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Schwache Zahlen, riesige Zielsetzung

Nahwärme in Bracht Schwache Zahlen, riesige Zielsetzung

Eigentlich hätte man das für Bracht angedachte Nahwärme-Projekt nach der Rückgabe der Fragebögen getrost beerdigen können. Nur 58 von 288 Hauseigentümern gaben den Fragebogen ausgefüllt zurück.

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Zwei deutlich niedrigere Heißwasserspeicher, als der im Bild gezeigte, sollen für Bracht Solarthermie-Wärme auch im Winter gewährleisten. Gespannt folgten die Besucher der Präsentation in der Mehrzweckhalle. Fotos: Matthias Mayer

Bracht. Das ist ein deprimierender Wert für den größten Außenstadtteil Rauschenbergs, der kleinen Stadt, in der die grünen Energien für die Region beispiellose Triumphe feiern. Hinzu kommt: Nur 48 Hauseigentümer erklärten ihre Bereitschaft zum Anschluss an ein Nahwärmenetz. Mit einer Anschlussquote von mageren 18,3 Prozent lässt sich jedoch bei weitem kein Nahwärmenetz betreiben.

Auf Grundlage dieser mageren Datenbasis sollte Gunter Brandt vom Einbecker Planungsbüro GUT die Machbarkeitsstudie für ein Nahwärmenetz in Bracht erstellen. Aber der Physiker ist, was erneuerbare Energien und genossenschaftliche Lösungen angeht, ein begeisterungsfähiger „Überzeugungstäter“, der die Nahwärmenetze in den Rauschenberger Bioenergiedörfern Josbach und Schwabendorf und in der Bioenergiestadt Rauschenberg projektiert, korrekt berechnet und ans Netz gebracht hat. Und auf die Begeisterungsfähigkeit der 48 Anschlusswilligen baute Gunter Brandt seine Machbarkeitsstudie auf, die er im nicht ganz vollbesetzten kleinen Saal der Mehrzweckhalle vorstellte.

Seine erste Annahme: Jedem Anschlusswilligen gelingt es, einen oder zwei Nachbarn von der Idee zu überzeugen, die Heizenergie im Dorf unabhängig von Despoten und Oligarchen in den Öl-Staaten genossenschaftlich selbst zu erzeugen und an die Mitglieder zu verkaufen, wobei es allein die Mitglieder sind, die über den Wärmepreis entscheiden. Kalkulierte Mindestzahl: 103 Anschlusswillige. Seine zweite Annahme: Der Preisverfall des Öls kehrt sich wieder ins Gegenteil um. Der Preisanstieg erfolgt so dynamisch, wie bis zum Jahr 2012.

Sollten beide Annahmen eintreten, könnte in Bracht das ganz große Ding verwirklicht werden: Bracht könnte das erste Sonnenenergiedorf Europas werden.

Sonnenenergie bietetdie höchste Effizienz

Gunter Brandt stellte den Besuchern die Heizquelle eines Nahwärmenetzes vor: Einen Hackschnitzel-Heizofen und ein ein Hektar großes Solarthermie-Feld. Der Hackschnitzel-Ofen sei in Verbindung mit einem kleinen Nahwärmenetz eine ideale Lösung für Bracht-Siedlung. Selbst mit nur fünf bis sechs Teilnehmern könnte eine solche Insellösung wirtschaftlich zu betreiben sein. Auch für Bracht stellte er Berechnungen mit einem Biomasse-Ofen (Stroh, Hackschnitzel, Grünlandschnitt) vor, warb aber für das Solarthermie-Modell.

Seine Begründung: Die unglaubliche Effizienz des kostenlosen Energieträgers Sonne. Für die Aufstellung von Solarthermie-Modulen für die ganzjährige Beheizung von 103 Häusern würden ein Hektar Land benötigt. Eine mit Mais betriebenen Biogasanlage benötige dafür 250 Hektar - also eine um das 250-fache größere Fläche, erklärte Brandt.

Das große Problem der Solarthermie: Die erzeugt Wärme wenn diese am wenigstens gebraucht wird: Zwischen April und Ende September. Dabei kann die im Sommer geerntete Wärme durchaus für das Winterhalbjahr gespeichert werden. Diese großen Speicher sind aber noch richtig teuer, erfordern theoretisch eine Kreditlaufzeit von 50 Jahren, die keine Bank bietet.

Die Gesamtkosten der für Bracht benötigten beiden Heißwasserspeicher mit einem Fassungsvermögen von zusammen 43520 Kubikmetern hat Gunter Brandt mit 4 Millionen Euro veranlagt. Zusammen mit den Kosten für das Solarfeld, das Nahwärmenetz, die Übergabestationen, die in den Häusern die Heizungen ersetzen und den Planungskosten rechnet der Planer mit Gesamtkosten in Höhe von 8,8 Millionen Euro. Diese abnorm hohe Summe wird durch die Fördergelder auf 6,8 Millionen Euro gedrückt. Durch die Absicht des Landes Hessen, Speichertechniken für die erneuerbaren Energien zu fördern, lasse sich der von der Genossenschaft aufzubringende Betrag auf 4,8 Millionen Euro reduzieren. Für Zins, Tilgung und die geringen Unterhaltungskosten müssten jährlich durch den Wärmeverkauf 288281 Euro erwirtschaftet werden. Das bedeutet bei 103 Häusern einen jährlichen Durchschnittswert von knapp 2800 Euro. Finden sich mehr Genossenschaftsmitglieder, sinkt dieser Wert entsprechend.

Arbeitskreis soll offene Fragen klären

Für Brandt näherten sich der Wärmepreis von Solarthermie und Heizöl bei einer Fort­dauer der jetzigen ­Preisentwicklung erst in 20 Jahren an. Kehre der Ölpreis zu seiner alten Preisdynamik zurück, wofür viel spreche, bewegten sich die ­Preise innerhalb weniger Jahre auf einem Niveau.

Gunter Brandt sprach von einem Wagnis, dass sich am Ende auch wegen der extremen Langlebigkeit der Technik lohnen werde. Unterstützung bekam er durch Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich, der von einer hochinnovativen Lösung für Bracht sprach. Noch seien viele Fragen offen. Der erste Schritt müsse mit der Gründung eines Arbeitskreises getan werden, der von den Erfahrungen der bereits bestehenden Genossenschaften profitieren werde. Der werde bestimmt zwei Jahre für die Klärung offener Fragen brauchen. Dann sehe die Ölpreis-Entwicklung möglicherweise schon ganz anders aus.

Dr. Norbert Clement vom Landkreis Marburg-Biedenkopf verwies auf den Klimawandel. Die Lage sei da und die Lage sei ernst, sagte er mit Blick auf die aktuellen Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke. Diese hohen Temperaturen Mitte September seien Ausdruck des Klimawandels. Es sei höchste Zeit, zu handeln, beleuchtete er das ehrgeizige Projekt abseits der pekuniären Seite.

von Matthias Mayer

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