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Schnapsidee endet fast im Gefängnis

Gericht Schnapsidee endet fast im Gefängnis

Liebeskummer, reichlich Alkohol und Cannabis-Konsum gingen im Kopf eines 30-Jährigen eine unheilvolle Liaison ein, die den Arbeiter beinahe ins Gefängnis gebracht hätte

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Der Angeklagte mit einem Schluck aus der Piccolo-Flasche, seinen Promillewert zu manipulieren.

Quelle: S.Hofschlaeger_pixelio.de

Kirchhain. Die Moleküle müssen in dem um die Zuneigung seiner Liebsten bangenden Mann mächtig gerast, Alkohol und Cannabis seinen Verstand vernebelt haben. Anders ist sein irrationales Verhalten in den frühen Morgenstunden des 11. Juni 2013 in Stadtallendorf nicht zu erklären, das ihn auf die Anklagebank des Kirchhainer Amtsgerichts brachte.

Chronologie der Abläufe

  1. Um 4 Uhr in der Frühe kommt er auf die Idee, seiner Freundin deren Auto zurückzubringen, das er zuvor mit Hilfe eines Bekannten repariert hat.
  2.  Anstatt den Autoschlüssel in den Briefkasten seiner in Sichtweite nur 200 Meter entfernt lebenden Angebeteten zu werfen, setzt er sich alkoholisiert ans Steuer und fährt zu der Wohnung.
  3. Seine Herzensdame ignoriert das Klingeln und Hupen. Der Galan beginnt, Steinchen gegen die Fenster der Wohnung zu werfen. Die Zielgenauigkeit lässt zu wünschen übrig, ein Stein kracht gegen die Balkontür einer Nachbarin. Die 29-Jährige schreckt hoch und steht senkrecht im Bett.
  4. Durch das Fenster beobachtet sie das Treiben des Mannes. Der fährt mit aufheulendem Motor und hupend ein paar Runden um den Block. Die Zeugin ruft die Polizei.
  5. Eine Polizeistreife trifft den 30-Jährigen in dem Auto am Haus der Freundin an. Der Motor ist noch warm. In dem Fahrzeug liegen einige Bier- und Sektflaschen. Ein kräftiger Schluckaus der Sektflasche Der Angeklagte greift zu einer Piccolo-Sektflasche und nimmt einen kräftigen Schluck. Die Beamten wollen diesen Nachtrunk zur Verfälschung des Blutentnahme-Ergebnisses nicht dulden; es kommt zu einem Gerangel. Die Blutentnahme ergibt eine Blutalkoholkonzentration von 1,72 Promille. Außerdem wird ein deutlicher THC-Wert festgestellt.

Den Führerschein können die Beamten dem Mann nicht abnehmen. Er hat nie eine Fahrerlaubnis besessen. Staatsanwältin Annemarie Petri hatte den 30-Jährigen wegen vier zwischen dem 30. Mai und dem 11. Juni erfolgten Fahrten ohne Führerschein angeklagt - im letzten Fall tateinheitlich mit einer Trunkenheitsfahrt. Vor dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagenden Gericht zeigte sich der Angeklagte reumütig und geständig. Allerdings habe er eine der vier angeklagten Fahrten in die Innenstadt nicht begangen. Dieser Anklagevorwurf wurde daraufhin vom Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft nach § 154.2 der Strafprozessordnung vorläufig eingestellt.Der Angeklagte erzählte von belastenden Problemen mit seiner Freundin, die sich nicht mehr gemeldet und Anrufe ignoriert habe und von einem erheblichen Alkoholkonsum. „Ich habe mich schlecht gefühlt“, fasste er seine damalige Gemütslage zusammen.

