Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Bracht will Energiegeschichte schreiben

Vorzeige-Projekt Bracht will Energiegeschichte schreiben

„Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen“, ätzte einst Bundeskanzler Helmut Schmidt über in seinen Augen zu visionären Vorstellungen seiner Partei­kollegen. Dass aus Visionen Großes erwachsen kann, zeigt sich in Bracht.

Voriger Artikel
L 3077 bei Bracht gesperrt
Nächster Artikel
Mit 23 Grad Wassertemperatur in die neue Saison

Der Interessengruppe Solarthermie Bracht gehören an (von links): Hermann Koch, Dagmar Althainz, Klaus Pfalz, Ortsvorsteher Karl-Heinz Koch, Peter Rambow, Bürgermeister Michael Emmerich, Heinrich Aillaud, Helgo Schütze, Regina Kranz, Ralph Vogt und Matthias Schütz.

Quelle: Matthias Mayer

Bracht. Als der Einbecker Physiker Gunter Brandt die Machbarkeitsstudie für die Verwirklichung eines Nahwärmenetzes im größten Rauschenberger Stadtteil vorstellte, waren die Rahmenbedingungen für das Projekt denkbar schlecht. Der Rücklauf der Fragebögen - die Grundlage für jede Machbarkeitsstudie - war lausig, der Anteil der Bürger, die sich einen Anschluss an ein Nahwärmenetz vorstellen könnten, sehr gering. Eine Biogasanlage, die die Nahwärme als Abfallprodukt der Stromproduktion kostenlos liefert, gab und gibt es nicht. Und zu allem Überfluss befand sich der Heizölpreis zu der Zeit im Sinkflug. Mit Erneuerbaren Energien ließ sich augenscheinlich gegenüber dem Heizöl kein konkurrenzfähiger Wärmepreis gestalten.

In dieser scheinbar ausweglosen Situation entwickelte Gunter Brandt Szenarien, die mehr Visionen als konkrete Erwartungen waren:

  • Aus dem Dorf sollte sich ein Kreis von engagierten Interessenten bilden, der das Projekt trotz der schwierigen Ausgangslage voranbringt.
  • Diesem Kreis soll es gelingen, die Zahl der Anschlusswilligen zu verzehnfachen. Die kritische Marke für das Gelingen des Vorhabens gab er mit 105 Nahwärme-Abnehmern an.
  • Als Energieträger legte er die Sonne fest. Biomasse (Energiepflanzen, Holzhackschnitzel) seien sehr schlechte Energieverwerter. Die Sonnenenergie könne dagegen zu 100 Prozent mit Kollektoren geerntet und gespeichert werden - bei geringem Flächenverbrauch. Um Bracht ganzjährig zu beheizen, reiche eine ein Hektar große Kollektorenfläche. Warum werden dann nicht alle Nahwärmenetze mit Solarthermie beheizt? Es gibt einen wunden Punkt. Um Bracht auch im Winterhalbjahr mit Sonnenwärme versorgen zu können, wird ein sehr großer Speicher benötigt, der die im Sommerhalbjahr gewonnene Wärme im Winterhalbjahr abgibt. Gunter Brandt räumte ein, dass ein solcher Speicher so teuer sei, dass er sich nur über eine Laufzeit von 50 Jahren finanzieren lasse. Keine Bank der Welt gebe Kredite über 50 Jahre. Das Ende der Geschichte? Gunter Brandt hatte noch einen visionären Pfeil im Köcher: Nun sei die Politik dran, der bewährten, effektiven, extrem umweltfreundlichen und wartungsarmen Solarthermie-Technologie über Förderungen für die Speicher zum großen Durchbruch zu verhelfen.

