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Riesenhalle soll nahezu unsichtbar sein

Zukunft der Erddeponie Riesenhalle soll nahezu unsichtbar sein

Eine riesige, in den Berg eingebettete Halle, 300 mit Solarmodulen überdachte Parkplätze, eine Rolltreppe, Lehrpfade und vieles mehr plant die Stadt für die Nachnutzung der Erddeponie.

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So sieht die Erddeponie derzeit aus.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. „Wow, das ist mal ein dicker Brocken, den sie uns hingeworfen haben“, kommentierte Peter Greib (AWG) die von Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg und Diplom-Geologe Folke Diederich präsentierten ersten Pläne für die Nachnutzung der Erddeponie. „Aber man kann ja über alles reden“, ergänzte der Vorsitzende des Bauausschusses, der sich ebenso wie die anderen Ausschussmitglieder, mehrere Stadtverordnete und Ortsbeiratsmitglieder ungewohnt offen für das futuristische Projekt zeigte.

Ende des vergangenen Jahres war klar geworden, dass die Stadt die Erddeponie – wenn deren Kapazität erschöpft ist – nicht nur einfach der Natur zurückgeben möchte (die OP berichtete). Richter-Plettenberg träumte beispielsweise von einem Baumhaus-Hotel, Ortsvorsteher Herbert Fischer brachte ein geothermisches Kraftwerk und erlebnispädagogische Ansätze ins Gespräch. „Auch wenn manche Ansätze verrückt klingen: Wenn man sie nicht ausspricht, gehen sie unter. Wir müssen sie diskutieren“ hatte Fischer damals gesagt – ein Credo, das noch immer steht, und das auch für die neuesten Pläne gilt.

Die Studie eines Fachbüros zeige, dass Amöneburg ein attraktives Ziel für Touristen sei, berichtete der Bürgermeister –allerdings fehlten ausreichende Übernachtungsmöglichkeiten und, vor allem, ein Zuschauermagnet: „Es kristallisierte sich heraus, dass ein aus mehreren Elementen bestehendes Nutzungskonzept mit den Themen Kultur-, Natur- und Technikerlebnis das größte Spektrum an Geschäftsmodellen ermöglicht. Klug kombinierte Nutzungen bieten Flexibilität im Hinblick auf die zukünftige Marktentwicklung“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt, die auch gleich eine erste Projektskizze für einen solchen Publikumsmagneten enthält.

Multifunktionshalle als Publikumsmagnet

Zentrales Element der Skizze ist eine Multifunktionshalle, die laut Bürgermeister und Planer Folke Diederich in der Landschaft aufgehe und wie ein Hügel wirke. Die Außenmauer soll aus einem Erdwall bestehen, auf dem ein freitragendes, mit Solarmodulen ausgestattetes Dach aufsitzt. Dank der Verbindungen von Architekt Roland Ott liege sogar schon der Entwurf eines renommierten Planers für das Dach vor, betonte der Bürgermeister – eines Planers, dessen Auftraggeber sonst zumeist in den reichen Ölstaaten des Nahen Ostens sitzen.

Die Halle soll etwa 13.000 Quadratmeter umschließen und 7.500 bis 8.000 Quadratmeter Nutzfläche bieten – das entspricht etwa einem Fußballplatz mittlerer Größe. Zum Vergleich: Die Rittal-Arena in Wetzlar hat eine Innenraum-Fläche von rund 2500 Quadratmetern, die Festhalle in Frankfurt von rund 5700 Quadratmetern.

Ein konkretes Nutzungskonzept liegt der Stadt noch nicht vor. Ziel sei es laut Diederich aber ohnehin, einen „Mix“ zu ermöglichen – sowohl für die Nutzungsmöglichkeiten als auch bei den Betreibern und entsprechend den Investoren. Die Halle solle beispielsweise für Konzerte ebenso wie für eine E-Kartbahn oder eine Indoor-Golfanlage nutzbar sein. Entsprechend strebe er für die Ausstattung den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ an.

Weder Richter-Plettenberg noch Diederich wollten sich auf mögliche Kosten für den Bau festlegen, da nicht klar sei, wie und von wem die Halle letztendlich genutzt werde. Interessenten beziehungsweise mögliche Investoren würden sich aber die Klinke in die Hand geben, behauptete das Stadtoberhaupt. Ebensowenig äußerten er und der Planer sich zu den Kosten, die für die vorgesehenenen 300 Parkplätze, die unter Solaranlagen verschwinden sollen, fällig würden.

Das gesamte Projekt soll energieautark sein. Als Energiequelle ist neben insgesamt rund zwei Hektar Fotovoltaik (auf dem Dach und über den Parkplätzen) noch Windkraft aus Kleinanlagen angedacht. Ihre Energie soll in Lithium-Ionen- und Druckluftspeichern gespeichert werden. „Auch Geothermie und Wasserkraft sollen im Idealfall eine Rolle spielen“, heißt es in dem Projektkonzept.

