensichtliche Problem sei dabei die Sprachbarriere. Aber bis die Menschen wirklich keinen Unterschied mehr machen, müssten noch mindestens zwei Generationen kommen.

Krasse Einsätze

„Einmal bin ich am Wochenende zu einem Notfall gerufen worden“, erinnert sich Mann an einen seiner krassesten Einsätze während der Mission. „Da hatte 200 Meter vor der Polizeistation einer seinen Schwager erschossen. Wie im Krimi – von vorne durch die Windschutzscheibe in den Kopf.“ Der Schütze wurde gefasst und verurteilt.

Ganz so brutal gehe es zwar nicht ständig zu, aber insgesamt merke er deutlich, dass die Region nach dem Krieg jahrelang ein rechtsfreier Raum war. Dazu kommen die vielen Waffen: „Es gab natürlich Entwaffnungsaktionen, aber die meisten Haushalte haben wahrscheinlich immer noch eine“, schätzt Mann. „Letzte Woche erst hatten wir einen Mord. Da hat ein Mann in einem Café Stress gesucht, weil wohl ein Mitarbeiter etwas mit seiner Freundin hatte. Den hat er dann erschossen.“

"Ich habe mich eigentlich noch nie unsicher gefühlt"

Kein Wunder, dass die EULEX-Dienstfahrzeuge gepanzert sind. Aber irgendwie auch komisch, weil Klaus Manns Kollegen von der Kosovo Police – wenn überhaupt – ganz normale Autos fahren. Und weil Klaus Mann sich persönlich nicht in Gefahr sieht: „Ich habe mich eigentlich noch nie unsicher gefühlt“, sagt der Vater zweier Söhne.

Dass der 53-Jährige im Kosovo nicht Fußball spielt, wie er es in seinem Schweinsberger Heimatverein sonst regelmäßig macht, hat mit einer anderen Art von Risiko zu tun. Die Verletzungsgefahr sei auf den Plätzen von Mitrovica deutlich größer als zu Hause. Ein französischer Kollege habe sich beim Kicken schon die Achillessehne gerissen.

Was weiß man schon über den Kosovo? Da war Krieg, die Bundeswehr ist vor Ort, da hört es bei den meisten schon auf. Klaus Mann weiß sehr viel mehr über das jüngste Land Europas und er hat das Gefühl, mit seiner Arbeit etwas zu bewegen.

von Thomas Strothjohann

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