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Schlägereien bleiben ungesühnt

Gericht Schlägereien bleiben ungesühnt

Vor zwei Jahren an Pfingsten gab es am Rande einer Handballer-Party Ausschreitungen: Schläge, Tritte, einen Flaschenwurf. Die Hauptverdächtigen wurden nun mangels Beweisen freigesprochen.

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Weil es keine eindeutigen Beweise gab, sprach das Gericht drei Angeklagte frei, denen gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wurde. 

Quelle: dpa

Neustadt. An Pfingstsamstag 2014 gehen gegen 4.40 Uhr morgens in der Stadtallendorfer Polizeistelle gleich mehrere Anrufe ein. Unter anderem von einem 22-jährigen Studenten, der sich zu diesem Zeitpunkt verängstigt unter einem Tisch versteckt. Der junge Mann ist eigentlich zum Handballspielen ins hessische Neustadt gekommen: An jenem Pfingstwochenende findet das traditionelle Turnier statt, bei dem diverse Neustädter Mannschaften gegeneinander antreten. Er selbst ist mit einem Team aus Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen) vor Ort.

Gemeinsam gehen die Handballer am Abend vor Turnierbeginn auf eine Party im Haus der Begegnung, die bis kurz vor ihrem Ende recht entspannt verläuft. Die dann aber ein wenig aus dem Ruder läuft. „Unsere Mädchen wurden von einer kleinen Gruppe Männer belästigt“, erzählt der Student, „wir haben sie zu uns geholt, um die Situation zu beruhigen“. Die Handball-Mannschaft macht sich schließlich auf den Weg zum Haus der Vereine, in dem sie untergebracht ist. Plötzlich wird einer der Spieler von einer fliegenden Glasflasche am Kopf getroffen.

Der Student hört jemanden fragen, ob er Lust auf eine Messerstecherei habe. Er rennt darauf weg, versteckt sich unter besagtem Tisch und alarmiert die Polizei. „Auf mich wirkte es so, als hätten sie einfach nur Lust auf Prügeln gehabt“, schildert er und spricht von vier bis fünf Personen.

Polizei rückt mit zwei Streifen an

Prügel gibt es danach in der Tat noch. Auch vor dem Haus der Vereine taucht die Gruppe auf. Dort sitzt ein Spieler einer anderen Mannschaft und raucht. Scheinbar grundlos und ohne große Vorrede kassiert er einen Schlag gegen den Unterkiefer. Wegen der Unruhe kommen vereinzelt Personen aus dem Haus heraus und wollen schlichten.

Einer bekommt eine Kopfnuss, ein anderer einen Schlag gegen den Hals, wieder ein anderer drei Schläge gegen den Kopf. Die Polizei rückt mit zwei Streifen an und spürt drei stark alkoholisierte, tatverdächtige Männer auf. Einer von ihnen wird in Gewahrsam genommen, weil er androht, „weiteren Ärger“ zu machen, berichtet ein Polizist. Fast zwei Jahre sind inzwischen vergangen.

Viele können sich nicht mehr an Details erinnern

Bei der Verhandlung vor dem Marburger Amtsgericht spricht Richter Thomas Rohner die drei Angeklagten frei von dem Vorwurf der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung. „Wir haben keine Sicherheit, auf die eine Verurteilung gestützt werden könnte“, begründet er, „es bleiben zu viele Zweifel“.

Nur einer der Angeklagten sprach zuvor umfangreich über die Geschehnisse des Abends. Er sei erst dazu gekommen, als die Schlägerei schon im Gange war und habe seinen Freund ­herausziehen wollen, so der 23-jährige Mann aus Wiera. Die anderen beiden Beschuldigten aus Neustadt beziehungsweise Marburg, beide ebenfalls 23 Jahre alt, erklärten, sie erinnerten sich nicht mehr genau an die entscheidenden Situationen.

„Das ist natürlich Blödsinn“, so Rohner, „ich glaube nicht, dass sie gar nichts mehr wissen“. Es gebe vielmehr eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Angeklagten an den Taten beteiligt gewesen seien. Gerade deshalb sei das Urteil „unbefriedigend“.

Das Problem: Auch die Zeugen und Geschädigten konnten sich an zahlreiche Details nicht mehr erinnern. Die Vorfälle liegen lange zurück, zur Tatzeit war es dunkel, alles ging sehr schnell. Keiner identifizierte einen Täter. „Er war es zu 70 Prozent“, sagte ein Zeuge und deutete auf den Mann ganz rechts auf der Anklagebank. „Mit 70 Prozent ist man Täter? Dann haben wir ein massives Problem mit der Rechtsprechung“, erwiderte dessen Verteidiger. Die Staatsanwaltschaft wägt noch ab, in Berufung zu gehen.

von Yanik Schick

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