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Plötzlich meldet sich ein Opfer zu Wort

Stolpersteine Plötzlich meldet sich ein Opfer zu Wort

Knapp 40 Josbacher ehrten zum zweiten Teil der ­Stolperstein-Verlegung in ­ihren Ort mit ihrem Gedenken 15 ehemalige Nachbarn, denen durch nationalsozialistischen Rassenwahn großes Leid und Unrecht angetan worden war.

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Pfarrerin Anja Fülling entzündet vor dem ehemaligen Wohnhaus des Josbacher Gönners Manfred Steinfeld Kerzen für die fünf Bewohner, die dort bis 1938 zusammen lebten. Foto: Matthias Mayer

Josbach. Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzte die Stolpersteine für drei jüdische Familien und eine deutschstämmige Josbacherin. Während der ersten Aktion waren bereits 13 Stolpersteine gesetzt worden.

Während Gunter Demnig die vor dem früheren Wohnhaus der Familie Kadden vier Stolpersteine verfugt, stimmt die Gitarrengruppe der evangelischen Kirchengemeinde das von Regina Schade geschriebene Josbacher Stolperstein-Lied an. Kaum ist er damit fertig, gibt Pfarrerin Anja Fülling den Opfern ein Gesicht. Sie stellt großformatige Fotos derer auf, die einst hier lebten. Und dann entzündet sie vier Lichter: Zwei größere für die Eltern Susmann Salli Kadden und Jettchen Kadden, zwei kleinere für die Kinder Albert und Sidy Kadden.

Ihr Mann, Pfarrer Dr. Michael Dorhs, erzählt die Geschichte der Kaufmannsfamilie, die durch den von den Nazis befohlenen Boykott jüdischer Geschäfte in Existenznot geriet. Sohn Albert wanderte bereits 1936 in die USA aus, während seine Schwester Sidy in der Josbacher Schule auf der Judenbank landete. Das bedeutete: Der Lehrer kümmerte sich nicht um sie, die Schülerin wurde nicht mehr geprüft. 1937 flohen auch die Eheleute Kadden mit Tochter Sidy in die USA.

Während sich an der nächsten Station die Steinsäge noch lautstark durch den Asphalt frisst, erzählt das Pfarrerehepaar gegenüber der OP, wie es an die Fotos und die biografischen Daten der Opfer gekommen ist. Die Kontakte zu Martha Becker, einer geborenen Kadden und zu dem noch lebenden Opfer Manfred Steinfeld seien hilfreich gewesen - auch was die Beschaffung der Fotos angehe, sagt Dr. Michael Dorhs. „Das ganze Wissen zusammenzubekommen war schon ein mühsames Geschäft“, bekennt der Pfarrer und berichtet von Besuchen in den Staatsarchiven Marburg und Wiesbaden. Das Ergebnis der Josbach betreffenden Recherchen wird in einem Buch veröffentlicht, das der Landkreis zum 75. Jahrestag der Deportationen herausgeben wird.

Witwe rettet ihre Söhne und wird im KZ ermordet

Vor dem seit rund 25 Jahren unbewohnbaren Haus von Salomon Sally Steinfeld setzt Gunter Demnig fünf Stolpersteine. Die erinnern an den Vieh- und Eisenwarenhändler mit eigenem Ladengeschäft Salomon Sally, dessen Frau Rosalie, die Kinder Martin und Trude sowie den Großvater Levi Herz. Die Steinfelds fliehen 1938 in die USA. Der damalige Josbacher Bürgermeister Haupt ermöglicht, dass sie den Großteil ihres Besitzes mitnehmen können. Großvater Levi Herz kehrt in sein Heimatdorf Katzenfurt zurück. Sein Schicksal ist unbekannt.

Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, singt an der dritten Station das jüdische Totengebet Kaddisch. Er singt es für die Kaufmannswitwe Paula Steinfeld und deren Tochter Irma Jettchen, die am 9. Januar 1945 im KZ Stutthof ermordet wurden. Die Inhaberin eines Kolonialwarenladens hatte ihren Söhnen Manfred (1938 in die USA) und Herbert Naftali (1939 nach Palästina) die Flucht ermöglicht. Ihre Schwiegermutter Johanna Steinfeld bezog 1939 in Frankfurt ein jüdisches Altersheim, wo sie kurze Zeit später starb.

Während der Zeremonie geschieht etwas Unerwartetes. Der heute 92-jährige Manfred Steinfeld richtet in einem von Helmut Heinmöller verlesenen Brief das Wort an seine „lieben Josbächer“. Der erfolgreiche Geschäftsmann schreibt von seiner glücklichen Kindheit in Josbach, erinnert an seine Freunde und an seinen Mathematik-Lehrer, der ihm einst prophezeit ­habe, er werde noch deutscher Finanzminister. Und er dankt den Josbachern für ihre große Güte, die seine Familie illegal mit Lebensmitteln versorgt hätten. Er sei froh und dankbar dafür, dass inzwischen seine Kinder und Enkel vor seinem Elternhaus standen, dass er gute Kontakte ins Dorf habe und dass die Geschichte seine Familie in den Stolpersteinen sichtbar werde. Manfred Steinfeld hat mit einer großherzigen Spende den Bau des Josbacher Jugendclubs ermöglicht, der den Namen seines Bruders trägt.

Die letzte Station gilt Maria Möller, die wegen eines intellektuellen Handicaps von den Nazis gegen ihren Willen sterilisiert wurde. Sie lebte immer in Josbach, arbeitete auf dem Hof Theis und war bis zu ihrem Tod 1996 fester Bestandteil der ­Dorfgemeinschaft.

von Matthias Mayer

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