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Schatten über dem Naturparadies

Entchen füttern schadet Schatten über dem Naturparadies

Die direkt ans Wasser führende Rampe am Wohrasandfang ist ein beliebter Platz. „Sonntags ist hier ab 13 Uhr die Hölle los“, sagt ein Passant. „Dann werden hier etliche Toastbrote verfüttert“, sagt er.

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Hier wird es eng: Allein der Zulauf zum Wohrasandfang ist noch nicht komplett zugefroren. Fotos: Matthias Mayer

Kirchhain. Dr. Gregor Busse vom Veterinäramt des Landkreises Marburg-Biedenkopf und Jürgen Rößler vom Kirchhainer Ordnungsamt hören das gar nicht gern. Sie sind zum Ortstermin mit der OP gekommen, um die Öffentlichkeit über die gravierenden Folgen einer übermäßigen Fütterung der Wasservögel zu informieren. Diese schadet sowohl den Tieren, die daran verenden können, als auch dem Gewässer.

Entchen füttern am Sandfang ist in Kirchhain ungefähr so beliebt wie am 30. Dezember der Gang über den Neujahrsmarkt. Was ist daran so schlimm? Dr. Gregor Busse nennt einige Fakten. In einem flachen Gewässer wie dem Sandfang finden alle Wasservögel zu jeder Jahreszeit ausreichend Nahrung. Und dies auch jetzt, wo der kleine Stausee fast völlig zugefroren ist. Wasservögel haben die Fähigkeit, Hungerphasen unbeschadet zu überstehen, erklärt er.

Wasservögel können Hungerphasen überstehen

Und diese Hungerphasen erfahren die Enten, Gänse und Schwäne am Sandfang nicht. Sie werden überreichlich gefüttert. Dem Kirchhainer Ordnungsamt liegt ein Augenzeugenbericht vor, nach dem eine Frau aus dem Kofferraum ihres Autos säckeweise Altbrot geholt und in den Sandfang geworfen hat. „Damit sind wir schon im Bereich der illegalen Abfallentsorgung angelangt“, stellt Jürgen Rößler nüchtern fest. Trotz solcher Auswüchse hält er nichts von einem generellen Fütterungsverbot, wie es beispielsweise für Tauben in vielen Städten, unter anderem auch in Marburg, gilt. „Für ein Fütterungsverbot müsste die Stadt Kirchhain ihre Satzung ändern. Außerdem müsste sie Personal vorhalten, um die Einhaltung des Verbots zu überwachen“, sagt der erfahrene Mitarbeiter. Deshalb setze die Stadt auf die Einsicht der Bürgerinnen und Bürger statt auf Verbote.

Verendete Vögelwerden untersucht

Diese Einsicht befördert Dr. Gregor Busse in Zeiten der Vogelgrippe mit wissenschaftlichen Erkenntnissen: „Die Vogelgrippe, derzeit hervorgerufen durch das H5N8-Virus, greift weiter um sich und stellt eine erhebliche Gefahr für Wild- und Hausgeflügel dar. Funde infizierter Tierkörper können zu sehr einschneidenden veterinärrechtlichen Maßnahmen und der Tötung zahlreicher Tiere führen. Fütterungen an Gewässern führen zwangsläufig zu einer Ansammlung von Wasservögeln und erhöhen damit die Gefahr einer Ansteckung mit diesem Virus beträchtlich“, heißt es in einer von dem Veterinär vorbereiteten Pressemitteilung.

Wegen der Vogelgrippe werden derzeit wöchentlich zwei bis drei im Landkreis verendete Vögel seziert. Dabei zeigt sich, dass es nicht allein das als besonders aggressiv geltende H5N8-Virus ist, das die Vögel gefährdet. Bei einem am Sandfang gefundenen Vogel wurde ein massiver Wurmbefall festgestellt. „Hochgradige Parasitenprobleme entstehen, wo viele Tiere auf engem Raum leben. Das ist der Fall, wo viel gefüttert wird“, sagt der Veterinär. Entsprechend groß seien die Ausscheidungen der Vögel in diesen Gewässern. Keime könnten sich vermehren und die Gesundheit von Mensch und Tier gefährden. Zudem seien Brot und Brötchen für die Fütterung von Vögeln völlig ungeeignet, weil Salz, Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe für Vögel-Organismen unverträglich seien. Der Fachmann rät dazu, wenn überhaupt, mit Wildvogel-Futter aus dem Fachhandel zu füttern.

Ratten bedienten sicham Mahl der Vögel

Jürgen Rößler hat seine eigenen Erfahrungen mit der Überfütterung im wunderschönen Naturparadies vor den Toren der Stadt gemacht. Im November 2015 zählte er unweit des beliebten Fütterungsplatzes an der Rampe rund 15 Ratten, die sich dort am überreichen Nahrungsangebot gütlich taten. Da dort auch Kinder spielen, beauftragte die Stadt umgehend einen Schädlingsbekämpfer. Ein ganzes Jahr brauchte dieser, um dort die als Krankheitsüberträger gefürchteten Nager zu vernichten.

von Matthias Mayer

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