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Reden ist Gold

Sprachprobleme bei Kindern Reden ist Gold

20 Prozent der Schulanfänger haben eine verzögerte Sprachentwicklung. Lispeln ist längst nicht mehr das Hauptproblem. Die Logopädin Christina Lange spricht über ihren Beruf.

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Mit dem klassischen Logopäden-Spiegel können sich die Patienten selbst dabei beobachten, wie sie verschiedene Laute bilden.

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. Besucher der Praxis werden von einem quakenden Frosch und sonnengelben Wänden begrüßt. Überall sind Spielzeuge, selbstgemalte Bilder und kleine Stühle zu finden. Trotz der kinderfreundlichen Atmosphäre zählen auch Teenager, Erwachsene und sogar Senioren zu ihren Patienten. 1999 hat sich die Logopädin in Kirchhain selbständig gemacht. Zu ihrem Mitarbeiterstamm zählen noch sechs weitere Sprachtherapeutinnen. „98 Prozent aller Logopäden sind Frauen“, erzählt die 45-Jährige. Während sich die Erzieher-Branche männliche Unterstützung herbeiwünscht, sieht Lange da keine besonderen Vorteile: „Wir brauchen in erster Linie qualifizierte und tolerante Menschen, egal ob Mann oder Frau.“

Zum Arbeitsalltag gehören neben Sitzungen in den Praxisräumen auch Hausbesuche, sowie Termine in Kindertagesstätten oder Seniorenheimen. Die Altersspanne der Patienten reicht von 18 Monaten bis 91 Jahren. Dabei verbinden die Meisten mit der logopädischen Therapie bloß Kinder mit leichten Sprachfehlern. Tatsächlich variieren die Behandlungen von Lange sehr. „Viele Erwachsene mit sogenannten ‚Sprechberufen‘ wie Pfarrer, Lehrer oder Erzieher bekommen logopädische Hilfe. Mit einer sehr leisen Stimme oder undeutlichen Aussprache, zum Beispiel bedingt durch Stimmknötchen, ist es schwer als Autoritätsperson wahrgenommen zu werden“, weiß sie. Mit therapeutischer Hilfe lernen sie, ihre stimmlichen Probleme zu beheben. Ein berühmtes Beispiel ist der britische König Georg VI.: Ab 1926 erhielt der stotternde Monarch Hilfe vom australischen Sprachtherapeut Lionel Logue, da er sich zuvor bei einer Rede im Wimbledon Stadion kläglich blamierte. Den darauf basierenden Kinofilm „The King‘s Speech“ (2011) bewertet Lange als sehr authentisch.

Weiterhin hilft Lange Menschen, ihr Sprachzentrum zu reaktivieren. Ein Ausfall oder Beeinträchtigungen können die Folge eines Schlaganfalls sein.

Kinder sprechen immer schlechter

Die Mehrzahl der Patienten ist zwischen vier und sechs Jahre alt. Kinder haben meistens Schwierigkeiten mit den Lauten K, G, R, S und SCH. „Früher wurde fast nur Lispeln behandelt. Heute sind die Sprach- und Sprechprobleme viel komplexer. Neben der Aussprache sind oft auch Wortschatz und Satzbau betroffen“, erzählt Lange. Auch die Gründe für diese Probleme seien mittlerweile breiter gefächert. Bei fast der Hälfte ihrer Patienten seien Hörstörungen der Ursprung. Auch die vermehrte und frühe Mediennutzung habe eine Auswirkung auf die verbale Entwicklung. „Fakt ist: Vor dem Fernseher sitzend lernen Kinder nicht sprechen. Es ist wichtig, dass sich die Eltern mit ihnen unterhalten, zusammen spielen und Bilderbücher anschauen“, sagt Lange. Die eigenen Erfahrungen mit Sprache, Geist und Emotionen seien unersetzbar.

Die unterschiedlichen Personen und deren individuelle Probleme gestaltet den Berufsalltag der Logopädin sehr abwechslungsreich. „Kinder therapiere ich nur spielerisch und mit viel Bewegung. Manchmal machen wir einen Obstsalat oder backen Plätzchen, wenn es primär um Wortschatz und Sprachgebrauch geht“, sagt die Sprachexpertin. Für die Sitzung mit Erwachsenen sind alltagsgerechte Übungen wichtig. Hier arbeitet sie vor allem mit Fotos und Texten.

Früher Therapiebeginn ist ratsam

Das rechtzeitige Erkennen und Behandeln von Sprachschwierigkeiten ist laut Christina Lange ein springender Punkt. Leider würden Eltern oft vertröstet werden, die Sprache käme von alleine oder Fehler würden sich noch verwachsen. Dabei ginge wertvolle Therapiezeit verloren. „Es gilt: Je früher, desto besser. Ich habe schon Dreijährige in Behandlung gehabt, die noch gar nicht gesprochen haben“, berichtet sie weiter.

Die wichtigste Eigenschaft für angehende Logopäden ist laut Lange Empathie und das Verständnis für Familiensysteme. Außerdem zählen auch Offenheit und Interesse an Medizin, Pädagogik und Psychologie. Für den Beruf wünscht sich Lange einen universitären Bachelor-Studiengang in Deutschland. „Eine bessere Vergütung ist auch sehr wünschenswert“, ergänzt die Marburgerin.

von Sofiya-Lisann Velte

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