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Resignation ist stets der falsche Weg

Weltmeister Horst Eckel Resignation ist stets der falsche Weg

Immer dann, wenn Fußball-Weltmeister Horst Eckel und der ehemalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger sich neckten, war die Veranstaltung „60 Jahre Wunder von Bern“ besonders unterhaltsam.

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Nach der Gesprächsrunde mit den Ehrengästen Horst Eckel und Dr. Theo Zwanziger (unteres kleines Bild, links) erfüllte der Weltmeister von 1954 Autogrammwünsche: Unter anderem unterschrieb er auf einer Nachbildung des Zuges, mit dem das Siegerteam zurück nach Deutschland fuhr, sowie auf dem Trikot des Neustädters Horst Kuhn, der seit seiner Kindheit den Spitznamen „Eckel“ trägt.

Neustadt. „Ich war nicht nur ein guter Läufer, ich war auch ein guter Fußballer!“ Diesen Hinweis musste Horst Eckel (82), Mitglied der ersten deutschen Weltmeistermannschaft, dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußballbundes (DFB), Dr. Theo Zwanziger (69), gleich mehrfach geben.

Auf unterhaltsame Weise spielten sich die beiden Ehrengäste der Festveranstaltung „60 Jahre Wunder von Bern“ die Bälle zu und zeigten, dass sie sich schon seit vielen Jahren kennen und schätzen - wenn, ja wenn da nicht die schmerzhafte Niederlage im Tischtennis wäre, die Eckel Zwanziger an dessen 60. Geburtstag zugefügt hatte...

Viele solcher kleinen Anekdoten bekamen die Gäste der bestbesuchten Gedenkveranstaltung der Stadt Neustadt zu hören. Bürgermeister Thomas Groll kitzelte als Moderator Informationen aus Eckel über die Weltmeisterschaft in der Schweiz heraus. Zwanziger lies er darüber berichten, wie die Menschen in Deutschland im Jahr 1954 die Fußballwettkämpfe verfolgten.

"Wille kann Berge versetzen"

„Ich schaute das Endspiel in einer übervollen Kneipe. Als Kind lag ich ganz vorne vor dem Fernseher“, erinnerte sich Zwanziger. Nach dem frühen 0:2-Rückstand habe niemand mehr einen Pfifferling auf die deutsche Mannschaft gegeben - bis Max Morlock in der zehnten Minute den Ball zum Anschlusstreffer über die Linie des ungarischen Tores gespitzelt habe:

„Ein Spieler, der schon resigniert hat, wäre dem Ball bestimmt nicht mehr nachgegangen. Der Wille kann manchmal Berge versetzen“, schwärmte er von der Moral des Nürnberger Nationalspielers - wobei die ganze Mannschaft ihren „ungewöhnlichen Charakter“ gezeigt hätte: „Das waren allesamt großartige Menschen, die auch in den späteren Jahren ihren Mann standen.“

Sie hätten sich gegen die Niederlage gestemmt und das weitergeführt, was sie sich im Turnierverlauf aufgebaut hätten: „Das war ein Impuls für Deutschland und die weitere Arbeit beim Wiederaufbau. Durch das Land ging ein Ruck“, und die Fußballer hätten den Deutschen ein Stück Selbstbewusstsein gegeben.

Auch Eckel sprach von einem „Ruck“: Dieser sei nach dem 0:2 durch die Mannschaft gegangen -was die beiden schnellen Treffer der Deutschen widerspiegeln. In der Halbzeit dann habe Bundestrainer Sepp Herberger dem Team - wie immer - gesagt, was es verkehrt gemacht habe und was es ändern solle: „Wir sind dann mit breiter Brust rausgegangen und merkten, dass die Ungarn nervös geworden sind.“

Der Endspielgegner, der vier Jahre lang ungeschlagen war, sei nach dem 8:3 in der Vorrunde viel zu lässig in die Partie gegangen: „Der größte Fehler der Ungarn war, dass sie schon vor dem Spiel dachten, sie seien bereits Weltmeister“, berichtete Eckel und ergänzte: „Das gaben sie später zu.“

Begeisterung lässt Sieg real werden

Von dem Hype, den die Nationalmannschaft in Deutschland auslöste, hätten die Spieler in der Schweiz nichts mitbekommen, ergänzte der als „Windhund“ bekannt gewordene damalige Akteur des 1. FC Kaiserslautern. Ihnen sei erst bewusst geworden, welch Begeisterung sie ausgelöst hatten, als sie zurück nach Deutschland kamen: „Bei dem Jubel wussten wir, dass wir Weltmeister sind.“ Zwanziger ergänzte: Wir waren alle Fußball!“

Den Sieg im Finale feierten die frisch gebackenen Weltmeister einst mit einem Abendessen: „Wir durften Alkohol trinken -aber niemand ging betrunken ins Bett“, erzählte Eckel. Und natürlich hätten die Spieler „Hoch auf dem gelben Wagen“ anstimmen müssen, da dies das Lieblingslied Herbergers gewesen sei.

Was nach dem Sieg folgte, ist in der heutigen Zeit undenkbar: Eckel berichtete von Angeboten aus dem Mutterland des Fußballs, die verschiedene Spieler erhalten hätten. Ein Wechsel sei für ihn allerdings nicht in Frage gekommen: „Fritz Walter hatte ein tolles Angebot aus England erhalten, wechselte aber nicht. Es wäre unmöglich gewesen für mich als jüngsten Spieler der Mannschaft Deutschland zu verlassen.“

Dieser Meinung schloss sich Zwanziger an: „Das waren nationale Identifikationsfiguren - einen Weggang hätten ihnen die Menschen nie verziehen.“ Bei all den lustigen Anekdoten und schönen Erinnerungen lies es sich Zwanziger aber nicht nehmen, zwischenzeitlich einen ernsten Ton anzuschlagen: Sport diene der Völkerverständigung, sagte er und erinnerte an die sozialen Unruhen in Brasilien, die rund um die WM aufgetreten sind.

Entsprechend gelte es auch, die Augen für Probleme zu öffnen und auf Unrecht hinzuweisen - das dürfe nicht in Vergessenheit geraten: „Fußball heißt: ein klares Auftreten haben, Leistung zeigen, bescheiden bleiben und den Mund aufmachen, wenn es gilt.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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