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Richtig dicke Luft im Gerichtssaal

Gerichtsprozess Richtig dicke Luft im Gerichtssaal

Vielleicht ist der Angstschweiß ursächlich für die schlechte Luft, die sich gelegentlich in Gerichtssälen breit macht.

Stadtallendorf. Was jetzt aber bei einer Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht das Geruchsempfinden der Anwesenden strapazierte, war deutlich jenseits der Zumutbarkeitsgrenze. Die Protokollantin hielt immer wieder die Hand vor die Nase, zwei Schüler-Praktikantinnen im Zuschauerraum verzogen angewidert die Gesichter, Vorsitzender Richter und Staatsanwalt waren sichtbar um Fassung bemüht: Es stank zum Himmel.

Wer für die Ausdünstungen im Saal verantwortlich war, ließ sich nicht ermitteln: Der Angeklagte, seine beiden Begleiter oder alle drei zusammen. Sicher ist nur, dass der Angeklagte für das Gericht ein fauler Kunde war.

Der Langzeitarbeitslose aus Stadtallendorf stand wieder einmal vor dem Kirchhainer Amtsgericht, weil er laut Anklage am 26. August 2010 mit seinem Auto auf einer Straße in Stadtallendorf rasante Fahrübungen mit Vollbremsungen vollführte, obwohl er keinen Führerschein besaß und zum Tatzeitpunkt zudem volltrunken war. Eine Blutentnahme ergab einen Wert von 1,80 Promille; bei 1,1 Promille beginnt die absolute Fahruntüchtigkeit.

Vor Gericht sagte der Hartz-IV-Empfänger, dass nicht er, sondern ein Pole, der das Auto habe kaufen wollen, gefahren sei. Der Pole habe sich dann verdrückt. „Das ist glatt gelogen“, entgegnete ihm der vorsitzende Richter, Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug und verwies auf die Zeugenaussagen einer Nachbarin, die das Geschehen mit Sorge um ihr an der Straße spielendes Kind beobachtet hatte und des ermittelnden Polizeibeamten, der ein Geständnis des Mannes protokolliert hatte.

Krug verurteilte den Stadtallendorfer zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung und folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Gleichzeitig verfügte er, dass der Angeklagte frühestens in drei Jahren den Führerschein neu beantragen kann. Eine Bewährungsstrafe sei nicht in Frage gekommen, da sich der Angeklagte durch 18 Vorstrafen und Gefängnisaufenthalte nicht habe beeindrucken lassen. Zugleich ignoriere dieser sein Alkoholproblem. Ohne eine Therapie zeige er keine Perspektive für ein straffreies Leben auf.

von Matthias Mayer

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