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Qualität und Freude ist wichtiger als das Geld

Junger App-Entwickler Qualität und Freude ist wichtiger als das Geld

Lange Zahlenreihen in verschiedenen Farben ziehen sich über den Bildschirm von Bilal Karim Reffas. Was für den Laien nicht zu begreifen ist, ist für ihn seine tägliche Herausforderung.

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Bilal Karim Reffas programmiert seit seinem 17. Lebensjahr in seiner Freizeit und längst auch beruflich. Im Hintergrund flimmern die Programmzeilen für sein neues Projekt.

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Aus den langen Zahlenreihen entsteht eine Application, eine App auf Tablet-Computer oder Smartphone. Mit 21 Jahren ist Bilal Karim Reffas bereits ein erfolgreicher App-Entwickler, mit einer Leidenschaft, die hörbar ist, wenn man mit ihm spricht. Die Tatsache, dass er in seiner Freizeit Apps programmiert, macht ihn nicht besonders.

Der Umstand, dass er es mit seinen Fähigkeiten schon bis zur Apple-Entwicklerkonferenz WWDC schaffte, schon. Im Juni vergangenen Jahres war der Stadtallendorfer einer von weltweit 200 App-Entwicklern, die der Konzern nach San Franzisco eingeladen hatte. Er bekam dafür ein Stipendium des Konzerns.

Konzernchef Tim Cook traf er zufällig. Mit Jony Ive, der bei Apple für das Aussehen, also das Design der Apps verantwortlich ist, hat er seinerzeit länger diskutiert. Es geht ihm um Qualität, bei dem, was er schafft.

Als einen Apple-Jünger, der alles liebt und gut findet, was der Konzern herausbringt und verkauft, versteht er sich aber ganz und gar nicht. Apples Programm iTunes beispielsweise findet er umständlich und so gar nicht zu Prinzipien des Firmengründers Steve Jobs passend.

Alles andere als ein Musterschüler

Seine Mutter Mouna Ismail Ali Reffas stammt aus Somalia, sein Vater Karim Reffas aus Algerien. Sein Vater gab den Anstoß für die private und berufliche Leidenschaft seines Sohnes. Der war fasziniert, als er ein iPhone geschenkt bekam und sich damit sofort intensiver befasste. Bis dahin war der 21-Jährige alles andere als ein Musterschüler, wie er selbst sagt.

Das war vor mehr als vier Jahren. Vieles brachte er sich selbst bei, am Anfang die alte aber sehr verbreitete Programmiersprache Java, später C oder Apples eigene Sprache Swift. „Vieles, was ich kann, habe ich im Netz gefunden und dort gelernt“, sagt der junge Programmierer. Auf dem Videokanal You Tube beispielsweise­ fand er viel Lehr- und ­Hilfreiches.

Er machte sein Fach­abitur an der Marburger Adolf-Reichwein-Schule. Diese zwei Jahre dort haben ihm viel gebracht. Ansonsten geht er mit Schule und dem, was ihm dort vermittelt wurde, eher kritisch um. Seinen ersten großen Erfolg mit einer App hatte er mit „Data Volume“. Nutzer erfahren zuverlässig, wie viel Datenvolumen ihnen noch bleibt.

Stadtallendorfer möchte Deutschland nicht missen

Rechtzeitig, bevor der Datenhahn vom Telefonanbieter zugedreht wird, gibt es eine Warnung. Rund 20000 Mal wurde diese App inzwischen heruntergeladen. Obwohl es zahlreiche ähnliche Angebote gibt, überzeugt sie die Nutzer offenbar. Nebenbei verdient Bilal Reffas bei jeder App auch noch 99 Cent. Doch das Geld ist für ihn kein entscheidendes Kriterium dabei.

„Ich freue mich, über Rückmeldungen, Verbesserungsvorschläge oder gute und schlechte Kritiken“, sagt er. Das freue und motiviere ihn. Als er von Apple eine Testaufgabe quasi als Eintrittstür zur Entwicklerkonferenz bekam, musste er in kürzester Zeit eine App entwickeln, was er schaffte.

Dann gab es das Ticket in die USA, wovon andere langjährige Entwickler nur träumen. Obwohl er schon Angebote von Unternehmen aus dem In- und Ausland bekam, möchte er Deutschland nicht missen. Weggehen ist jetzt kein Thema für den jungen Mann. In den USA möchte er ganz sicher nicht leben. Er schätzt die soziale Absicherung in Deutschland, auch wenn er sie selbst noch nicht benötigt hat. „Diese Hire-and-Fire-Mentalität in den USA ist überhaupt nicht mein Ding“, sagt Bilal. „Hire-and-Fire“ steht für „Einstellen und nach Belieben wieder Feuern“.

Der 21-Jährige arbeitet bei der Telekom in Gießen, macht dort eine Ausbildung zum „Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung“, freut sich über die Anerkennung und die zahlreichen Fortbildungsmöglichkeiten, die er dort bekommt. Was passiert danach? Das weiß Bilal Karim Reffas noch nicht endgültig. Vielleicht schließt er ein Studium an.

Bilal Karim Reffas will App kostenlos anbieten

Derzeit gehört seine Freizeit ganz seinem jüngsten Projekt, der App „Luubra“. Die Idee dahinter ist simpel. Wer kennt die Situation nicht, wenn er sich eine Jeans kaufen möchte, aber unsicher ist, ob sie ihm steht? Mit „Luubra“ soll der Handynutzer schnell ein Meinungsbild seiner Freunde bekommen. Ein Foto mit der angezogenen Jeans wird über die App verschickt.

Die Rückmeldungen über Symbole und Kommentare sollen dann auf elektronischem Wege zurückfließen zum Ratsuchenden. Design ist ihm dabei wichtig und Einfachheit eben. „Man muss merken, dass diese App mit Liebe entstanden ist“, beschreibt er seinen Leitsatz.

Er will diese App kostenlos anbieten, damit sich schnell Interessenten dafür finden. „Luubra“ soll im Sommer auf den Markt kommen. Schon bald will er eine Testversion veröffentlichen. All seine freie Zeit verbringt der junge Mann am Computer oder viel mehr direkt vor dem Bildschirm. Seine Eltern kämen nur langsam damit klar, dass er dort arbeite. „Zuerst haben sie gedacht, ich zocke in der Nacht durch“, erinnert er sich. Doch inzwischen freuten sie sich über seinen Erfolg und seien schon ein wenig stolz auf ihn. Das freut ihn natürlich auch.

Der 21-Jährige sagt von sich selbst, dass er glücklich und zufrieden damit ist, so wie es jetzt bei ihm läuft. „Ich habe zu essen, habe eine Arbeit und alle in meiner Familie sind gesund. Das ist doch das Wichtigste“.

Seine Leidenschaft hat aber auch dazu geführt, dass er zwangsläufig seine Freunde aus der Nachbarschaft vernachlässigen musste. „Sie fragen mich schon, wenn sie mich sehen, ob ich noch lebe“, sagt er. Doch das er wenig Zeit für sie hat, das wird sich vorläufig nicht ändern.

von Michael Rinde

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