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Randalierer müssen Strafe antreten

Berufungsverfahren Randalierer müssen Strafe antreten

Die Berufungsverhandlung wegen der Randale vor und im Asylbewerberheim Wohra dauerte am Mittwoch gerade mal eine Stunde. Dabei nahmen die Angeklagten ihre Berufungen zurück.

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Polizeibeamte untersuchten am Tag nach der Tat das Unterkunftsgebäude und die dort entstandenen Schäden.

Quelle: Archivfoto: Michael Mayer

Wohratal. Alle vier Angeklagten hatten gegen das Urteil des Jugendschöffengerichts Marburg über ihre Verteidiger Berufung eingelegt. Das Jugendschöffengericht hatte sie nach Jugendstrafrecht zu zwei Wochen „Warnschuss-Arrest“ verurteilt und zusätzlich die Schuld festgestellt - eine Besonderheit des Jugendstrafrechts. Damit bestünde bei einer weiteren Straftat eines Beteiligten während der Bewährungszeit die Option einer direkten Jugendstrafe.

Gestern verhandelte die Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf die Berufung der vier Männer, die inzwischen in verschiedenen Kommunen im Ostkreis wohnen. Sie alle sind zwischen 20 und 21 Jahre alt, bei ihrer Tat am 12. Januar 2014 waren sie 18 beziehungsweise 19 Jahre alt.

Strafe hätte formal nicht höher ausfallen dürfen

Die Verhandlung dominierte gestern allein Richter Wolf, der gleich zu Beginn klare Aussagen formulierte. So sei die Kammer nach Sichtung der Akten zunächst etwas hilflos gewesen. „Es gibt in diesem Falle die Möglichkeit, durchaus tiefer einzusteigen“, so Wolf gegenüber den Angeklagten wie auch ihren Verteidigern.

Er habe den Eindruck, so formulierte der Vorsitzende, dass bei den vier Männern das Verfahren schnell zu einem Ende gebracht werden sollte - und das nicht in alle Tiefen ermittelt wurde. Zwar gibt es juristisch bei einem Berufungsverfahren ein „Verschlechterungsverbot“, die Strafe hätte formal also nicht höher ausfallen dürfen.

Wolf stellte aber in den Raum, dass die Kammer in einer umfangreichen Beweisaufnahme das soziale Umfeld der vier Männer ausführlich beleuchten müsse. Auch eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht sei dann am Ende möglich. Dann wären, so der Vorsitzende, Verwarnungen mit Auflagen möglich.

Bei der vom Jugendschöffengericht ausgesprochenen Strafe hätten die Männer, wenn sie eine weiße Westebehalten, laut Wolf die Option „am Ende unbefleckt da herauszukommen“. Ihre Verurteilung wird ein Jahr nach Verbüßen der Strafe aus ihrem Führungszeugnis getilgt, ist dann nur noch bei den Strafverfolgungsbehörden aktenkundig.

"Wir beugen uns der Vernunft"

Wolf gab den Beteiligten nach dieser Einführung Gelegenheit, sich noch einmal über die Aufrechterhaltung der Berufung Gedanken zu machen. Nach 25 Minuten gab es ein kurzes, gemeinsames Statement der vier Pflichtverteidiger: „Wir beugen uns der Vernunft“, hieß es. Damit ist das Urteil des Jugendschöffengerichts rechtskräftig. Im Hinblick auf den noch ausstehenden Arrest legte Wolf den Anwälten nahe, mit dem Vollstreckungsleiter darüber zu sprechen, ob eine Umwandlung in eine Geldzahlung möglich und denkbar wäre. „Die Rücknahme der Berufung spart Ihnen eine Menge Ärger“, wandte sich Wolf an die Angeklagten.

Alle vier arbeiten entweder als Lehrlinge oder sind in Betrieben inzwischen angestellt. Ihre Tat in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 2014 hatte die damals rund 30 Bewohner der Asylbewerberunterkunft in Angst und Schrecken versetzt, zumal die Männer in das Heim eingedrungen waren und auch dort Türen eintraten.

Sie richteten an Türen und Rollläden damals einen Schaden von mehr als 10000 Euro an. Auf dem Heimweg von einer Geburtstagsfeier waren die Männer damals Richtung Unterkunft abgebogen und hatten dort randaliert. Als Motiv sollten sie später „persönlichen Frust“ angeben. Der Schaden wurde, wie Richter Wolf erläuterte, zwischenzeitlich auf dem Wege des Vergleichs reguliert.

Wohratals Bürgermeister Peter Hartmann hatte die damaligen Ereignisse seinerzeit als „schwarzen Tag“ für seine Gemeinde bewertet. Die Ereignisse hatten allerdings auch einen besonderen Effekt: Sie lösten eine Welle der Solidarität in der Wohrataler Bevölkerung aus. Ein „runder Tisch“ bildete sich, der bis in die Gegenwart hinein Hilfen für die Bewohner organisiert, etwa Deutschunterricht. Das war damals der größte Wunsch der Bewohner. Der Wohraer „Arbeitskreis Asyl“ gehört zu den ältesten ehrenamtlichen Institutionen dieser Art im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Im vergangenen Jahr wurde er 20 Jahre alt.

von Michael Rinde

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