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Parlament will mahnen und gedenken

Stadtallendorf Parlament will mahnen und gedenken

Stadtallendorf beteiligt sich künftig an jedem zweiten Sonntag im September am von Hessen und Bayern eingeführten Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation.

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Dieses undatierte Foto aus dem Ausstellungskatalog des Dokumentationszentrums zeigt eine junge Vertriebene mit ihrem Kind vor dem Allendorfer Teichlager. Foto: Archiv DIZ

Stadtallendorf. Die CDU-Fraktion hatte ihren im September eingebrachten Antrag eigens verschoben, nachdem der Verdacht im Raum stand, es könne sich um geschickt verpackten Wahlkampf handeln. Am Donnerstag stand das Ansinnen nun regulär wieder auf der Tagesordnung des Stadtparlaments. Zum einen sollten die Stadtverordneten die Einführung des hessenweiten Gedenktages begrüßen, zum anderen die Beteiligung Stadtallendorfs beschließen. Der Magistrat solle ein Konzept in Zusammenarbeit mit dem Landkreis und anderen Institutionen erstellen.

Für beides gab es Mehrheiten im Stadtparlament, wenn auch nicht ohne eine intensive Debatte, die sich schon bei einer ersten Beratung im September angekündigt hatte. Stephan Klenner, CDU-Fraktionsvorsitzender, begründete den Antrag dreifach: mit der Tatsache, dass ab 1945 rund 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene nach Westen kamen, die dort keinesfalls immer mit offenen Armen empfangen wurden, mit der Aufbauleistung, die Flüchtlinge und Vertriebene in Stadtallendorf erbrachten und mit der Tatsache, dass Flucht und Vertreibung in den vergangenen Jahrzehnten weltweit ständig aktuell blieben. In das damalige Allendorf kamen nach Angaben aus dem Aussstellungskatalog des Dokumentations- und Informationszentrum 2895 Vertriebene und Flüchtlinge. Diese Zahl gilt für die Zeit zwischen 1945 und 1954. „Ein solches Gedenken muss nicht langweilig sein, wenn es ein innovatives Konzept gibt“, betonte Klenner in Richtung möglicher Kritiker.

Wolfgang Salzer (SPD) erneuerte seinerseits seine Grundsatzkritik: zum einen komme der Gedenktag Jahrzehnte zu spät, zum anderen sehe seine Fraktion keinen Grund für eine Alibiveranstaltung. „Ich stehe selbst unter dem Eindruck des Verlustes meiner Heimat“, bekannte Salzer und bezeichnete Flucht und Vertreibung in der Zeit von 1944 bis 1948 als eine „der größten ethnischen Säuberungen der Geschichte“. Grüne und FDP signalisierten ihre Unterstützung für einen Stadtallendorfer Gedenktag. FDP-Fraktionsvorsitzender Winand Koch verlangte aber auch einen Akzent bei Flucht und Vertreibung in der Gegenwart. „Es reicht nicht zu gedenken, es muss an die Zukunft gedacht werden“, sagte Koch. Das unterstrich auch Manfred Thierau (Republikaner). Von Michael Feldpausch, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, gab es Kritik am ersten Punkt des Antrags, dem Begrüßen des Beschlusses der Landesregierung durch ein Stadtparlament und der Tatsache, dass es keine Konzeptvorschläge seitens der CDU gebe. Der „schwarze Arbeitspeter“ liege nun allein bei der Stadtverwaltung. Den Teilabschnitt des Antrags, der ein Lob Richtung Landesregierung ausspricht, wurde von den Bündnisgrünen abgelehnt, die Einführung einer städtischen Gedenkveranstaltung billigten die Bündnisgrünen hingegen. Die SPD-Fraktion lehnte den Antrag vollständig ab. Der Gedenktag wird ab nächstem Jahr an jedem zweiten Sonntag im September ausgerichtet.

In einer ersten Reaktion begrüßte Herbert Köller, Vorsitzender des Stadtallendorfer Heimat- und Geschichtsvereins, den Beschluss. Allerdings: „Ich bin wie Wolfgang Salzer der Ansicht, dass ein solcher Tag Jahrzehnte zu spät kommt.“ Dennoch gibt es auch für Köller genügend aktuelle Gründe für besondere Veranstaltungen rund um „Flucht und Vertreibungen“. Täglich lieferten Medien Beispiele dafür. Jener Tag solle in Zukunft deshalb zum Nachdenken über die Gründe für Vertreibung genutzt werden - und für deren Ächtung. Der Heimat- und Geschichtsverein sei gerne bereit, sich an einer Konzeption zu beteiligen. Köller rät auch dazu, die im Dokumentationszentrum vorhandene Bildungskompetenz zu nutzen.

von Michael Rinde

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