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Schlag mit Flasche bleibt ungesühnt

Aus dem Gericht Schlag mit Flasche bleibt ungesühnt

"Im Zweifel für den Angeklagten" hieß es am Ende der Verhandlung wegen einer nächtlichen Attacke mit einer Flasche. Das Amtsgericht Marburg sprach einen 28 Jahre alten Asylbewerber frei.

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In einer Kneipe in der Niederkleiner Straße war es im Februar zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen.

Quelle: Archivfoto: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. Was genau sich am 27. Februar um 6 Uhr morgens in einer Stadtallendorfer Kneipe zwischen, wie sich mehrere Zeugen und Beteiligte ausdrückten, „Russen und algerischen Asylbewerbern“ abspielte, ließ sich während einer mehrtägigen Verhandlung vor dem Marburger Amtsgericht nicht herausfinden. Fakt ist: Ein junger Mann erlitt durch den Stich mit einer Flasche in seinen Hals lebensgefährliche Verletzungen - eine Tat, die allerdings in Notwehr geschah. Zudem trug ein zweiter Mann leichte Kopfverletzungen davon, die wohl vom Schlag mit einer Bierflasche herrührten.

Wer diesen Schlag ausführte, steht nicht fest. Amtsgerichtsdirektor Cai Adrian Boesken schien während der langwierigen, zähen Verhandlung mehrfach zu verzweifeln: Zahlreiche Zeugen konnten - oder wollten - in ihren alkoholvernebelten Erinnerungen keine tragfähigen Aussagen treffen oder Licht ins Dunkel bringen. Einige widersprachen sich im Vergleich mit ihrer polizeilichen Aussage selber. Und manch einer gab an, nichts gesehen zu haben - zum Beispiel ein 21 Jahre alter Algerier, der konstant wiederholte, er habe nur „Automat gespielt“, dabei getrunken und nichts gemacht. „Warum verteidigen Sie sich? Sie sind Zeuge, kein Angeklagter“, sagte Boesken, um den Mann unmittelbar danach mit der Aussage eines Landsmannes zu konfrontieren. Dieser hatte behauptet, der 21-Jährige habe den Schlag mit der Flasche ausgeführt. „Nein, warum? Das ist nicht mein Problem gewesen“, kommentierte dieser die Anschuldigung.

Zeugen erinnern sich nicht an die Details

Nicht einfacher wurde die Verhandlung dadurch, dass zahlreiche Zeugen ihr fernblieben. Eine 22-Jährige folgte immerhin der dritten Ladung. Beim ersten Mal sei sie krank, beim zweiten Mal im Urlaub gewesen, erklärte sie ihr unentschuldigtes Fehlen - nur, um danach diverse Fragen mit „Ich weiß nicht, ich war angetrunken“ zu beantworten. Immerhin hatte sie eine Antwort auf die Frage, wer mit der Bierflasche zugeschlagen habe: „Ein Dunkelhäutiger mit Kappe.“ Ob der Angeklagte in Frage komme, erkundigte sich Boesken. „Keine Ahnung, die sehen alle gleich aus“, entgegnete die junge Frau.

Und so war das eindringlichste, was Zeugen zu Protokoll gaben, die Aussagen von zwei Polizisten. Eine Beamtin berichtete vom Versuch, mit ihrem Streifenkollegen am Tatort Aufklärung zu betreiben: „Hätten wir gewusst, was uns unten in der Kneipe erwartet, wäre es sinnvoll gewesen, auf Verstärkung zu warten.“ Die Stimmung sei alkoholgeschwängert, aggressiv und aufgeheizt gewesen. „Wir riefen Unterstützung - aber es passierte gar nichts.“ Grund sei, dass die zweite Streife der Stadtallendorfer Polizeistation in Halsdorf im Einsatz war. Und die dritte Streife, die vornehmlich für Einsätze in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge gedacht ist, täglich nur von 12 bis 24 Uhr Dienst hat.

Hätten sich die Beamten nicht dazu entschlossen, sofort in die Kneipe hineinzugehen, wäre der Schwerverletzte verblutet, lobte Boesken den beherzten Entschluss und betonte, dass er sich um die Sicherheit der Polizisten sorge. „Wir sind eine kleine Dienststelle und leiden unter chronischem Personalmangel“, kommentierte ein zweiter Polizist: „Es gibt dann halt keine Unterstützung.“

Ein Widerspruch zur angedrohten Selbstjustiz

In diesem Fall rückte allerdings doch noch eine zweite Streife an - es war schließlich gerade Schichtwechsel. Allerdings musste Streife eins dies nutzen, um den Angeklagten abzutransportieren. Warum sie den Mann nicht einfach im Auto festgesetzt hätten, fragte Boesken. „Das geht in Stadtallendorf nicht. Da zerren ihn die Leute noch aus dem Auto raus. Das läuft chaotisch“, sagte der Polizist. Er berichtete außerdem, dass die Gruppe der Russen aggressiv gewesen sei und davon gesprochen habe, die Angelegenheit ohne Polizei zu regeln.

Nur wenige Meter weiter habe der Angeklagte gestanden - der im Gegensatz ruhig, freundlich und zuvorkommend gewesen sei und den Rettungskräften sogar die Tür aufgehalten habe. Noch dazu sei er, wie viele andere, nicht geflohen und habe stattdessen zugegeben, der Täter zu sein - für den, wie die Ermittlungen ergaben, Stich mit der Flasche in den Hals. Nicht jedoch für den Schlag, wie Boesken während des Freispruchs hervorhob. Der Amtsgerichtsdirektor stellte heraus, dass in diesem Zusammenhang ein weiterer Punkt sehr verwunderlich sei: „Da steht einer draußen und redet von Selbstjustiz, und der, der die Tat begangen haben soll, steht unmittelbar daneben. Aber er schreit nicht: ,Das ist das Schwein.‘ Das ist doch sehr ungewöhnlich.“

Boesken widmete sich auch der Aussage des Opfers, der den Täter wiedererkannt haben wolle. Der Angeklagte sei der einzige Kneipenbesucher gewesen, von dem die Polizei dem Verletzten ein Foto vorgelegt haben. Alle anderen Bilder, die das Opfer gesehen habe, seien von Personen gewesen, die nicht in der Kneipe waren. Es gebe also insgesamt zu viele Punkte die dagegen sprächen, ein zweifelsfreies Urteil zu fällen. Daher sprach er den Angeklagten frei. Dieser bekommt nun für rund sechs Monate, die er unschuldig in Untersuchungshaft saß, Entschädigung.

von Florian Lerchbacher

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