Polizist: „Der warvöllig durch den Wind“

Diesen Eindruck bestätigte ein Polizist im Zeugenstand: „Der war völlig durch den Wind“, sagte er. Der Angeklagte sei ebenso verzweifelt wie aufgebracht über das Verhalten seiner Freundin gewesen, die ihm unter anderem ihr Alter von 50 Jahren verschwiegen habe. Die Freundin wiederum habe sich - so das Ergebnis einer Befragung - durch den Mann verfolgt und gestalkt gefühlt, gab der Beamte an.Die als Zeugin geladene Nachbarin berichtete von gelegentlich hörbaren Streitigkeiten zwischen dem Angeklagten und dessen Freundin. Am 30. Mai habe der Mann mit seiner Brüllerei den ganzen Block in helle Aufruhr und zum Teil auch in Angst versetzt. Sie sei froh, dass dieser Spuk nun vorbei sei. Problem des Angeklagten, dem ein Rechtsmediziner zur Tatzeit einen Zustand der absoluten Fahruntüchtigkeit bescheinigte: Er ist einschlägig vorbestraft und beging die angeklagten Taten während der noch einige Wochen laufenden Bewährungszeit.

Gespräche bei der Drogenberatung

Als Bewährungsversager musste er Pluspunkte sammeln. Der 30-Jährige versuchte mit seinem Motiv und mit seiner Einsicht zu punkten. Beim ersten Versuch der Fahrzeug-Übergabe habe ein Bekannter das Auto gefahren; seine Freundin habe nicht geöffnet. Bei den drei folgenden Versuchen seit er die kurze Strecke selbst gefahren. „Ich wollte das Auto endlich loswerden“, gab er an. Dies wiederum wollte ihm das Gericht nicht abnehmen. Der Angeklagte habe das Auto auch zu nachtschlafender Zeit als Vehikel benutzt, um wieder in Kontakt zu seiner Freundin zu kommen, konstatierte Edgar Krug. Den Trennungsschmerz habe er überwunden, seit November meide er jeden Kontakt zu der Frau, gab der Angeklagte an, der zugleich bekannte, ein Alkoholproblem zu haben. „Ich habe damals deutlich zu viel getrunken, der Suff hatte Überhand“, sagte er. Dagegen gehe er jetzt vor. Er berichtete von sechs Gesprächen bei der Drogenberatung, einem zwei Wochen zurückliegenden Gespräch bei dem Betriebsarzt und seiner Absicht, in zeitlicher Abstimmung mit seinem Arbeitgeber eine stationäre Entgiftung zu machen.

Führerscheinsperre

Annemarie Petri überzeugte das nicht. „Das ist zu wenig“, sagte die Staatsanwältin und warf dem Angeklagten vor, die jüngsten Aktivitäten unter dem Druck der Hauptverhandlung entwickelt zu haben. So beantragte sie für die verbliebenen drei Taten eine Gesamtfreiheitsstrafe von 11 Monaten ohne Bewährung und eine zweijährige Führerschein-Sperre. Angeklagter mussstationäre Therapie machen Rechtsanwalt Thomas Strecker warb dagegen für eine Bewährungschance für seinen Mandanten. „Er hat reinen Tisch gemacht, keine Ausflüchte gesucht und noch rechtzeitig die Reißleine gezogen“, sagte er. Neben dem engen zeitlichen und sachlichen Zusammenhang müssten auch die sehr kurzen Fahrstrecken strafmildernd berücksichtigt werden.„Die Anträge der Staatsanwaltschaft sind angemessen. Der Wind der Vorstrafe weht Ihnen ins Gesicht“, sagte Edgar Krug an die Adresse des Angeklagten. Das Gericht verurteilte diesen wegen Fahrens ohne Führerschein in drei Fällen, einmal tateinheitlich mit einer vorsätzlichen Trunkenheitsfahrt, zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe, die es auf drei Jahre zur Bewährung aussetzte. Die Bewährungschance begründete das Gericht unter anderem mit dem vergleichsweise geringen Gefährdungspotenzial. Bewährungsauflagen: Aufsicht eines Bewährungshelfers, 1000 Euro Geldauflage und eine zeitnahe stationäre Therapie. Die Führerscheinsperre beträgt zwei Jahre.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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