Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Prügelei oder gezielter Angriff?

Gerichtsprozess Prügelei oder gezielter Angriff?

Weitere Zeugenaussagen bringen ein wenig mehr Licht in das undurchsichtige Tatgeschehen im Prozess gegen einen jungen Mann, der im Mai in Neustadt einen anderen Flüchtling mit einem Messer schwer verletzte.

Voriger Artikel
Vom Friedhof bis zum Trachtenbild
Nächster Artikel
Ein anderer Blick auf den Glauben

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt kam es im Mai zu dem Angriff eines 26-Jährigen auf einen anderen Flüchtling. Archivfoto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Neustadt. Einige Mitarbeiter der Neustädter Erstaufnahmeeinrichtung beschrieben am dritten Verhandlungstag (die OP berichtete) vor dem Landgericht ihren Eindruck von der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen zwei Bewohnern. Erstmals sprachen Zeugen von einer Schlägerei zwischen Opfer und Täter.

Bisher war zum detaillierten Ablauf der Messerattacke noch wenig bekannt. Im Gegensatz zu den bisher gehörten Aussagen sprach ein Sozialarbeiter der Einrichtung von einer „Prügelei“ auf dem Freigelände der Einrichtung.

Wie stets zur Mittagszeit, wenn sich lange Schlagen vor der Kantine bilden und „sich viele Menschen anhäufen“, stand er mit Kollegen in der Nähe und beobachtete das Geschehen. Aus einiger Entfernung bemerkte er die Auseinandersetzung, „es gab eine Schlägerei“, wählte der Zeuge vorsichtig Begriffe, die bisher nur am Rande während des Prozesses gefallen waren. Eine klare Darstellung des Geschehens folgte erst nach einigem Zögern des Augenzeugen, „ich will auch niemanden belasten“, gab er zurückhaltend an.

Einer der Beteiligten sei „immer wieder gefallen und wieder aufgestanden - zum Schluss konnte er das nicht mehr“. Erst beim Näherkommen sah er, dass der Geschädigte stark aus einem Schnitt im Gesicht blutete. Zuvor ging er lediglich von einem Streit und einer „Rangelei“ aus. Schließlich bemerkte er das lange Messer, das der 26 Jahre alte Täter in einer Hand hielt, dabei weiter auf den anderen Mann einschlug.

Noch Tage nach der Bluttat grassierten Gerüchte in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt, dass bei dem Streit auch Alkohol im Spiel gewesen sei, es generell um „die Ehre“ gegangen sei. Näheres dazu war während der bisherigen Vernehmungen nicht zu erfahren.

Richter lobt Mut eines Zeugen

Wie die Auseinandersetzung begonnen hatte, konnte auch der Sozialarbeiter an jenem Tag im Mai nicht sehen. Ebenso wenig wie der Sicherheitsmitarbeiter, der die erste Attacke in den Rücken des ahnungslosen Opfers nicht mitbekam. Er stand etwas abseits, wurde von einigen Kindern auf eine Schlägerei aufmerksam gemacht und kam hinzu, als der Geschädigte gerade versuchte, den Täter von weiteren Attacken abzuhalten. Der Sicherheitsdienst-Mitarbeiter trat alleine in Aktion, trennte die beiden Männer sofort und stellte sich zwischen sie. „Das war mutig von Ihnen“, kommentierte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm das schnelle Handeln des Ordners.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass der aggressive Angreifer ein langes Messer dabei hatte. Die erfolgreiche Einmischung rettete dem Opfer möglicherweise das Leben. Die Waffe hatte er jedoch erst nach seinem Einschreiten bemerkt, „ich ging erst von einer normalen Schlägerei aus“, relativierte der Zeuge diesen Punkt.

Besonders interessierte das Gericht die bisher ungeklärte Frage, woher der 26-Jährige das lange, auffallend scharfe Messer besorgt hatte. Die Waffe scheint der Beschuldigte „von außerhalb“ bekommen zu haben, bestätigte der Ordner den Verdacht anderer Zeugen, die sich über das unübliche Utensil im Camp wunderten.

Gemeinsam mit einigen Kollegen verfolgte der Zeuge den Flüchtigen und hielt ihn bis zum Eintreffen der alarmierten Polizei fest. Auffällig dabei war das hektische, fast schon panische Verhalten des Angeklagten: „Er war völlig außer sich und fast am Zusammenbrechen. Er kam mir sehr schockiert vor“, bemerkte der Zeuge.

Ob das Verhalten an einer psychischen Instabilität lag, konnte er nicht sicher sagen. Der Mann soll an paranoider Schizophrenie erkrankt sein, somit als schuldunfähig gelten.

Bereits zuvor hatte ein weiterer Zeuge über eine scheinbar schlechte Gemütslage des späteren Täters berichtet, dieser sei angeblich Tage vor dem Angriff „schlecht gelaunt und psychisch auffällig“ gewesen.

Eine Sachverständige wird beim nächsten Verhandlungstag ein Gutachten zur gesundheitlichen Situation des Angeklagten abgeben.

Der Prozess wird am 21. November ab 9 Uhr im Landgericht, Saal 101, fortgesetzt.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr