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Ohne Führerschein gefahren: Gefängnis

Gericht Ohne Führerschein gefahren: Gefängnis

Kann man wegen zwei Fahrten ohne Führerschein ins Gefängnis kommen? Das kann passieren - bei einem entsprechenden strafrechtlichen Vorleben.

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Kirchhain. Die Verzweiflung steht dem Angeklagten ins Gesicht geschrieben. Immer wieder faltet er die Hände wie zum Gebet. Der starre Blick des 49-Jährigen geht ins Leere. Dabei muss sich der verheiratete Vater eines Sohnes nur für zwei Fahrten ohne Führerschein vor dem Amtsgericht Kirchhain verantworten - zwei vermeintlich lässliche Sünden.

Am 4. November wird er um 16.35 Uhr auf einem Mokick in der Niederkleiner Straße erwischt. Am 27. Dezember 2015 ist er am Steuer eines BMW im Vogelsberg zu schnell unterwegs und wird geblitzt. Den Leihwagen hatte seine Frau gemietet. Führerschein? Besaß der Umschüler zuletzt mit 18 Jahren - für ein halbes Jahr.

Mit der Beweisaufnahme muss sich das Gericht unter Vorsitz von Strafrichter Joachim Filmer nicht lange aufhalten. Gleich drei Mitarbeiter des Stadtallendorfer Ordnungsamts können die Mokick-Fahrt bezeugen. Und ein Lichtbild dokumentiert die Autofahrt durch den Vogelsberg.

14 Vorstrafen, 10 Jahre hinter Gittern

Der Angeklagte versucht gar nicht erst, die Taten zu leugnen. „Bin mit dem Mokick gefahren. Mhm“, sagt er wortkarg. Auch die Fahrt in den Vogelsberg räumt er ein. Wegen eines medizinischen Notfalls seiner Schwiegertochter sei er die 50 Kilometer gefahren, was ihm das Gericht später - weil fern jeder Lebenswirklichkeit - nicht abnehmen wird.

Die Verlesung des Vorstrafenregisters bringt das eigentliche Problem des Angeklagten ans Tageslicht. Seit 1982 wurde er 14 mal verurteilt - unter anderem wegen schweren Raubs, schweren Diebstählen, Diebstahl mit Waffen und mehrfach wegen Fahrens ohne Führerschein. Volle zehn Jahre saß der Mann im Gefängnis. Zuletzt wurde er 2014 wegen Fahrens ohne Führerschein in drei Fällen vom Amtsgericht Kirchhain zu einer elfmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Die Berufungskammer des Marburger Landgerichts wandelte diese Strafe in eine Bewährungsstrafe um. Die Bewährung läuft noch bis 2018.

Vor dem Gericht steht also ein einschlägig vorbestrafter Bewährungsversager, um den es ausgesprochen schlecht steht. Rechtsanwältin Tanja Bader versucht, ihren Mandanten in ein besseres Licht zu rücken. Auf ihre Stichworte erzählt dieser von einer gut funktionierenden Ehe, von deren Adoptivbruder, für den er die wichtigste Bezugsperson sei, von seiner Annäherung an seinen Sohn, von seinem Opa-Stolz, von seiner schon vor fünf Jahren überwundenen Drogensucht, die Auslöser für seine schweren Straf­taten waren.

Amtsanwältin Tina Grün überzeugt das nicht

Auch von der Mokick-Fahrt erzählt er. Er habe mit dem Mokick wegen zweier erheblicher Defekte eine Probefahrt machen müssen. Schon sein ganzes Leben lang kaufe und repariere er alte Mopeds, um diese weiterzuverkaufen. Er habe geglaubt, dass er Zweiräder mit kleinen Kennzeichen fahren dürfe.

Amtsanwältin Tina Grün überzeugt das nicht. Die Anklagevertreterin hielt dem Angeklagten vor, während dreier laufender Bewährungen einschlägig rückfällig geworden zu sein. Und dies trotz der eindringlichen Warnung der Marburger Berufungskammer, dass die vom Gericht ausgeurteilte Bewährungsstrafe die allerletzte Chance sei. Tina Grün beantragte, den Angeklagten wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in zwei Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von acht Monaten zu verurteilen - ohne Bewährung.

Tanja Bader beantragte eine dreimonatige Freiheitsstrafe und bat diese, wegen der familiären Einbindung und der beruflichen Perspektive ihres Mandanten zur Bewährung auszusetzen.

Joachim Filmer folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Er könne keine günstige Sozialprognose erkennen. Der Angeklagte habe noch nicht einmal die Hälfte der Bewährungszeit durchgestanden. Da der Widerruf einiger laufender Bewährungen droht, kommt der Angeklagte vermutlich nicht mit den acht Monaten davon.

von Matthias Mayer

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