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Schlafen, Fernsehen, Spazierengehen

Flüchtlingsalltag Schlafen, Fernsehen, Spazierengehen

Wie sieht die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge in Rauschenberg aus? Was leisten die ehrenamtlichen Helfer? Welche Probleme haben diese? Mit diesen Fragestellungen befasste sich der Sozialausschuss.

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Das ist selten in Rauschenberg: Volles Haus bei der Sitzung des Ausschusses für Kultur, Sport und Soziales zum Thema Flüchtlinge.

Quelle: Matthias Mayer

Rauschenberg. Die Bündnisgrünen hatten das Thema auf die Tagesordnung gesetzt und der Ausschussvorsitzende Frank Riedig dazu den Arbeitskreis Flüchtlinge eingeladen. Die Mitstreiter um Gundel Neveling kamen so zahlreich, dass das Sitzungszimmer im Rathaus die Besucher kaum fassen konnten. Die Kernaussagen aus dem Arbeitskreis:

  • Ohne das Engagement der Ehrenamtlichen gäbe es für die erwachsenen Flüchtlinge nicht ein Angebot zur Gestaltung ihrer überreichlich vorhandenen Zeit.
  • Der Arbeitskreis würde gern mehr Angebote für erwachsene Flüchtlinge machen, aber dazu fehlt es an ehrenamtlichen Helfern. Insbesondere die Generation U 30 ist im Helferteam so gut wie nicht vertreten.
  • n Die Perspektivlosigkeit der jederzeit von Abschiebung bedrohten Flüchtlinge vom Balkan belasten diese, aber auch die Helfer. Die Lage wird als demotivierend empfunden.

Die OP dokumentiert die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wie viele Flüchtlinge leben in Rauschenberg? Es sind derzeit 53 Flüchtlinge, wobei eine weitere Zuweisung von 20 Flüchtlingen erwartet wird. Die größte Gruppe bilden die Flüchtlinge aus Albanien, gefolgt von Eritrea und Afghanistan. Die Flüchtlinge sind ausnahmslos in der Kernstadt untergebracht. Für Familien gibt es inzwischen fünf Wohnungen. Die anderen Flüchtlinge wohnen in einem Hotel.

Welchen Status haben die Flüchtlinge? Sie haben alle einen ungeklärten Status. Selbst Flüchtlinge, die seit zwei Jahren im Land sind, haben noch keinen ihren Asylantrag betreffenden Entscheid. Zwei Flüchtlinge, die seit zwei Monaten in Rauschenberg leben, wurden erst jetzt abgeholt, damit sie in Gießen ihre Asylanträge stellen können. Da werde wertvolle und teure Zeit verschwendet, klagt Gundel Neveling. Nach Wahrnehmung des Arbeitskreises sind die Behörden mit der Situation maßlos überfordert. Ein Arzt berichtet, dass er schon vor fünf Wochen seine Dienste für ärztliche Untersuchungen in den Erstaufnahmeeinrichtungen angeboten habe. Auf eine Antwort warte er noch heute.

Wie sieht der Alltag der Flüchtlinge aus? Für die Erwachsenen besteht der Tagesablauf aus Schlafen, Fernsehen und Spazierengehen. Höhepunkt der Woche: Die Radtour zum Einkaufen nach Kirchhain. Eine Helferin erzählt, dass die Lage in dem Hotel besonders belastend sei. Ein junger Flüchtling aus Eritrea habe die Monotonie nicht mehr ausgehalten, sei abgehauen, untergetaucht. Fast alle Flüchtlinge würden gerne arbeiten. Einige von ihnen haben die Eigenleister-Truppe von der Kratz‘schen Scheune verstärkt und beim Verlegen von Verbundpflaster geholfen. Ein junger Albaner mit Lkw-Führerschein würde sofort einen Job bei einer Spedition bekommen. Das scheitert an der Bürokratie, denn die Umschreibung seines Führerscheins würde mehrere tausend Euro kosten. Ein weiteres Problem: Laut Gundel Neveling gibt‘s „den typischen syrischen Arzt“ in Rauschenberg nicht. Die Flüchtlinge besäßen eher ein einfaches Bildungsniveau. Weitaus besser sind die Kinder dran. Sie besuchen den Kindergarten oder die Schule, gehen zum Sport, besuchen die offene Kinder- und Jugendarbeit der Stadtjugendpflege, nehmen an den Ferienspielen und ähnlichen Aktivitäten teil.

