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Schafgarbe und gemeiner Löwenzahn

Ein Bauplatz und die Bürokratie Schafgarbe und gemeiner Löwenzahn

Kleinere Bauleitplanungen von Kommunen gehören zu den Tagesordnungspunkten, die häufig in den gemeindlichen Gremien ohne Aussprache durchgewunken werden. Gelegentlich lohnt es sich aber, genauer hinzusehen.

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Ein 800 Quadratmeter großes Teilstück dieser Pferdeweide soll zu einem Bauplatz werden. Der bürokratische Aufwand dafür ist enorm und kostet 5 824 Euro. Foto: Matthias Mayer

Albshasuen. So auf die Bauleitplanung für den Stadtteil Albshausen. Für die 2. Änderung des Bebauungsplans Nummer 3 „Am Sonnenrain/ Dorfgemeinschaftshaus sollen die Rauschenberger Stadtverordneten am Montagabend im Bürgerhaus Josbach ab 20 Uhr den Aufstellungsbeschluss sowie den Entwurfs- und Offenlegungsbeschluss fassen.

Was die Stadtverordneten während ihrer öffentlichen Sitzung ab 20 Uhr im Bürgerhaus beschließen, ist auf 33 Seiten detailliert niedergeschrieben. Das Besondere: der ganze Aufwand dient lediglich der Schaffung eines einzigen städtischen Bauplatzes mit einer Größe von 800 Quadratmetern, der direkt an ein bebautes Grundstück im Innenbereich des 300 Einwohner zählenden Dorfes liegt.

„Wir hättem Am Sonnenrain gern mehrere neue Bauplätze geschaffen, haben dazu aber nicht alle Grundstücke bekommen“, erläuterte Bürgermeister Michael Emmerich, warum für die 5824 Euro Planungskosten nur ein neuer Bauplatz entstehen kann. Emmerich betonte zugleich, dass die zunächst baurechtlich nur mit Ausnahmegenehmigung geduldeten beiden Neubauten in der Nachbarschaft durch den Plan völlig legalisiert werden.

Der große Wiesenknopffand sich nicht

Der Blick auf die Planungsunterlagen verdeutlicht den enormen bürokratischen Aufwand, der mit dem einen Bauplatz verbunden ist. Das Lindener Planungsbüro Fischer hat den Artenbestand des als Pferdeweide genutzten künftigen Baugrunds katalogisiert. Dort fanden sich breitblättriger Wegerich, Herbstlöwenzahn, Gänseblümchen, Schafgarbe, Weißklee, Wiesenklee, gemeines Rispengras, Weidelgras, gemeiner Löwenzahn, kriechender Hahnenfuß, stumpfblättriger Ampfer und Ackerschachtelhalm.

Viel wichtiger ist, was die Biologen nicht fanden: Binsen, Seggen und den großen Wiesenknopf. Wo diese unscheinbaren Gewächse auf wechselfeuchten Wiesen zu Hause sind, ist in der Regel jedes Bauvorhaben beendet.

So aber konnten die Fachleute Bauplatz und Umgebung weiter erforschen und stellten fest, dass von diesem weder Gefahr für das benachbarte Vogelschutzgebiet 5018-401 „Burgwald“ noch Gefahren für „Mensch, Gesundheit, Bevölkerung“, für „Kultur- und sonstige Sachgüter“, für den Erholungswert der Umgebung oder für „Gebiete zur Erhaltung der bestmöglichen Luftqualität“ ausgeht.

Was auf der Weide gebaut werden darf, ist ebenfalls definiert: Wohngebäude, Läden, Schank- und Speisewirtschaften, die der Versorgung des Gebiets dienen, nicht störende Handwerksbetriebe sowie Anlagen für kirchliche, soziale, kulturelle, gesundheitliche und sportliche Zwecke. Ausnahmsweise können aber auch Tankstellen, Beherbergungsbetriebe, Gartenbaubetriebe, nicht störende Gewerbebetriebe oder Anlagen für Verwaltungen entstehen.

Damit die Ökologie auf den 800 Quadratmetern nicht auf der Strecke bleibt, müssen mindestens 240 Quadratmeter gärtnerisch als Grünfläche mit standortgerechten einheimischen Laubgehölzen gestaltet werden. Erlaubt sind unter anderem Kastanie, Feld- Spitz- und Bergahorn, Hängebirke, Buche, Stiel- und Traubeneiche, Linde, Eberesche und Speierling.Bei den Sträuchern sind Hasel, Weißdorn, Wildapfel, Beerensträucher, Wildbirne, Schwarzer Holunder und andere erlaubt. Auf der Ziersträucher-Liste finden sich unter anderem Felsenbirne, Sommerflieder, Buchsbaum, Forsythie, Magnolie, Wild- und Strauchrosen, Falscher Jasmin und Spiere. Selbstredend sind auch die Anforderungen an den Baukörper, die Einfriedung und die Stellplätze festgeschrieben.

Bauplatz-Verkauf istein Nullsummenspiel

Der hohe bürokratische Aufwand sei unumgänglich, sagte Michael Emmerich der OP. Mit der Ausweisung städtischer Bauplätze verfolge die Stadt keine Gewinnabsichten. „Wir verkaufen den Quadratmeter voll erschlossen für 30 Euro. Das ist bei unseren Kosten für Grunderwerb, Erschließung und Planung ein Nullsummenspiel“, erklärte der Bürgermeister. Es gehe darum, mit günstigem Bauland junge Familien in Rauschenberg zu halten oder neue Einwohner für Stadt und Stadtteile zu gewinnen, erklärte der Kämmerer das Engagement.

Im Zentrum der Stadtverordnetensitzung steht am Montag die Einbringung des Nachtragshaushalts durch den Bürgermeister. Breiten Raum nimmt die Fortschreibung des Bedarfs- und Entwicklungsplans für die Feuerwehren in Rauschenberg ein. Zur Abstimmung stehen der Neubau der Ortsdurchfahrt Ernsthausen und der Wasserleitung an.

von Matthias Mayer

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