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Sandro stören nur noch die Brüste

Geschlechtsumwandlung Sandro stören nur noch die Brüste

Es ist ein Schritt, der ein ganzes Leben verändert: Sandra Schäfer aus Neustadt hat sich mit 47 Jahren entschlossen, nicht länger eine Frau zu sein - seit 18. März heißt sie nun offiziell Sandro und gilt als männlich.

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Sandro Schäfer aus Neustadt wurde als Sandra geboren. „Mein Leben lang habe ich versucht, einer Rolle zu entsprechen, mich weiblich zu verhalten“, sagt der Hobby-Musiker. Das ist jetzt vorbei: Die langen Haare (kleines Foto) sind mittlerweile Geschichte, mit Beginn der Hormontherapie wird auch der Körper des 47-Jährigen männlicher.Fotos: Katharina Kaufmann-Hirsch, privat

Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch
Es ist ein Lebenstraum, der in Erfüllung geht. Er steht auf einem einfachen weißen Blatt Papier mit amtlichem Stempel: Die „Namens- und Personenstandsänderung“ von Sandro Schäfer wird darin gerichtlich anerkannt. Ein jahrelanger Leidensdruck hat damit ein Ende. „Ich weiß, was ich bin, und was ich nicht bin. Und jetzt ist es auch ganz offiziell“, sagt Sandro Schäfer stolz. Der Weg dahin war allerdings kein leichter.

Neustadt. Schon als Kind spielt der heute 47-Jährige lieber gemeinsam mit Jungs und deren Baggern, als mit den Puppen der Mädchen. „Ich wollte damals schon lieber ein Junge sein, ohne dass ich tatsächlich wusste, dass ich ein Transgender bin“, erinnert sich Schäfer. Transgender, das sind Menschen, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, als das sie zur Welt kamen. „Erst haben mir meine ­Eltern noch Kleider angezogen, als sie gemerkt haben, dass ich das partout nicht will, haben sie es einfach sein gelassen“, sagt der gebürtige Schwalmstädter.

Mit Beginn der Pubertät wird er wie vor den Kopf gestoßen. „Da war es plötzlich rum mit Junge sein“, sagt er: „Ab da habe ich mein wahres Geschlecht versteckt und versucht, einer Rolle gerecht zu werden.“ Der Rolle einer Frau. So richtig klappen wollte das nicht. „Die Mädchen in meinem Alter waren mir zu albern, die Jungs hatten mit Mädchen nichts am Hut. Ich wurde zu einem Einzelgänger“, erzählt Schäfer. Der Leidensdruck sei stetig größer geworden.

Mit 20 Jahren beginnt Schäfer eine Erzieher-Ausbildung, schließt noch eine in der Heilpädagogik an. „Ich hatte immer wieder Beziehungen, aber nichts, was wirklich von Dauer war“, erklärt er. Meist sei das gescheitert, „weil ich in der Partnerschaft zwar den männlichen Part gelebt habe, aber diesen nach außen hin nie vertreten konnte“.

"Ich konnte so nicht mehr weiterleben"

Dieses Identitätsproblem - sich nicht als Frau zu fühlen, aber nach außen hin eine zu sein - lässt Schäfer leiden. Mal mehr, mal weniger. Zuflucht findet er in der Musik. Keyboard, Saxophon und Gitarre spielt er und engagiert sich ehrenamtlich im Seniorensingkreis in Stadtallendorf.

Vor zwei Jahren wechselt Schäfer schließlich in einen anderen Kindergarten und hält den Druck irgendwann einfach nicht mehr aus. „Mein Frauen-Akku war leer“, nennt er diese Erkenntnis. Und: „Ich fand die typischen Rollenspiele und Rollenklischees im Kindergarten einfach nur noch grausam, und wie versucht wurde, die Kinder da hinein zu drängen. Ich konnte so nicht mehr weiterleben.“

Schäfer entscheidet sich nach reiflicher Überlegung für eine Namens- und Personenstandsänderung, schneidet sich die Haare ab und färbt den weiblichen Gesichtsflaum mit dunklem Mascara zu einem Bart. „Im vergangenen August habe ich dann beim zuständigen Gericht in Kassel den Antrag für die ­Namens- und Personenstandsänderung eingereicht“, erläutert er die weiteren Schritte. Zwei psychologische Gutachter bekommt er zugewiesen, die bestätigen müssen, dass die Ursache für seinen Wunsch, Name und Geschlecht zu ändern, nicht durch ein Trauma oder Ähnliches herrührt. „Dieses Verfahren kann bis zu acht Monate dauern“, ergänzt der 47-Jährige. Im März flattert schließlich der Bescheid ins Haus, auf einfachem weißem Papier mit amtlichem Stempel. Die Erleichterung bei Schäfer ist groß. „Das ist der Schritt meines Lebens und je weiter ich komme, umso aufgeregter werde ich“, sagt er.