Brandts Worte wurden erhört. Es fanden sich mutige Nahwärme-Enthusiasten, die das Projekt Bioenergiedorf nicht zu den Akten legen wollten und es vorantrieben. Und Brandts Aufforderung an die Politik wurde zumindest von der Hessischen Landesregierung erhört, die ein Sonderförderprogramm für besonders innovative Projekte aufgelegt hat. Und Bracht hat laut Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich beste Chancen, in das Programm aufgenommen zu werden. Fließt das Geld aus Wiesbaden, ist das Speicherproblem vom Tisch. Dann lässt sich das gesamte Projekt über den üblichen Zeitraum von 25 Jahren durch die Erlöse aus dem Nahwärmeverkauf finanzieren.

Die Details stellten die Mitglieder der Interessengruppe Solarthermie Bracht bei einem Gespräch mit dieser Zeitung vor, das in der Gästekabine des FV Bracht stattfand. Die Gruppe habe sich im November gegründet und gehe jetzt, da eine realistische Möglichkeit für die Umsetzung des Projekts bestehe, erstmals an die Öffentlichkeit, sagte Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich.

„Die Kernfrage ist: Können wir das finanzieren?“

„Die Kernfrage ist: Können wir das finanzieren“, erklärte Finanzfachmann Heinrich Aillaud. Es gebe für Nahwärmeprojekte eine Standardförderung. Für besonders innovative Projekt habe das Land Hessen eine Sonderförderung aufgelegt, um die sich die Gruppe bewerbe. Bei einem Besuch in Wiesbaden habe sich Finanzminister Dr. Thomas Schäfer sehr wohlwollend zu dem Projekt geäußert. Die Grundlagen aus den Förderrichtlinien seien Punkt für Punkt abgearbeitet worden, erklärte Heinrich Aillaud. Außerdem habe die Gruppe eine Projektskizze erarbeitet, die einer kleinen Thesis (wissenschaftliche Arbeit, die Redaktion) entspreche. Die Projektskizze solle noch vor den Sommerferien fertig sein, sagte Aillaud.

Die Euphorie im Kreis der Solarthermie-Pioniere war groß. Matthias Schütz sprach von einem Prestigeprojekt für das Land Hessen, denn es gebe deutschlandweit, vermutlich auch in ganz Europa, nicht ein Dorf, das ausschließlich mit Solarthermie beheizt werde. Bracht könne als Demonstrationsobjekt zeigen, dass im Winter auch ohne schädliche Auswirkungen auf die Umwelt der Ofen nicht ausgehe. Und wenn die zu gründende Genossenschaft ihre Verbindlichkeiten getilgt habe, zahle sie Steuern.

Ralph Vogt würdigte die Solarthermie als robuste und erprobte Industrieanlagen, die nicht so schnell kaputt gehe. Klaus Pfalz begleitete als Fachberater Energieentwicklungsprojekte der VR Bank Hessenland schon 13 Nahwärmenetze. Wenn die Sonderförderung fließe, werde die Finanzierung des mit neun Millionen Euro veranschlagten Projekts über 25 Jahre möglich sein - zu einem akzeptablen Nahwärmepreis, sagte der in Bracht beheimatete Banker.

Nahwärmepreissoll unter 10 Cent liegen

Dieser werde unter zehn Cent pro Kilowattstunde Nahwärme liegen, kündigte Bürgermeister Michael Emmerich an, der als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Nahwärmegenossenschaft Bioenergiedorf Josbach zu den Pionieren der grünen Energien im Kreis zählt. Emmerich zeigte sich zuversichtlich, dass Bracht die Sonderförderung des Landes erhalten werde. Er begründete dies nicht nur mit dem beispiellosen Projekt zur klimaneutralen Wärmeversorgung eines ganzen Dorfes, sondern auch mit der sehr präzisen und fachkundigen Arbeit der ganze Gruppe.

Der Architekt Hermann Koch zeigte sich überzeugt, dass die notwendigen 105 Genossenschaftsmitglieder unter den neuen Bedingungen gewonnen werden können. Das hätten die ersten Hausbesuche gezeigt.

Über ihre Ziele und das Projekt informiert die Gruppe mit einem Flyer und im Netz:www.solarwaerme-bracht.de

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr