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Schimmel in Wänden und eine Altlast im Keller

Stadtallendorf Schimmel in Wänden und eine Altlast im Keller

Monatelang rangen Mieter darum, aus einem mehrfach mit Schadstoffen belasteten Haus in Stadtallendorf auszuziehen. Die Geschichte nahm gestern kurzfristig doch noch ein gutes Ende für ein Ehepaar mit Kindern.

Mit der Hand weist Manuel Buda auf die jüngsten Schimmelspuren an der Decke im Kinderzimmer.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Eigentlich waren Vanessa und Manuel Buda mit ihren Kindern - einem 5 Jahre alten Mädchen und einem 3 Jahre alten Jungen - im Sommer vergangenen Jahres überglücklich. Sie genossen ihr neues Heim, eine Erdgeschosswohnung in einem Haus im DAG-Gebiet. Doch seit einigen Monaten ist das Leben dort für sie ein Albtraum.

Beim Besuch der OP in ihrer Wohnung husten beide immer wieder stark. Sie schlafen alle mittlerweile im Wohnzimmer. Ein Blick an eine Wand im Kinderzimmer zeigt den Grund: Dicker Schimmel hat sich direkt auf dem Putz einer mal übertapezierten Wand gebildet. Dicker Schimmel in verschiedenen Farben findet sich auch auf einer Kellerwand, auf neuen Körben im Badezimmer, auf Türzargen.

Im November begann der Albtraum für die Bewohner, die Budas, einen weiteren Mieter und eine hochschwangere Frau. Ein zufällig vorbeikommender Mitarbeiter der HIM GmbH bemerkte überrascht, dass dieses Haus wieder bewohnt war. Denn im Keller befindet sich eine nicht sanierte Rüstungsaltlast.

Marzipangeruch löste Verdacht aus

Das Haus steht auf einem Teil eines früheren Klärbeckens des Sprengstoffwerkes der DAG. Budas begannen nach dieser Information, zu recherchieren. Ihnen war der Marzipangeruch im Keller des Hauses schon aufgefallen. Marzipangeruch stammt von Mononitrotoluolen (MNT). Doch das trat zunächst weit in den Hintergrund, als sich der Schimmel extrem zeigte. Das Haus stand von 2008 bis 2014 leer, es wurde von einer im Landkreis wohnenden Frau gekauft. Ihr Mann verwaltet es offenbar.

Der OP vorliegende Kopien von Dokumenten belegen dabei, dass dem Käufer zumindest die Rüstungsaltlast bekannt war. Außerdem erklärte das Regierungspräsidium (RP) Gießen auf Anfrage dieser Zeitung, dass der Schimmelbefall bereits vor 2008 gutachterlich festgestellt worden ist.

Aus Sicht des RP liegt die Luftbelastung durch MNT (krebserregend und erbgutschädigend) nach einer ersten Untersuchung unter kritischen Grenzwerten. Gleichwohl: Seit 2008 gibt es eine klare Empfehlung für die Keller, wie Sprecherin Gabriele Fischer erklärt. Demnach sollte man sich dort nicht länger als zwei Stunden in dem Keller aufhalten. Das RP empfiehlt eine neue Entwässerung und vor einer Wiederbenutzung eine Altlastensanierung. Für das Gebäude existiert nach wie vor eine Sanierungsvereinbarung mit dem Land. In der Vergangenheit scheiterte eine Sanierung an Konflikten zwischen Behörde und früherem Eigentümer.

Kinder sind dauernd krank

„Als wir hier einzogen, gab es keine Spuren von Schimmel“, sagt Vanessa Buda. Als Kind litt sie unter Asthma. Das sei aber nach 2006 verschwunden, wie auch eine Eingangsuntersuchung bei der Bundeswehr zeigte. Jetzt ist es wieder vorhanden, wie ein Arztbrief auch belegt. Auch ihre Kinder seien dauernd krank, beklagen die Budas. Ihre schwangere Nachbarin hat sich bereits vor einigen Tagen mit dem Vermieter kurzfristig und trotz finanzieller Einbußen auf eine Vertragsauflösung ge einigt.

Für alle Mieter war es bisher eine sehr belastende Zeit, körperlich wie auch psychisch. Sie informierten sich beim früheren Besitzer über die Geschichte der Villa - insbesondere die Altlast, von der sie bis dato nichts wussten. Der Vorbesitzer hatte den jetzigen Eigentümer nach eigenen Angaben selbst über die Historie ins Bild gesetzt, als er vom Verkauf erfuhr. Die Budas wendeten sich auch im November an verschiedene Behörden, die Stadtverwaltung, das Kreisbauamt und schließlich auch das Gesundheitsamt.

Das Gesundheitsamt kam auf Drängen und Bitten der Budas in deren Wohnung. Dem Eigentümer gab die Behörde auf, bis zum 15. Februar, also bis zu diesem Sonntag, ein Gutachten einzureichen, wie die Budas berichten. Eine Bestätigung der Kreisverwaltung dazu gibt es nicht, aus rein formalen Gründen. „Uns ist der Fall bekannt. Wir können uns aber aus datenschutzrechtlichen Gründen dazu derzeit nicht äußern“, erklärt Dr. Markus Morr, Sprecher der Kreisverwaltung.

Budas hatten sehr um Unterstützung von Behörden gekämpft, fühlten sich über eine lange Strecke ihres Weges von den Ämtern, die sich jedes für sich nicht zuständig sahen, alleingelassen. Gestern war jenes Haus auch Thema im Kreistag. Die Fraktion Die Linke hatte einen Dringlichkeitsantrag gestellt (die OP berichtete am Freitag auf Landkreis). Darin forderte Die Linke die Unterstützung der Hausbewohner durch die Kreisbehörden, schilderte den Fall bei Begründung der Dringlichkeit aus Sicht der Betroffenen. Die Dringlichkeit wurde aber mit Stimmen von CDU und SPD abgelehnt, Grüne und Jens Fricke (Die Piraten) unterstützten die Dringlichkeit. CDU-Fraktionsvorsitzender Werner Waßmuth sah keine Dringlichkeit, da sich die Kreisverwaltung bereits mit dem Problem befasst. Der Antrag müsste nun bei der nächsten Kreistagssitzung auf die Tagesordnung kommen.

Einigung ermöglicht Familie den Auszug

Gegenüber der OP wollte sich der Mann der Eigentümerin nicht zur Angelegenheit äußern. Wochenlang hatten die Budas mit ihm und unterstützt vom Anwalt aller Hausbewohner um eine Vereinbarung gerungen. „Wir wollen nur noch raus“, sagt Manuel Buda, erst recht, nachdem ihnen ein Experte klargemacht hatte, dass sie auf ihre Möbel verzichten sollten. Denn es sei zu befürchten, dass die Schimmelsporen ansonsten mitumzögen.

Doch neue Möbel konnten sich die Budas zunächst überhaupt nicht leisten, sie waren ja grad erst umgezogen. Lange sah es nach einem Scheitern der Verhandlungen aus, zumal die Budas den Eigentümer nicht aus der Haftung für die Folgeschäden lassen wollten. Doch gestern Nachmittag gab es eine gute Nachricht: Die Vereinbarung ist unterschrieben. Budas werden ausziehen und bekommen Geld für neue Möbel. „Ich bin überglücklich“, sagt Vanessa Buda.

von Michael Rinde

Von Redakteur Florian Lerchbacher

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