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Opfer fiel „wie ein gefällter Baum“

Berufungsverhandlung Opfer fiel „wie ein gefällter Baum“

Sage und schreibe 24 Minuten brauchte Richter Dr. Frank Oehm, Präsident des Landgerichts Marburg, um die Vorstrafen des 30-jährigen Angeklagten zu verlesen.

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Vor der Strafkammer des Landgerichts wurde über eine Berufung entschieden.

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Es war eine lange Liste an Vergehen, die sich der Mann aus Stadtallendorf in den vergangenen 15 Jahren zu Schulden hatte kommen lassen. Dennoch blieb ihm eine Gefängnisstrafe erspart.

Der Angeklagte hatte sich vor der Berufungskammer des Marburger Landgerichts wegen Körperverletzung zu verantworten. Gegen das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichts Marburg hatten sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung hatte das Amtsgericht verhängt.

Prügelei unter Drogeneinfluss

Einigkeit bestand am Donnerstag über folgenden Sachverhalt: Am Abend des 11. Juli 2012 kam es in einer Wohnung in Stadtallendorf zu einer Prügelei zwischen zwei Männern, die beide unter Drogeneinfluss standen. Dabei brachte der 30-jährige Angeklagte seinem Widersacher mehrere Stichwunden mit einem Messer bei. Hinsichtlich der Messerstiche hatte das Amtsgericht Marburg in erster Instanz zugunsten des Angeklagten auf Notwehr entschieden.

Dreh- und Angelpunkt der Berufungsverhandlung waren jedoch nicht die Messerstiche, sondern die angebliche Körperverletzung, zu der es nach den Messerstichen gekommen sein soll. Der als Zeuge geladene Verletzte, verließ die Wohnung und kauerte danach mehrere Minuten auf einer Sitzbank vor dem Haus. „Ich kann mich an gar nichts erinnern. Habe einen Filmriss“, sagte er im Zeugenstand. Laut dem Angeklagten habe sein verletzter Kontrahent nach dem Verlassen des Hauses lautstark die Herausgabe seiner Jacke, die er in der Wohnung vergessen hatte, gefordert. „Ich bin dann runter, um ihm die Jacke zu bringen. Da hat er mich wieder angegriffen. Ich habe mich natürlich verteidigt“, wollte der Delinquent dem Gericht weismachen. Pech für ihn, dass es einen Augenzeugen gab. Der 59-jährige Mann, der in der Nachbarschaft wohnte, hatte keine Jacke in den Händen des Angeklagten gesehen. Der Delinquent sei aus dem Haus gestürmt, um den Verletzten zu vertreiben. Dazu habe der Angeklagte seinem Opfer zwei Faustschläge an den Kopf verpasst. „Der Mann ist sofort zu Boden gegangen - wie ein gefällter Baum“, meinte der 59-Jährige. Nach dem Sturz habe der 30-Jährige dem am Boden liegenden Geschädigten „mindestens zwei Fußtritte“ beigebracht.

Gericht glaubt dem Delinquenten nicht

Die Kammer kaufte dem Delinquenten dessen Darstellung nicht ab. „Warum sollten Sie Ihrem Widersacher seine Jacke bringen, kurz nachdem sie sich einen Kampf mit einem Messer geliefert haben? Sehr abwegig“, kommentierte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm die Einlassung des Angeklagten.

Die Verteidigung plädierte auf Freispruch, die Staatsanwaltschaft hingegen auf 15 Monate Haft. Das Gericht wies die beiden Berufungen jedoch zurück und hielt das Urteil des Amtsgerichts - ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung - aufrecht. „Sie sind zwar bereits mehrfach straffällig geworden, allerdings haben Sie sich seit 2012 nichts mehr zu Schulden kommen lassen“, begründete Dr. Frank Oehm die Entscheidung der Kammer gegen ein härteres Strafmaß.

von Benjamin Kaiser

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