An diesen Anlagen soll dann auch ein Energie-Lehrpfad vorbeiführen – sozusagen als Ergänzung zu einem geplanten Naturlehrpfad, der sich rund um das angrenzende Naturschutzgebiet dreht, und den ohnehin in Amöneburg bereits vorhandenen Wegen.

Elektromobilität ist wichtiger Konzept-Baustein

„Ein möglicher Überschuss an gewonnener Energie soll dazu verwendet werden, den Transfer von Besuchern von den Parkflächen in die Altstadt zu gewährleisten“, lautet ein weiterer Baustein des Konzeptes. Vom Parkplatzareal könne zum Beispiel eine Rolltreppe über den steilen Hang bis zum Ortseingang von Amöneburg führen, erklärte Richter-Plettenberg auf Nachfrage dieser Zeitung diesen Punkt. Von dort könnten Gäste dann zum Beispiel auf Segways die Stadt erkunden – was der These Futter gibt, dass Elektromobilität ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist.

„Die Synthese relativ moderner Dinge mit einer Versorgung über erneuerbare Energien und gleichzeitig eine Darstellung der Natur und der Energiegewinnung über Lehrpfade – das ist genial“, lautet das Urteil von Ortsvorsteher Herbert Fischer, der ebenso davon begeistert ist, dass das Projekt in die Landschaft eingebettet und beim Blick von außen nicht sichtbar sein soll. Lediglich von oben könnten Bürger Teile der Dachkonstruktion sehen – aber dies auch nur an bestimmten Stellen des Mauerrundweges, gab Diederich auf mehrfache Nachfrage von Mathias Braun (CDU) zu –beschwichtigte den Stadtverordneten jedoch durch das sofort erteilte Angebot, bei einem gemeinsamen Spaziergang sich noch einmal ein genaues Bild von den Aussichtspunkten zu machen.

Das Projekt hat den Titel „ATMEN“, was sich aus den Schlagwörtern Amöneburg, Tourismus, Mobilität, Erneuerbare Energien und Natur zusammensetzt. Bürgermeister und Planer hoffen nun auf Rückmeldung von Bürgern und Kommunalpolitikern sowie Interessierten und gegebenenfalls Investoren oder möglichen Betreibern. Sie betonen, dass es sich nur um ein Konzept handele und sie offen für Veränderungswünsche, Anregungen und Kritik sei. Letzteres stellte Winfried Kaul, der Fraktionsvorsitzende der SPD, allerdings in Frage: „Kritiker sind unerwünscht“, behauptete er gegenüber dieser Zeitung.

Behördenvertreter hätten jedenfalls „keine grundsätzlichen Hinderungsgründe“ an dem Projektentwurf gesehen, berichtete Diederich den Teilnehmern der Bauausschusssitzung und verwies auf das Protokoll einer extra einberufenen Sitzung.

Stadt will Einfluss auf die Erddeponie bekommen

Um die Umsetzung voranzutreiben, müsste die Stadt sich nun mit dem Kreis beziehungsweise der „Abfallwirtschaft Lahn-Fulda“ einig werden, an die sie bisher die Deponie verpachtet. Entweder übernehmen oder Mitbetreiber werden, lautet das Ziel – und das nicht nur, um eine Beteiligung an den Einnahmen zu erhalten, die die Planungskosten in Höhe von 150.000 Euro (falls das Projekt zur Umsetzung kommt) auffangen sollten. Viel wichtiger ist, dass in der Deponie noch Platz für 60.000 bis 70.000 Kubikmeter Erde sind. Optimal wäre es, diese Erde nach der Annahme sofort so einzubauen, dass sie zum Wall für die Halle gestaltet wird. „Dann müssen wir später nicht alles umbauen“, erklärte Diederich.

Noch vor den Sommerferien müsste eine sogenannte Antragskonferenz stattfinden. Bis dahin soll klar sein, ob die Stadt sich an der Deponie beteiligen kann und wie die Folgenutzung im Groben aussehen soll. Und selbst, wenn sich danach keine Investoren finden würden, könne sich die Zeit ein Stück zurückdrehen lassen – die Renaturierung sei dann immer noch möglich, und die Einnahmen würden die bisherigen Kosten auffangen, kommentierte Diederich einen Einwand Wicherts, der sich „nicht in die Sache hingetrieben fühlen will“.

Internetauftritt soll Transparenz schaffen

Sefa Elmaci (SPD) schlug vor, bei der Deponie eine Betriebspause zu erwirken, um Zeit zu gewinnen. Dies sei kaum möglich, weil dort teilweise Abnahmepflicht herrsche und auch Abnahmeverträge bestünden, entgegnete Richter-Plettenberg.

Am Dienstag stellten er und Diederich das Konzept erstmals öffentlich vor. „In Kürze“ soll es auf der Internetseite der Stadt eine eigene Webpräsenz bekommen. Zudem ist eine Facebook-Seite geplant, auf der Interessierte den jeweiligen Sachstand erfahren und Rückmeldung geben können. Des Weiteren ist eine Projektpräsentation für Bürger angedacht.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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