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Polizeibeamter entlastet Kollegen

Gericht Polizeibeamter entlastet Kollegen

Zwei wichtige Zeugen hörte die 8. Strafkammer des Marburger Landgerichts gestern im Berufungsverfahren gegen einen Polizeibeamten aus dem Landkreis.

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Über diesen Pfad und ein Gleis sollen drei vermeintliche Räuber von der Posener Straße aus zum Festnahmeort gelangt sein. Begangen wurde der Raub von drei Litauern. Foto: Mayer

Stadtallendorf. Der Beamte war erstinstanzlich vom Kirchhainer Amtsgericht wegen Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Freiheitsberaubung zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Gestern sagte der Kollege des Angeklagten im Zeugenstand aus, der bei der Festnahme zweier vermeintlicher Räuber am 24. November 2011 gegen 17.30 Uhr in der Stadtallendorfer Eichenhain-Siedlung dabei war. Er schilderte den Geschehensablauf exakt so, wie dies sein angeklagter Kollege am ersten Verhandlungstag getan hatte.

Demnach suchten vier Beamte einer operativen Einheit der Polizeidirektion Marburg drei flüchtige Räuber, die an diesem Tag einen brutalen Raubüberfall auf einen Stadtallendorfer Juwelier verübt hatten. Durch den Hinweis eines zwölfjähri­gen Tatzeugen konzentrierte sich die Suche auf einen polizeibekannten Stadtallendorfer Intensivtäter, der gegen 17.20 Uhr in Begleitung zweier Männer ein Haus in der Posener Straße durch ein Wäldchen Richtung Dresdener Straße verließ. Personenbeschreibung: Zwei Männer mit Schiebermütze, zwei Männer mit Fahrrad. Zugriffserlaubnis: Erteilt. (die OP berichtete).

Als einer dieser Männer in der Eichenhain-Siedlung ein Haus betrat und es wenig später verließ, entschieden sich der Angeklagte und der ebenfalls dort postierte Zeuge zum Zugriff, obwohl ihre Kollegen den Einsatzort noch nicht erreicht hatten.

Er habe fünf bis zehn Meter neben der Haustür gestanden, als der Mann sein Rad genommen und bestiegen habe. Dessen abseits stehender Begleiter habe dem Mann in einer fremden Sprache etwas zugerufen. Der habe daraufhin versucht, sein Rad im Wiegetritt auf einer Wiesenfläche zu beschleunigen. Seinen Ruf „Halt, Polizei“ habe der Radler ignoriert, sagte der Zeuge, dem es gelang, den Mann an der Jacke festzuhalten und stoppen.

Den anfänglichen Widerstand des Mannes habe er mit einem Polizeigriff gestoppt, ihm auf dem Rücken die Hände gefesselt, ihn auf dem Boden abgelegt und ihm mitgeteilt, dass er wegen Raubverdachts vorläufig festgenommen sei. „Ich habe für solche Situationen ein an­trainiertes Verhaltensmuster und das mit Sicherheit gesagt“, erklärte der Beamte auf Nach­frage von Rechtsanwältin Irma Lomen, die den Nebenkläger vertrat. Der Nebenkläger und dessen ebenfalls an diesem Abend festgenommener Begleiter hatten am ersten Verhandlungstag bestritten, dass ihnen der Grund für ihre Festnahme gesagt worden sei.

Vermeintlicher Räuber zeitweise unbewacht

Er sei sicher gewesen, dass es sich bei dem Festgenommenen um den gesuchten Intensivtäter gehandelt habe, sagte der Zeuge dem Gericht. Der sei dann für rund eineinhalb Minuten unbeaufsichtigt geblieben, weil der Angeklagte 20 bis 30 Meter weiter dessen Begleiter festge­nommen und ihn zu sich gerufen habe. Der Grund: Der jetzt angeklagte Polizist habe seinen noch nicht gefesselten Gefangenen an ihn übergeben, um eine weitere Person festzunehmen, die dieser als mögliche Kontaktperson des vermeintlichen Intensivtäters angesehen habe.

Wie der Zeuge erklärte, brachte er den Begleiter zu der „Ablagestelle“ des zuerst Festgenommenen und fixierte ihn am Boden mit einem Knie. Er hatte kein zweites Paar Handschellen für die Fesselung, und als sein Kollege mit dem gleichfalls nicht gefesselten „dritten Mann“ gekommen sei, habe er sich unwohl gefühlt, sagte der Beamte. Aus dem Augenwinkel habe er mitbekommen, wie sich der vermeintliche Intensivtäter ruckartig auf die Seite gedreht und seine Knie angezogen habe. Sein Kollege habe darauf mit dem Ruf „bleib liegen“ und einem „Fußstoß“ gegen den Mann reagiert. Der Zeuge sprach von einer „unangenehmen Situation“. Es sei bekannt, dass man mit auf dem Rücken gefesselten Händen aufstehen und beispielsweise flüchten oder zutreten könne.

Der Vorsitzende Richter Hans-Werner Lange hielt dem Zeugen vor, in seinem mehrseitigen Einsatzbericht nichts von dieser „unangenehmen Situation“ geschrieben zu haben, und Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer empfand die Vorstellung, dass jemand im Beisein zweier Polizisten einen Fluchtversuch unternehmen wolle, der dazu zuvor eine gute unbewachte Minute gehabt hätte, als unlogisch. Auf seinen Antrag hin wurde der Polizeibeamte, der nach umfassender Belehrung bei seiner Aussage blieb, vereidigt.

Der damalige Einsatzleiter konnte zum eigentlichen Tatgeschehen nichts sagen, da er mit dem vierten Kollegen erst am Festnahmeort eingetroffen war, als dort „eine stabile Lage“ herrschte. Der Beamte gab an, dass ein Überwachungsvideo die Unschuld der vorläufig Festgenommenen bestätigt habe. Er habe sich um den von seinem Kollegen getretenen Mann gekümmert, nachdem dieser bekannt habe, vor der Festnahme eine Heroinplombe verschluckt zu haben. „Das ist lebensgefährlich, ich habe ihm zweimal angeboten, einen Arzt zu rufen. Das hat er abgelehnt“, sagte der Beamte.

Der Prozess wird am Montag, 22. September, um 9 Uhr fortgesetzt.

von Matthias Mayer

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