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Phantome beschädigen junges Leben

Nachwirkungen von Hinki und Brauni Phantome beschädigen junges Leben

Vor dem Gericht lachte die Mittagssonne über dem juristischen Nachwuchs, der mit Sekt, Dosenbier und Luftballons das bestandene Staatsexamen feiert. Im Saal 104 bangt der Angeklagte der dunkelsten Stunde seines Lebens entgegen.

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Dem Angeklagten droht eine achtjährige Freiheitsstrafe. Er kann allerdings noch das Rechtsmittel der Revision einlegen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg/Kirchhain. Den Blick starr geradeaus gerichtet, die Hände krampfartig gefaltet und ein Kaugummi kauend wartet der 53-Jährige auf den Einzug der 3. Großen Strafkammer des Marburger Landgerichts, die als Jugendschutzkammer über ihn Recht sprechen wird.

Die Kammer verurteile den Kirchhainer wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, tateinheitlich mit einer Vergewaltigung in einem Fall und wegen dreier Vergewaltigungen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren, gebildet aus Einzelstrafen von vier Jahren für Fall eins und jeweils drei Jahren für die Fälle zwei bis vier. Damit folgte das Gericht dem Strafantrag von Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier, dem sich auch Rechtsanwalt Sebastian Knebel als Vertreter der Nebenklage vollumfänglich anschloss.

Pflichtverteidiger Ralf Luthe beantragte Freispruch, nachdem sein Mandant bis zum Schluss seine Unschuld beteuert hatte.Während der viertägigen Verhandlungen war unter anderem von 80 bis 90 Vergewaltigungen an einem Kind/einer Jugendlichen aus der Nachbarschaft die Rede gewesen. Kerstin Brinkmeier, deren Analyse und Schlussfolgerungen der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf ausdrücklich würdigte, hatte während der Plädoyers, die wieder die Vernehmung des Opfers unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorsahen, sich auf vier Taten beschränkt und diese auf vier sicher feststehende Tatorte verteilt.

Aus 80 bis 90 Fällenwerden 4 Taten

Dem schloss sich die Kammer an, wie der Vorsitzende Richter während der Urteilsbegründung mitteilte. Es sei unmöglich, die sehr vielen Missbrauchsfälle dem Angeklagten jeweils einzeln mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachzuweisen. Ausführlich ging Dr. Thomas Wolf auf die Glaubwürdigkeit des heute 22 Jahre alten Opfers und das entsprechende Gutachten einer Psychologin ein. Kern seine Feststellung: Es sei völlig absurd zu glauben, dass das Opfer und deren Bruder sich fünf Jahre nach der letzten Tat das von der Kammer verhandelte Tatgeflecht mit den vielen Einzelheiten ausgedacht haben könnten, um dem ehemaligen Freund ihrer Familie eins auszuwischen.

Zu diesem Schluss komme auch das Gutachten. Umgekehrt hat nach Überzeugung der Kammer die Beweisaufnahme die vom Angeklagten vorgebrachten Elemente zu seiner Entlastung widerlegt. Er habe sehr wohl immer wieder die Möglichkeit gehabt, sich an dem ungestört zu vergehen. Seine Aussagen zur Sache hab en sich für die Kammer konsequent an dem orientiert, was das Gericht ohnehin schon gewusst habe. Weit entfernt von einem Geständnis blieben strafmildernd die fehlenden Vorstrafen und die Tatsache, dass die ­Taten mehr als fünf Jahre ­zurückliegen, sagte Dr. Thomas Wolf.

Das Opfer lebt nochimmer in großer Angst

Strafverschärfend ist für die Kammer die Schwere der Verbrechen, die Drohkulisse und die besonders heftigen Nachwirkungen der Taten auf das Opfer, das noch immer Angstzustände habe. Der Vorsitzende meinte damit weniger den Zusammenbruch des Opfers nach dem ersten Behandlungstag und dessen stationären Aufenthalt im Klinikum, als die junge Frau nicht mehr gehen konnte, sondern die ständige Angst vor den beiden Phantomen Hinki und Brauni.

Sie habe keine Angst vor dem schmächtigen Angeklagten, aber sehr wohl davor, dass die beiden Zuhälter ihrem Kind im Auftrag des Angeklagten etwas tun könnten, zitierte der Vorsitzende Richter eine Aussage des Opfers. Auch für juristisch nicht vorgebildete Beobachter zeigte sich an den vier Verhandlungstagen, dass der Angeklagte sehr zielgerichtet vorgegangen ist. Die beiden Mädchen, die in dem Prozess auftraten, sind zurückhaltend, haben ein geringes Selbstwertgefühl und zum Teil Probleme im Elternhaus.

Ideale Opfer für den Verurteilten. Diesen näherte sich der Kirchhainer freundlich und lud sie zu Aktivitäten wie dem Nachtangeln ein, bei dem das Opfer Mitte 2006 im Alter von 12 oder 13 Jahren trotz eindeutiger Abwehrversuche nach Überzeugung des Gerichts erstmals vergewaltigt wurde. Das zwei Jahre ältere Mädchen, das als Zeugin aussagte, hatte 2008 eine anfangs einvernehmliche sexuelle Beziehung mit dem Mann.

Später duldete sie „steif wie ein Brett“ den Geschlechtsverkehr nur noch wegen der Drohungen mit Hinki und Brauni, die beide Mädchen ob ihres jungen Alters zutiefst beeindruckten. Gegenüber dem älteren Mädchen soll er laut der Zeugin gesagt haben: „Ich mach Dir ein Kind. Meine Kinder sind minderwertig, weil nicht arisch.“ Als alle Schwangerschaftstests negativ ausgefallen waren, soll er dem Mädchen beschieden haben: „Du bist zu dumm, ein Kind zu kriegen. Die bis innerlich verfault.“

Da stellt sich die Frage: wie gefährlich ist der Mann heute noch? Wen lockt es als nächstes in die Hinki- und Brauni-Falle? Richter Dr. Thomas Wolf sagte der OP nach der Verhandlung, dass die Kammer den 53-Jährigen noch immer für gefährlich halte. Die Kammer hätte die Sicherungsverwahrung nach Ablauf der Haftstrafe angeordnet, doch sei dies nach einer Neufassung des Paragrafen 66 des Strafgesetzbuchs nicht mehr möglich, da die Taten länger als fünf Jahre zurücklägen.

von Matthias Mayer

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