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Reue und Einsicht: Prozess dauert neun Minuten

Aus dem Amtsgericht Reue und Einsicht: Prozess dauert neun Minuten

Ausflüchte und Tricksereien waren nicht die Sache eines 47-jährigen Angeklagten, der sich wegen einer Trunkenheitsfahrt vor dem Kirchhainer Amtsgericht zu verantworten hatte.

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Kirchhain. „Es stimmt. Es war ein Ausrutscher, den ich bereue. Ich werde meine Strafe annehmen“, sagte der Angestellte unmittelbar, nach dem Amtsanwalt Peter Heinisch den Anklagesatz vorgetragen hatte.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Mann vor, am 24. April dieses Jahres um 19.15 Uhr im Zustand völliger Fahruntüchtigkeit mit seinem Auto durch Stadtallendorf gefahren zu sein. Die Blutentnahme ergab einen Wert von 1,10 Promille; zur Tatzeit lag die Alkoholkonzentration bei 1,3 Promille. Alkoholfahrten ab 1,1 Promille gelten grundsätzlich als Straftat und nicht mehr als Ordnungswidrigkeit.

Gegen den Angeklagten wurde nach dem relativ seltenen beschleunigten Verfahren verhandelt, das in diesem Fall - nimmt man die Dauer der Hauptverhandlung als Maßstab - seinem Namen alle Ehre machte. Zwischen dem Aufruf der Straf­sache durch Richter Joachim Filmer und dem Ende der Urteilsbegründung lagen ganze neun Minuten.

Die rekordverdächtige Zeit war nicht zuletzt dem vorbehalt­losen Geständnis und dem ­Einsichtsvermögen des Stadtallendorfers geschuldet, das sich auch in dessen Schlusswort manifestierte. „Wenn man auf Deutsch gesagt Scheiße baut, muss man dafür gerade stehen. Ich nehme die Strafe an“, ­sagte er.

„Die Strafe“ - das war der ­Antrag von Peter Heinisch. Er plädierte, den bislang unbescholtenen Mann wegen einer fahrlässigen Trunkenheit im Straßenverkehr zu einer Geldstrafe in Höhe von 30 Tagessätzen à 25 Euro zu verurteilen und die Führerschein-Sperrfrist um weitere sieben Monate auf insgesamt zehn Monate festzulegen. Fehlende Vorbelastungen, Geständnis und Einsicht erlaubten diesen maßvollen Strafrahmen.

Richter Joachim Filmer folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Auch der Richter würdigte das Auftreten des Angeklagten vor Gericht, verwies zugleich auf das enorm hohe Gefährdungspotenzial einer solchen Fahrt. „Die Folgen können gravierend sein; es ist unverantwortlich, mit 1,3 Promille Auto zu fahren“, schrieb der Richter dem Angeklagten ins Stammbuch.

Für diesen hatte Jochim Filmer zum Schluss noch eine gute Nachricht. Nach Ablauf der Sperrfrist von zehn Monaten, die Filmer „am untersten Rand verortete“, bekommt der Stadtallendorfer auch ohne die gefürchtete und sehr teure medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) seinen Führerschein wieder.

Da Angeklagter und Anklage Rechtsmittelverzicht erklärten, wurde das Urteil sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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