Was leistet der Arbeitskreis für die Flüchtlinge? Die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer ruht auf drei Säulen: n Deutschunterricht: Asylbewerber mit Aussicht auf Bleiberecht haben Anspruch auf einen hundertstündigen Deutschkurs, der im Landkreis von der Volkshochschule angeboten wird. Nach Erfahrungen, die auch der Kirchhainer Arbeitskreis so gemacht hat, reichen diese Kurse bei Weitem nicht aus, um die deutsche Sprache auch nur halbwegs zu erlernen. Deshalb bietet der Arbeitskreis vier Deutschkurse in der Alten Schule, die von pensionierten Lehrern ehrenamtlich gegeben werden. Eingeteilt werden die Kurse nach den Vorkenntnissen. Den größten Lernerfolg haben die Albaner, denen man anmerkt, dass sie ein Schulsystem durchlaufen haben. Dagegen kommen die Schwarzafrikaner nur sehr langsam voran. Ein Kurs ist für Frauen reserviert. Für diesen bietet der Arbeitskreis auch eine Kinderbetreuung an, weil sonst die Afrikanerinnen nicht kommen würden.

Patenschaften: Ehrenamtliche übernehmen Patenschaften für Familien, Einzelpersonen und Gruppen. Sie begleiten ihre Schützlinge bei Arztbesuchen und bei Behördengängen, helfen bei Postsachen, unternehmen Ausflüge oder gehen mit ihnen ins Schwimmbad. Die Paten sind am nächsten dran, was unter Integrationsarbeit zu verstehen ist. Sie müssen alle Kosten selbst tragen. Anerkennungsprämien vom Staat gibt es nicht. Dafür sind die Paten über die Stadt Rauschenberg versichert.

Veranstaltungen: Der Arbeitskreis bietet regelmäßig Spieleabende an, die jedoch von einer Flüchtlingsgruppe nicht besucht werden. Gemeinsam mit der Stadt gibt es in der Kratz‘schen Scheune eine Weihnachtsfeier. Zu mehr reichen die personellen und finanziellen Resourcen nicht. Der Arbeitskreis hat kein Budget, sondern nur ein Spendenkonto, das - wie Frank Riedig sagte - so gut wie kein Rauschenberger kennt. n Was fehlt? Ein kostenloser WLAN-Hotspot in der Stadt. Im Sommer trafen sich die Flüchtlinge am Freibad, um über dessen Hotspot mit ihren Angehörigen zu kommunizieren. Jetzt versammeln sie sich zu diesem Zweck in der Nähe eines Restaurants.

Was ist geplant? An Ideen mangelt es nicht. Im kommenden Frühjahr soll ein früheres Gärtchen urbanisiert und in einen interkulturellen Garten umgewandelt werden. Die Stadt hat in ihrem Haus Bahnhofstraße 10 einen Kellerraum für die Einrichtung einer Fahrradwerkstatt zur Verfügung gestellt. Dieser soll noch in diesem Jahr bezogen werden. Mitglieder des Arbeitskreises und Flüchtlinge sollen dort gemeinsam Fahrräder für die Flüchtlinge überholen. Ein regelmäßiger Café-Treff soll etabliert werden. Pfarrerin Kathrin Wittich-Jung stellte dafür spontan das Haus der Begegnung zur Verfügung. Die Stadtverordnete Brigitte Klingelhöfer will das ermöglichen, sucht aber noch vier oder fünf ehrenamtliche Mitstreiter. Zudem soll erstmals Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. „Wir haben bisher agiert, tue Gutes und rede wenig darüber“, bekannte Gundel Neveling. Diese Linie könne mit Blick auf die Suche nach Paten für die erwarteten 20 neuen Flüchtlinge nicht beibehalten werden.

Was bleibt? Frank Riedig sprach von einem „sehr, sehr informativen Abend und von einer Leistung der Ehrenamtlichen, die höchsten Respekt verdiene. Er regte eine enge Verzahnung und einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch zwischen Arbeitskreis und der kommunalpolitischen Ebene an.

von Matthias Mayer

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