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"Prototyp für Beschaffungskriminalität"

Gericht "Prototyp für Beschaffungskriminalität"

Um seine schwere Drogensucht zu finanzieren, stieg ein Stadtallendorfer in diverse Geschäfte und Firmengebäude ein und stahl. Im Drogenrausch schlug er zudem wild auf Passanten ein.

Stadtallendorf. Mehrfacher Diebstahl und Wohnungseinbruch, vierfache vorsätzliche Körperverletzung, Widerstand und Beleidigung und unerlaubter Schusswaffenbesitz - wegen einer ganzen Reihe unterschiedlicher Delikte wurde ein geständiger 29-Jähriger zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt. Zudem muss der drogenabhängige Mann in eine Entziehungseinrichtung. Dies ordnete das Marburger Schöffengericht für den Wiederholungstäter an.

Der Stadtallendorfer stand zum 20. Mal vor Gericht, ist bereits 17-mal vorbestraft, davon mehrfach einschlägig. Über ganze elf Anklageschriften galt es während der Verhandlung abzuarbeiten: In den vergangenen zwei Jahren brach der Angeklagte wiederholt in Stadtallendorf und Marburg in verschiedene Zahnarztpraxen, Firmenhäuser, Altenheime, eine Schule und einen Kindergarten ein und klaute Laptops, Bargeld und wertvolle Goldkronen oder -brücken. Auch in einer Methadonambulanz, in der er selber substituiert wurde, warf er Fenster ein und stahl Bargeld, Arztstempel und Schlüssel.

Neben seinen Beutezügen geriet er mehrfach in körperliche Auseinandersetzungen, darunter mit seiner ebenfalls abhängigen Ex-Freundin. Im Streit schlug er der Frau mehrmals ins Gesicht oder in den Bauch. Vor allem an einem Tag Ende August vergangene Jahres rastete der berauschte Täter über Stunden hinweg mehrfach aus: Nachdem er nach einem weiteren Streit diverse Gegenstände aus der Wohnung der Ex mitgehen gelassen hatte, wanderte er wutentbrannt durch den Norden Marburgs und griff wahllos ihm entgegen kommende Passanten an. Im Anschluss stieg er in einen Stadtbus, zündete sich eine Zigarette an und wurde vom Busfahrer prompt hinausgeworfen. Auch diesen griff der Angeklagte wütend an. Während der Festnahme durch die Polizei widersetzte er sich, beleidigte die Beamten und versuchte, auch sie zu attackieren.

Richter spricht von einer „sehr heftigen Nummer“

Richter Thomas Rohner sprach von einer „sehr heftigen Nummer“. Doch das war noch nicht alles: Der Stadtallendorfer hatte sich auch noch der Urkundenfälschung und des Schwarzfahrens schuldig gemacht - und wurde mit einer manipulierten Schreckschusswaffe am Frankfurter Bahnhof erwischt, als er sein Diebesgut an Hehler verkaufen wollte.

Vor dem Schöffengericht gab der 29-Jährige bis auf zwei kleinere Delikte alles zu. Hintergrund bei fast allen Taten war die anhaltende Drogensucht. Bereits seit seiner Jugend konsumiert er beständig Betäubungsmittel, gilt seit mindestens zehn Jahren als schwer heroinsüchtig und weist eine deutliche Mehrfachabhängigkeit auf, kommentierte ein psychiatrischer Gutachter. Das halbe Leben des Mannes sei von einer immer wieder kehrenden Suchtproblematik geprägt, mehrere Entzüge und Therapien sowie Haft- oder Bewährungsstrafen zeigten keine langfristige Wirkung. Die Straftaten dienten vor allem dazu, sich weitere Suchtmittel leisten zu können, seien geradezu „prototypisch für Beschaffungskriminalität“.

29-Jähriger sitzt seit Anfang des Jahres in U-Haft

Komplett zurechnungsfähig war der Täter dabei nicht: Während zahlreicher Taten befand er sich entweder in einem akuten Rauschzustand oder wies bereits erste Entzugserscheinungen wie Krämpfe oder Schweißausbrüche auf. Auch die Zeugen beschrieben ihn als „gereizt, aggressiv und wechselhaft“, zudem habe er „wie unter Drogen“ gewirkt. Für einen Teil der Vorwürfe attestierte ihm der Sachverständige eine verminderte Schuldfähigkeit. Er sprach sich für eine Unterbringung im geschlossen Entzug aus. Andernfalls sei nicht zu erwarten, dass der Angeklagte nach Haftentlassung drogenfrei leben könne.

Seit Anfang des Jahres sitzt der 29-Jährige in Haft, die Unterbringung dürfte demnächst folgen. In dieser bestehe die Hoffnung, dass der Angeklagte „schlussendlich noch die Kurve kriegt“, so Richter Rohner.

von Ina Tannert

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