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Schwarzfahrer muss ins Gefängnis

"Personalien bekannt" Schwarzfahrer muss ins Gefängnis

Es war eine traurige Geschichte, die vor der 8. Strafkammer des Marburger Landgerichts verhandelt wurde. Die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Lebensweg in die Perspektivlosigkeit vielleicht schon im Augenblick seiner Geburt vorbestimmt war.

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Fahrkartenautomaten ignorierte der Schwarzfahrer meist.

Quelle: Matthias Mayer

Ostkreis. Der heute 22-Jährige wuchs bei seiner alkoholkranken Mutter auf, schaffte weder einen Schulabschluss noch begann er eine Berufsausbildung. Einen Job hat er nicht, dafür ein massives Alkoholproblem. Seit drei Jahren lebt er von Hartz IV. Lebensperspektive: Derzeit nicht erkennbar. Vorstrafen?: umfangreicher Natur für ein so junges Lebensalter.

So „gerüstet“ trat der Mann aus dem Ostkreis vor das unter Vorsitz von Richter Hans-Werner Lange tagende Berufungsgericht. Sein Begehren und das seiner Verteidigerin: Die Umwandlung des vom Kirchhainer Amtsgericht am 4. Januar 2013 wegen fünf zwischen dem 19. April und 16. Mai 2012 begangenen Schwarzfahrten ausgesprochenen Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten ohne Bewährung zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe mit Bewährung. Die Berufung beschränkte die Verteidigerin mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft auf dieses Detail des Rechtsfolgenausspruchs.

Das Problem: Der Angeklagte war erst am 8. Februar 2012 vom Marburger Jugendschöffengericht zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zwei Monaten mit Bewährung verurteilt worden. Nur zwei Monate nach diesem stolzen Strafmaß fuhr er wieder schwarz. Juristen spreche hier von einem Bewährungsversager.

Als Schwarzfahrer hat sich der Angeklagte bei der Bahn inzwischen eine gewisse Prominenz erarbeitet. Die Schaffner kennen ihn schon, seinen Ausweis muss er nicht mehr vorzeigen. „Personalien bekannt“ heißt es dazu in den Strafanzeigen. Warum tut er es dennoch immer wieder?, möchte Hans-Werner Lange wissen.

„Wenn ich trinke, fahre ich gerne mit dem Zug“

„Wenn ich trinke, fahre ich gern mit dem Zug zu Leuten. Wenn ich nüchtern bin, würde ich das nie machen machen“, sagt er und bekennt freimütig, dass er immer noch trinke.

Im Bewährungsheft des Angeklagten fand der Richter nur ein für den Angeklagten positives Element: „Sie gehen immer brav hin, wenn der Richter sie ruft“, stellte Lange fest. Ansonsten ist in dem Heft viel von geplatzten Terminen, abgebrochenenen Kontakten, nicht angetretenenen oder abgebrochenen Entgiftungen und Therapien die Rede. Das Heft endet mit dem Vermerk, dass die Staatsanwaltschaft den Widerruf für die Bewährungschance zu der 14-monatigen Jugendstrafe beantragt hat.

Richter Hans-Werner Lange vermochte bei dem Angeklagten keine ernsthaften Bemühungen zu erkennen, seine Lebenssituation grundlegend zu verändern. Dazu komme, dass der 22-Jährige bei seinem Vorleben wohl keine weitere Kostenübernahme für eine Entziehungstherapie mehr bekomme.

Auch Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel hatte noch einige Pfeile gegen das Berufungsbegehren im Köcher. Er zählte noch eine lange Reihe von angezeigten Schwarzfahrten des Angeklagten auf, die dieser nach den für das Kirchhainer Urteil relevanten Taten gemacht habe. Er rate dringend dazu, den Bewährungsantrag zurückzuziehen, da sonst die 17 neuen Fälle auch noch angeklagt würden. Und dann komme es richtig dicke für den Angeklagten.

Diesen Argumenten beugten sich Verteidigerin und Angeklagter und zogen den Bewährungsantrag zurück. Damit muss der junge Mann wegen seiner Schwarzfahrten eine Freiheitsstrafe verbüßen, die vermutlich wesentlich länger als drei Monate dauern wird. Denn der Bewährunsgwiderrufsantrag der Staatsanwaltschaft zu der 14-monatigen Jugendstrafe steht nach wie vor.

Hans-Werner Lange gab dem jungen Mann den dringenden Rat mit auf den Weg, im Strafvollzug den Kontakt zur Suchtberatung zu suchen und dafür jeden Kontakt zu dem Knastgebräu „Fiffi“ zu meiden.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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