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Schauspieler haucht dem Lenz Leben ein

Bildung Schauspieler haucht dem Lenz Leben ein

Deutschunterricht, wie man ihn nicht alle Tag erlebt, gab es in der Stiftsschule: Schauspieler Christian Wirmer brillierte in der Rolle des psychisch erkrankten Dichters Jakob Michael Rudolf Lenz.

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Christian Wirmer zog die rund 100 Schüler mit seiner Darstellung des Lenz in seinen Bann.Foto: Karin Waldhüter

Amöneburg. Georg Büchners posthum im Jahr 1839 erschienene Novelle „Lenz“ ist kein einfacher, dafür aber umso bewegenderer Text - und noch dazu Pflichtlektüre für die Abiturjahrgänge in Hessen. „Büchner ist nicht leicht zu lesen. Und so stellte sich die Frage, wie führt man die Schüler an den Lenz heran“, berichtete Deutschlehrerin Katrin Düringer. Sie hatte sich dafür entschieden, Schauspieler Christian Wirmer einzuladen, der neben „Lenz“ auch „Leonce und Lena“ von Büchner in seinem Repertoire hat.

Ganz alleine trug Wirmer Büchners Werk 90 Minuten lang vor - angesichts der enormen Textmasse eine gewaltige Leistung, die größten Respekt verdient, aber auch den rund 100 Schülern der Jahrgangsstufe Q2 Einiges an Konzentration abverlangte. Mit gewaltiger Ausdruckskraft und Bühnenpräsenz erzählte Wirmer von der Reise des psychisch erkrankten Dichters Jakob Michael Rudolf Lenz, der sich wegen seiner psychotischen Schübe Hilfe von Pfarrer Johann Friedrich Oberlin erhofft. Wirmer erzählte von unglücklicher Liebe, Schuldgefühlen, einer dumpfen Angst, von Zweifeln an sich selbst und den schlimmen Momenten, in denen Lenz Gott zur Hilfe ruft, fastet, Selbstmordgedanken ihn plagen und der Atheismus ihn erfasst.

Für die Darstellung des Balanceaktes zwischen Klarheit und Wahn brauchte Wirmer weder Requisiten noch eine Maske - trotzdem konnte jeder Schüler die von Lenz durchlebten Qualen und Stimmungsschwankungen nachvollziehen. Dramatische Momente angefüllt mit Schweigen ließen die Schüler atemlos zuhören.

Gleichzeitig gelang es Wirmer, Bilder von sonnendurchfluteten Berggipfeln vor dem geistigen Auge der Schüler entstehen zu lassen, die er dem Schmerz gegenüberstellte.

Getragen wurde die Geschichte durch die nie abflachende Spannung, die sich fast greifbar zwischen den Schülern und Wirmer aufbaute und so die Aufführung zu einem gemeinsamen Erlebnis und einem Höhepunkt des literarischen Theaters werden ließ.

„Er tat alles, wie es die anderen taten, es war eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebt er hin.“ Mit diesen Worten endet die Novelle - und während Wirmer leise den Saal verließ, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Es verging eine Weile, bis Applaus die ergriffene Stille ablöste. „Dass die Schüler so super zugehört haben, spricht für die Qualität der Aufführung“, freute sich Düringer.

Georg Büchner war Schriftsteller, Mediziner und Naturwissenschaftler und starb im Alter von 23 Jahren an Typhus. „Die Genialität Büchners wird in Lenz deutlich. Hier kommt alles zusammen und zeigt, wie sich Büchner schon lange Jahre vor Sigmund Freud mit dem Wahnsinn auseinandergesetzt hat“, erklärte die Lehrerin.

Auch Schülerin Sophie Höck zeigte sich beeindruckt: „Es hat mir sehr gut gefallen. Als ich das Buch las, fand ich es nicht so spannend. Die Aufführung hat etwas Besonderes aus dem Buch gemacht.“

Nach der Vorstellung stand Wirmer den Schülern noch Rede und Antwort. Büchner habe eine große Sympathie für Lenz entwickelt und sei in seiner Art zu schreiben, besonders wenn er wörtliche Rede benutze, ganz nah an Lenz dran, sagte der Schauspieler. Dann aber beschreibe er ihn wieder wie ein Beobachter, der einen Blick aus dem Weltraum auf Lenz werfe, fügte Wirmer hinzu: Selbst nach 66 Aufführungen entdecke er immer wieder neue Aspekte in der Geschichte, die ihm nach wie vor viel Spaß mache und die er gerne an Schulen zeige.

von Karin Waldhüter

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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