Als Nächstes steht eine Hormontherapie an. Die lässt den 47-Jährigen zum zweiten Mal die Pubertät durchleben. Die Stimme kippt, der Bart beginnt zu sprießen, Muskeln und Körperbau verändern sich. „Wenn alles gut geht, kann ich Ende Mai damit beginnen“, berichtet Schäfer. Ausschlaggebend dafür sei die Krankenkasse: „Die bezahlt die Therapie für den Rest meines Lebens. Und natürlich genehmigen sie das nur, wenn man sich vorher ausgiebig mit seiner eigenen Situation ­auseinandergesetzt hat.“ Auseinandergesetzt heißt in diesem Fall, mindestens sechs Monate Psychotherapie. „Erst durch die Therapie habe ich es geschafft, wirklich zu mir zu stehen und mich nicht mehr zu verstecken“, sagt Schäfer: „Mir ist mittlerweile egal, was andere von mir denken.“ Die Hauptsache sei, dass Freunde und Familie einen akzeptieren, so wie man sei.

Für Brustamputation fehlt Schäfer das nötige Geld

„Und natürlich muss man sich selbst akzeptieren, so wie man ist“, betont er. Das kann er jetzt. Einzig die Brüste stören ihn noch. „Durch die Hormontherapie werden sie zwar etwas kleiner, aber trotzdem möchte ich sie gerne abnehmen lassen“, sagt der 47-Jährige: „Ich möchte mich nicht mehr schämen und verhüllen müssen.“ Was für die Brustamputation fehlt, ist das nötige Geld. „Die Krankenkasse zahlt die Amputation erst nach einem Jahr Hormontherapie. Wenn ich es selbst machen lasse, gilt es als Schönheits-Operation und kostet mehrere tausend Euro“, so Schäfer. Die hat er nicht und behilft sich derzeit mit einem Kompressionshemd. Eine komplette Geschlechtsumwandlung kommt für den Neustädter allerdings nicht infrage: „Da sind mir die Risiken und Nebenwirkungen zu groß“, erklärt er: „Aber ich möchte endlich, dass die Umwelt mich als das wahrnimmt, was ich bin - ein Mann.“

von Katharina Kaufmann-Hirsch

Transsexualität
  • Transsexualität oder Transsexualismus wird von den Trägern dieser Eigenschaft als das Wissen bezeichnet, nicht das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht zu haben. Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist es der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden.
  • Häufig, aber nicht zwangsläufig, besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bestimmenden Identitätsgeschlecht so weit wie möglich anzugleichen. Nach der Internationalen Klassifizierung von Krankheiten und Gesundheitsproblemen der WHO zählt Transsexualismus als Geschlechtsidentitätsstörung zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen.
  • Die Krankheitshäufigkeit in Deutschland lässt sich aus den Fallzahlen des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BmJV) ableiten: Die Geschäftsbelastung bei Gerichten und Staatsanwaltschaften für den Bereich freiwillige Gerichtsbarkeit weist für den Zeitraum 1991 bis 2013 etwa 17 255 Verfahren nach dem Transsexuellengesetz (Verfahren zur Namens- und Personenstandsänderung) aus. Die Fallzahlen sind seit Jahren steigend und liegen derzeit bei mehr als 1 600 Verfahren pro Jahr.
  • Bei einem Bevölkerungsstand von 81,4 Millionen Einwohnern in der Bundesrepublik Deutschland im Juli 2011 entspricht dies einer Krankheitshäufigkeit in der Bevölkerung von 0,01413 Prozent.
  • Weitere Informationen zu dem Thema gibt es im Internet unter anderem unter
  • www.trans-ident.de und www.dgti.org
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