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Opfer scheint sich nicht für Urteil zu interessieren

Aus dem Gericht Opfer scheint sich nicht für Urteil zu interessieren

Ein Prügler hat seine Schuld eingesehen und seine Strafe akzeptiert. Sein angeblicher Helfer kommt nach der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht nun doch ungestraft davon.

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Marburg / Stadtallendorf. „Ich sehe meine Schuld ein - aber er kann das nicht, weil er mit der Sache nichts zu tun hat“, erklärte ein 17 Jahre alter Stadtallendorfer während einer Berufungsverhandlung mit Blick auf den 22 Jahre alten Angeklagten. Das Kirchhainer Amtsgericht hatte die beiden jungen Männer vor gut einem Jahr wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt - der 17-Jährige akzeptierte seine Strafe, der 22-Jährige nicht.

Warum auch, fragte der Verteidiger. Nach der ersten Verhandlung habe es ein intensives Gespräch zwischen seinem Mandanten und dessen Vater gegeben. Der Vater habe seinen Sohn gebeten, ihm die Wahrheit zu sagen. Der Filius schwor allerdings darauf, dass es nicht so gewesen sei, wie im Urteil festgehalten wurde.

Fakt ist, dass der 17-Jährige einen anderen jugendlichen Stadtallendorfer im Januar 2013 im Hinterhof des Vereinsheims der Moschee verprügelt hatte. Auslöser war ein Kommentar, den das Opfer bei Facebook hinterlassen hatte. „Er hat über mich geflucht und sich gefreut, dass meine Mutter gestorben ist. Seit dem Tod war noch nicht viel Zeit vergangen, und ich war sehr emotional“, erinnerte sich der geständige Täter. Hilfe habe er bei der Prügelei keine bekommen - dem 22-Jährigen war vorgeworfen worden, er habe das Opfer festgehalten, damit der 17-Jährige ungestört zuschlagen könne.

Er sei zwar mit aus dem Vereinsheim gegangen und habe eine Diskussion zwischen dem 17-Jährigen und dem Facebook-Agressor beobachtet, sich dann aber nur eine Zigarette angekündigt und nicht einmal richtig mitbekommen, dass eine Schlägerei entbrannte, berichtete der 22-Jährige. „Bis er bei den beiden war, war die Sache schon wieder vorbei“, warf sein Verteidiger ein. „Er hat nicht festgehalten. Das stimmt ganz und gar nicht. (...) Ich will nicht, dass er falsch verurteilt wird“, kommentierte der Zeuge. Fast schon humoristisch war seine Antwort auf eine Frage der Schöffin: Diese hatte sich nach der Statur des Opfers erkundigt und ob es denn nötig gewesen wäre, selbiges festzuhalten, um ihm eine Tracht Prügel zu verpassen. „Den kann man auch hauen, ohne ihn festzuhalten“, entgegnete der 17-Jährige.

Ein wenig Licht ins Dunkel hätte vielleicht die Aussage des Zeugen gebracht, der es allerdings - wie schon beim ersten Verhandlungstermin - vorzog, nicht im Marburger Landgericht zu erscheinen. Nicht einmal eine angedrohte Verhaftung sorgte für ein Umdenken. Und auch über das Geld konnte Richter Thomas Wolf nichts erreichen: Ein Ordnungsgeld hatte der Zeuge für sein Fernbleiben bereits kassiert, ein weiteres dürfte folgen.

Ebenfalls nicht vor Ort war der geladene Dolmetscher, der fälschlicherweise zum Gericht in Gießen gefahren war. Er hätte als Übersetzer für einen 36-Jährigen fungieren sollen, der vor dem Amtsgericht nicht als Zeuge in Erscheinung getreten war. Er habe das nicht gewollt, berichtete der 17-Jährige Zeuge.

Allerdings war der 36-Jährige auch keine echte Hilfe: Von der Schlägerei an sich habe er nichts gesehen, berichtete er - kurios: An manchen Stellen fungierte der Anwalt des Täters als Übersetzer für ihn. Er habe lediglich versucht, ein Gespräch zu vermitteln, betonte der 36-Jährige -als er dies getan hatte, sei er wieder weggegangen. „Das sind gute Jungs hier“, lautete sein überraschendes Fazit, da er sich eigentlich als Freund des Opfers bezeichnet hatte.

„Das ist alles ein bisschen blöd. Was fangen wir damit an, wenn der Zeuge zweimal nicht kommt?“, fragte Richter Wolf nach der Befragung. „Dem Geschlagenen scheint das alles wurscht zu sein“, kommentierte sein Schöffe.

Drei Möglichkeiten boten sich an: Die Polizei hätte das Opfer in Stadtallendorf suchen und zur Verhandlung nach Marburg bringen können - eine Option, die Wolf gar nicht erst in Erwägung zog. „Oder man sagt, dass das für einen Freispruch reicht“, sagte Wolf und erntete die Zustimmung des Anwaltes. Letztendlich fiel die Wahl von Strafkammer, Anwalt und Staatsanwalt auf Einstellung des Verfahrens nach Paragraf 153 Strafprozessordnung. „Das ist zwar nicht ganz sauber, aber schnell“ erläuterte der Anwalt seinem Mandanten und ergänzte: „Ein Freispruch sähe natürlich netter aus“, woraufhin der Staatsanwalt hervorhob: „Aber so steht wenigstens auch nichts im Führungszeugnis.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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