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Projektierer speckt seine Pläne ab

Windkraft Projektierer speckt seine Pläne ab

Die Firma Juwi und die Mardorfer Waldinteressenten zeigten am "Runden Tisch Windkraft" Bereitschaft, ihre wirtschaftlichen Erwartungen zurückzuschrauben und weniger Anlagen als einst geplant zu errichten.

Mardorf. Der Projektierer und die Waldinteressenten sind einen Schritt auf die Gegner weiterer Windkraftanlagen auf der Mardorfer Kuppe zugegangen –doch die Bürgerinitiative ist noch lange nicht zufrieden und will mehr. Die Aussichten, einen noch besseren Vorschlag unterbreitet zu bekommen, sind allerdings verschwindend gering bis nicht vorhanden.

Sieben statt zehn Windkraftanlagen – so lautet das Angebot der Firma Juwi grob zusammengefasst. Im Gegenzug soll die Stadt Amöneburg ihre Pläne ad acta legen, Teile von Erfurtshausen in ein reines Wohngebiet umzuwandeln. Der Projektierer hatte ursprünglich geplant, auf der Mardorfer Kuppe weitere acht Windräder sowie zwei Anlagen auf Homberger Gebiet zu errichten. Davon rücken das Unternehmen und die Waldinteressenten nun ab: Sie schlugen eine „freiwillige Vereinbarung“ zum Thema „Schall­immission“ vor und sind bereit, am südlichen Ortsrand von Erfurtshausen einen Grenzwert von 37,5 Dezibel (sowie im Ortskern von 35 Dezibel) einzuhalten.

Das wäre somit der Mittelwert zwischen den ursprünglich vorgesehenen 40 Dezibel und den 35 Dezibel, die in einem reinen Wohngebiet gelten. Um Teile Erfurtshausens allerdings in ein solches „reines Wohngebiet“ umzuwandeln, wäre eine Änderung des Bebauungsplans notwendig – die die Stadtverordneten zwar angedacht haben, bei deren möglicher Umsetzung allerdings einige Bedenken aufs Tableau kamen. So habe der Landkreis bereits Vorbehalte angekündigt, teilt Bürgermeister Michael Plettenberg mit. Grund sei, dass der südliche Teil des Dorfes an landwirtschaftliche Flächen angrenze. Und deren Nutzung stehe einer Ausweisung der benachbarten Grundstücke als reine Wohngebiete entgegen, da die Landwirte von dem Grenzwert 35 Dezibel erheblich in ihrer Arbeit eingeschränkt wären.

Der Bürgermeister jedenfalls ist von dem Vorschlag des Projektierers und der Waldinteressenten angetan: Er würde sich für das „moderatere Mittel“ der freiwilligen Vereinbarung aussprechen. Das sei ihm jedenfalls lieber, als die „Keule der Verhinderungsplanung“ hervorzuholen – denn etwas anderes wäre eine Abänderung des Bebauungsplans nicht, wie er zugibt.

Plettenberg hätte sich gewünscht, dass die Vertreter der Bürgerinitiative den Kompromissvorschlag erst einmal überdenken, ehe sie ihn spontan als „nicht ausreichend“ bezeichnen: „Ich finde den Ansatz positiv, weil bessere Lärmwerte eingehalten werden und der Abstand zur Bebauung größer ist, als gesetzlich vorgeschrieben.“

1000 Meter sind gesetzlich vorgeschrieben, in Erfurthausen würden es gemäß des neuen Ansatzes 1150 Meter sein, wie Dr. Michael Wormer von der den Runden Tisch moderierenden Ifok GmbH erläutert. Die Bürgerinitiative beharrt allerdings auf ihrer Forderung von 1500 Metern. Dann wäre das Projekt aber laut Juwi nicht mehr wirtschaftlich umsetzbar.

Die endgültige Anzahl der Anlagen steht noch nicht fest

Die genauen Abstände zu Siedlungsgrenzen und die endgültige Anzahl von Windrädern kann allerdings erst festgelegt werden, wenn die Ergebnisse verschiedener Gutachten vorliegen. Juwi und die Waldinteressenten würden jedenfalls auf Einnahmen verzichten, stellte Projektmanager Silvan Schumacher heraus und verdeutlichte, dass der Kompromissvorschlag fair und ausgewogen und nicht mehr verhandelbar sei. SPD-Fraktionsvorsitzender Winfried Kaul sprach von einem „respektablen Entgegenkommen“, das helfen könne, die Stimmung im Ort zu befrieden.

Juwi, die Waldinteressenten, der Magistrat und die Stadtverordneten wollen sich nun jedenfalls weiter beraten und mit juristischem Beistand einen städtebaulichen Vertrag aufsetzen. Anfang August soll der Runde Tisch dann erneut tagen.

Juwi jedenfalls hat auch seine Ankündigung aus der vorvergangenen Sitzung wahr gemacht und ein renommiertes Ingenieurbüro mit einer freiwilligen Schallvermessung an einer bestehenden Anlage beauftragt. „Bei den weiteren sechs Anlagen werden Höreindrücke erfasst und bei Bedarf auch vermessen“, heißt es in einer Pressemitteilung, die nach der Sitzung des Runden Tischs herausgegeben wurde. Außerdem plant das Unternehmen, zur Begleitung des Genehmigungsverfahrens eine eigene Projekt-Homepage einzurichten und dort alle wesentlichen Unterlagen zum geplanten Windpark einzustellen. Eigentlich sei es nur zur Auslage verpflichtet, stellt Wormer heraus. So werde es aber für die Bürger viel einfacher, das Projekt zu verfolgen.

In der Sitzung stellte sich außerdem in Martin Schnell der Gutachter vor, den Juwi mit der vogelkundlichen Kartierung des Planungsgebiets beauftragt hatte. Dieser habe die Mitglieder des Runden Tischs von der Unabhängigkeit und der Seriosität seines Büros überzeugt, heißt es in der von allen Beteiligten abgesegneten Pressemitteilung. Martin Schnell betonte, dass Kartierungen zwar nur Momentaufnahmen darstellten, die Datenerfassung auf der Mardorfer Kuppe allerdings bedingt durch die bereits bestehenden Anlagen seit vier Jahren erfolge – die Datengrundlage also deutlich besser sei als bei anderen Projekten.

Horrorszenario hält Faktencheck nicht stand

Letztes Thema der Sitzung war die vermeintliche Belastung von Menschen durch Infraschall – ein Punkt, den die Bürgerinitiative unbedingt behandeln wollte. Dazu hatte sie einst ein ausführliches Schriftstück eines emeritierten Professors vorgelegt – das die Ifok GmbH der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg vorlegte und um Stellungnahme bat. Antwort sei gewesen, dass die Ausarbeitung extrem fehlerhaft sei, zahlreiche Aussagen falsch seien und die Horrorszenarien nicht der Realität entsprächen, berichtet Wormer. Es sei bedauerlich, dass durch Personen mit akademischen Titeln so viel Unsicherheit verbreitet werde. Dr. Rainer Kaps von der HessenAgentur verwies in diesem Zusammenhang auf einen von Experten zusammengestellten „Faktencheck“ (der auf der Ifok-Seite einsehbar ist). Die Experten sind sich dabei einig, dass bei einem Abstand von 1000 Metern zur Bebauung keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten seien, da die festgestellten Infraschalldruckpegel bereits bei geringen Entfernungen weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Menschen liegen.

von Florian Lerchbacher

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