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Roller-Tuner kann es nicht lassen

Gericht Roller-Tuner kann es nicht lassen

Am 27. Juni gegen 21.15 Uhr zog die Polizei einen Mofa-Roller mit abgefahrenen Reifen und gewaltiger Fahrleistung aus dem Verkehr. 66 km/h schaffte das getunte Zweirad auf dem Prüfstand.

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Der Super-GAU: Wer mit einem frisierten Klein-Roller einen Unfall baut, muss für alle Schäden selbst aufkommen. Der Versicherungsschutz erlischt für alle manipulierten Fahrzeuge. Archivfoto

Kirchhain. Für ein Zweirad mit solcher Fahrleistung hätte der Fahrer den Führerschein A 1 haben müssen. Doch der 20-jährige Gabelstapler-Fahrer besitzt keinen Führerschein - und sein Roller dank leistungssteigernden Manipulationen keinen Versicherungsschutz. Deshalb fand er sich als Angeklagter vor dem Kirchhainer Jugendgericht wieder. Und das bereits zum fünften Mal wegen des gleichen Tatbestands.

„An dem Ding ist alles verändert worden, was man ändern kann: Krümmer, Distanzring an der Variomatik, Vergaser, Lenker“, konstatierte Jugendrichter Joachim Filmer und schob ein „Warum?“ nach. „Weil es den Wert steigert“, gab der angeklagte treuherzig zurück. Er habe den Roller verkaufen wollen.

Als er sich noch freimütig als Urheber der Umbauten outete, platzte Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier der Kragen: „Sind sie noch bei Trost!? Was soll der Käufer damit anfangen?“ fauchte die Anklagevertreterin, die gewiss nicht dafür bekannt ist, junge Angeklagte in die Pfanne zu hauen. „Sie haben offenbar noch immer keine Vorstellung davon, was für ein Gefahrenpotenzial von einem so getunten Roller ausgeht“, sagte die Staatsanwältin.

Der Angeklagte räumte die Anklagepunkte vollumfänglich ein, schwieg aber achselzuckend zu diesen Vorhalten. Auch die Jugendgerichtshilfe schwieg. Sie konnte nichts zur Entwicklung des Heranwachsenden sagen, da dieser nicht zu den beiden vereinbarten Terminen erschienen war.

Die Staatsanwältin beantragte, den alleinlebenden Angeklagten nach dem Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen und forderte wegen Fahrens ohne Führerschein und Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetzes eine Geldstrafe in Höhe von 30 Tagessätzen à 30 Euro. Diesem Antrag folgten sowohl die Verteidigung als auch das Gericht im Urteil.

„Das war wieder einmal eine ganz doofe Idee von mir. Ich wollte das eigentlich nicht mehr machen“, gab sich der Angeklagte zerknirscht. Die doofe Idee kostet den jungen Mann vermutlich mehrere tausend Euro.

- Der manipulierte Roller wurde beschlagnahmt und eingezogen. Wohlweislich verzichtete er auf die Rückgabe des nicht mehr verkehrssicheren Gefährts.

- Er muss 900 Euro Geldstrafe bezahlen. n Als Verurteilter hat er die Verfahrenskosten zu tragen.

- Er hat die Rechnung seines Rechtsanwaltes zu begleichen.

- Bevor der Angeklagte endlich den Führerschein machen kann, muss er wegen seiner Tuning-Aktivitäten zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU). Inklusive der unerlässlichen Vorbereitung auf diese Untersuchung wird für die MPU eine vierstellige Summe fällig. Aber das ist nichts gegen das Szenario, das Jugendrichter Joachim Filmer in der Urteilsbegründung vor Augen führte. „Sie wussten, dass das Ding pfeilschnell ist und haben trotzdem damit auf der Straße eine Probefahrt gemacht. Ein noch viel größeres Risiko hätten sie getragen, wenn sie mit dem Roller verunglückt wären.“Der Richter bemühte für sein Beispiel keinen Horrorunfall mit Verletzten. „Es reicht schon, wenn sie mit den abgefahrenen Reifen in einer Kurve wegrutschen und Ihr Roller gegen ein Auto kracht. Da gibt es schnell einen Sachschaden am Auto in Höhe von 15000 Euro und für den werden Sie ohne Pflichtversicherungsschutz und ohne Führerschein persönlich herangezogen“, erklärte Filmer. Er solle überlegen, was ein solcher Schuldenberg für seine Lebensführung bedeute, mahnte der Richter formulierte zum Abschluss nur einen Wunsch: „Hoffentlich machen sie bald den Führerschein, damit sie nicht mehr in Versuchung kommen.“ Das Urteil ist rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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