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Schüler reden gegen das Vergessen an

Stolpersteine Schüler reden gegen das Vergessen an

Zwölf Stolpersteine erinnern jetzt an Juden, die in Allendorf, Niederklein und Schweinsberg lebten und vor mehr als sieben Jahrzehnten von den Nazis ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden.

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Eine Schülerin verlas die Geschichte der Ermordeten bei der Stolpersteinverlegung in Niederklein.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. „Heute handeln wir“, formulierte eine Schülerin der Georg-Büchner-Schule. Mit dem Handeln meinte sie die Verlegung der Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig an drei Häusern, in denen einst Juden lebten, Juden, die ermordet wurden. Bewegendes trug sich gleich am ersten Ort, in der Hahnengasse 2, zu.

Künstler Gunter Demnig verlegte am Mittwoch unter Beteiligung zahlreicher Bürger und Gruppen in Stadtallendorf und zwei weiteren Stadtteilen "Stolpersteine". Diese  erinnern jetzt an Juden, die in Allendorf, Niederklein und Schweinsberg lebten und vor mehr als sieben Jahrzehnten von Nazis ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden

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Maurice Budow ist der Urenkel der ermordeten Hermann und Fromnet Ransenberg, die in dem Haus einst lebten. Seine Großeltern Selma und Walter Ransenberg schafften es 1938 noch rechtzeitig, das Deutsche Reich zu verlassen. Von ihnen kennt der mittlerweile in Israel lebende Budow viele Geschichten aus jener Zeit in Allendorf, Geschichten, die die dortigen mehr als 70 Zuhörer überraschten.

Denn: Budow berichtete von der Solidarisierung vieler Allendorfer mit den Ransenbergs, als Nazi-Schergen in SA-Uniform judenfeindliche Lieder vor dem Laden der Ransenbergs sangen. Oder ihnen drohten. „Viele Geschichten, die ich gehört habe, waren nicht typisch für diese Zeit des Holocausts“, sagte Budow. Seine Großeltern hätten Allendorf ihr Leben lang vermisst.

Viele Gäste bei der Verlegung

Währenddessen hatte Gunter Demnig bereits die ersten drei Steine verlegt. Schüler der Büchner-Schule füllten die Namen mit Leben, indem sie kurz die Vita der Menschen verlasen, an die die Steine erinnerten. Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marburg, übernahm es, im Gedenken an alle sechs Millionen in deutschem Namen ermordeten Juden das Kaddisch zu sprechen - eines der zentralen Gebete des Judentums. Es war ein weiterer bewegender Moment an diesem Mittwochmorgen. Orbach sprach hebräisch, vorher wurde das Kaddisch ins Deutsche übersetzt.

Viele Kommunalpolitiker und Vertreter des öffentlichen Lebens begleiteten die Stolperstein-Verlegung, die das Stadtparlament 2013 einstimmig beschlossen hatte. Bürgermeister Christian Somogyi zielte auf die Wirkung der Stolperstein-Verlegung, als er das Engagement der Schüler und der Mädchengruppe des Jugendzentrums lobte. „Es gibt eine besondere Verantwortung, nicht wegzuschauen“, mahnte Somogyi.

Zugleich forderte er dazu auf, sich gegen Faschismus, Rassismus und Hass zu wenden. Ähnliche Worte hatte auch Maurice Budow gewählt. Es war das Duo Santiago, das der Stolperstein-Verlegung an diesem Morgen eine zusätzliche, sehr emotionale Note gab. Katharina Fendel auf der Flöte und Johannes Treml auf der Gitarre wählten an allen vier Verlegestellen für die Stolpersteine Musik, die sich einprägte.

Künstler spricht während der Arbeit kein Wort

Alle Stolpersteine, die gestern in der Kernstadt, in Niederklein wie auch in Schweinsberg eingesetzt wurden, liegen an zentralen Stellen in Gehwegen, vor den letzten Häusern, in denen die Ermordeten und der geflüchtete Dr. Siegfried Höxter zuletzt frei bestimmt lebten.

Die kurzen Vorträge der jungen Schüler gaben immer wieder kurze Einblicke in die Ereignisse, die der Deportation der Menschen vorausgingen. So lebte in Schweinsberg mit Louis Höxter der damalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Er kam nicht mehr dazu, wie geplant in das damalige Palästina auszureisen und seinen Mördern zu entgehen.

Künstler Gunter Demnig sprach während des Verlegens der Steine selbst kein Wort. Er hatte am Dienstagabend im Dokumentations- und Informationszentrum geredet. „Ich sammele und konzentriere mich in diesen Momenten, mache mir die Namen auf den Steinen bewusst“, sagte Demnig. Mehr als 50000 Steine hat er inzwischen europaweit verlegt.

In Stadtallendorf steht der Förderverein für Regional- und Stadtgeschichte gemeinsam mit der Stadt hinter der Verlegung der Stolpersteine. Fritz Brinkmann-Frisch, der Leiter des DIZ, hatte die Verlegung mitorganisiert. Am Ende sollen in Stadtallendorf 34 Stolpersteine verlegt werden. Der Verein wirbt weiterhin um Spenden, um die Stolpersteine zu finanzieren.

von Michael Rinde

DIE NAMEN DER OPFER:

An diese Opfer des Nazi-Regimes erinnern die verlegten Stolpersteine:

Kernstadt, Hahnengasse 2: Hermann Ransenberg, 1942 in Treblinka ermordet, Fromnet Ransenberg, geborene Stern, 1942 in Treblinka ermordet, Fradchen Stern, am 25. Juli 1943 in Theresienstadt ermordet;

Mittelstraße 1: Salomon Wertheim, im September 1942 in Treblinka ermordet;

Niederklein, Schweinsberger Straße 2: Maier Stern, verhaftet 22. Juli 1939, am selben Tag verstorben, Todesursache ungeklärt, Paula Stern, geborene Rosenbaum, auf dem Transport nach Theresienstadt am 8. September 1942 verstorben, Emma Stern, 1943 in Riga ermordet;

Schweinsberg, Marktplatz 16: Louis Höxter, in Bernburg am 11. März 1942 ermordet, Rosa Höxter, geborene Nussbaum, Erika Höxter und Ilse Höxter. Alle drei wurden am 3. Juni 1942 in Sobibor ermordet. Dr. Siegfried Höxter, im Jahr 1939 nach England geflüchtet.

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