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Nur ruhige Worte weisen den Weg

Stadtallendorf Nur ruhige Worte weisen den Weg

Wahrscheinlich bleibt eine Fahrt durch die Hessen-Kaserne für viele der 60 blinden oder stark sehbehinderten jungen Menschen ein einmaliges Erlebnis in ihrem Leben.

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Die 20-jährige Pia fährt, unterstützt von einem Fahrlehrer, über einen Hof in der Hessen-Kaserne. Foto: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Pia reagiert auf jedes Wort sehr genau. Sie sitzt hinter dem Steuer eines Polos, erst zum zweiten Mal in ihrem Leben steuert sie ein Auto über einen großen Platz in der Hessen-Kaserne. Ihr Begleiter ist Fahrlehrer, seine Sätze dirigieren Pias Umgang mit dem Lenkrad. In 20 Metern soll sie das Lenkrad nach links einschlagen, dann erstmal im Kreis fahren. Diese Gelegenheit nutzt die 20-Jährige, um einmal etwas stärker auf das Gaspedal zu treten.

Ein Gefühl für Geschwindigkeit vermitteln

Pia ist sehr stark sehbehindert. „Ich sehe einen Weg erst wenige Meter vorher“, beschreibt sie das, was sie erlebt nach ihrer zweiten Fahrt durch das Areal. Über den zweiten Gang und 30 Stundenkilometer Geschwindigkeit kommt sie bei ihrer Autofahrt aber ohnehin nicht hinaus, sicher begleitet vom Fahrlehrer, der immer wieder kurz das Lenkrad anfasst, korrigiert, sie aber ansonsten gewähren lässt.

Pia ist eine von rund 60 blinden oder stark sehbehinderten Schülern der Blinden-Studienanstalt (Blista) Marburg, die bei „Blinde Jugendliche geben Gas“ dabei waren. Am Samstag organisierte die Blista in Kooperation mit dem Kreisverband der Verkehrswacht wieder diese Aktion. Diese Jugendlichen hatten die Gelegenheit, begleitet von einem der zehn teilnehmenden Fahrlehrer, ein Auto zu fahren. Ja, das sei einfach toll selbst hinter dem Steuer zu sitzen, erzählt der blinde Daniel Grodzki, der vor wenigen Minuten noch hinter dem Steuer eines Autos gesessen hat. Er hat danach im Beiwagen eines Motorrades Platz genommen, das ein Mitglied des Clubs „Kuhle Wampe“ gleich darauf in Bewegung setzen wird. Zuerst werde er einige Kurven fahren, damit seine „Beifahrer“ ein Gefühl für die Situation bekäme, dann werde er auf dem freien Platz auch mal etwas mehr Gas geben.

Aktion wird seit 1999 angeboten

Alle Blista-Schüler, mit denen die OP an diesem Vormittag spricht, sind vom Erlebnis Fahren bewegt und begeistert. Das ist genau das, was alle Beteiligten erreichten wollten. „Es geht uns darum, den Jugendlichen ein Erlebnis zu verschaffen, dass für Gleichaltrige selbstverständlich ist“, sagt Manfred Duensing von der Blista. Es geht um das Vermitteln von zusätzlichem Selbstvertrauen bei diesen besonderen Fahrübungen. Frusterlebnisse darüber, dass das Fahren wohl einmalig bleibt, gibt es laut Duensing nicht.

Seit 1999 gibt es diese Aktionen in unregelmäßigen Abständen immer wieder. Dieses Mal haben Schüler und Fahrlehrer in der für den öffentlichen Verkehr gesperrten Hessen-Kaserne alle Möglichkeiten für längere Fahrten, bei denen auch ein Abbiegen wie im Straßenverkehr möglich ist. Die Bundeswehr habe die Kaserne für diesen einen Tag „privatisiert“, wie es Klaus Schnitzky, Vorsitzender des Verkehrswacht-Kreisverbands, zusammenfasst. Die Verkehrswacht hat außerdem einen Gurtschlitten und einen Überschlag-Simulator aufgebaut. Bei der Aktion „Blinde Jugendliche geben Gas“ ziehen Blista, Verkehrswacht, Fahrlehrerverband, der Motorradclub „Kuhle Wampe“ an einem Strang.

„Es ist ein besonderes Gefühl, neben Jugendlichen zu sitzen, die Tränen in den Augen haben, weil sie sich über das Erlebnis Autofahren freuen“, beschreibt Schnitzky die Motivation der beteiligten Fahrlehrer.

Redakteur wagt den Selbstversuch

Situationswechsel: Ich habe selbst hinter dem Steuer Platz genommen, allerdings mit einer Augenbinde. Fahrlehrer Rudolf Olmar aus Wetter vermittelt mir bei meiner Fahrt durch die Kaserne einen kleinen Eindruck von einer Autofahrt, ohne sehen zu können. Mich hat die Angst gepackt, denn ich komme mit dieser Situation ganz schlecht klar. Schließlich fahre ich seit mehr als zwei Jahrzehnten sehenden Auges Auto. Schnell verliere ich den Überblick, weiß nicht mehr, ob ich noch geradeaus fahre. Olmar bringt es gleich auf den Punkt: „Muss für Sie ein schlimmes Gefühl sein“. Ist es auch. Doch mir geht es ganz anders als den vielen Jugendlichen, die sich an diesem Morgen hinter das Steuer setzen. Für sie ist es ein Erfolgserlebnis von besonderer Art, für mich eine besondere Erfahrung, die ich nicht noch einmal brauche.

von Michael Rinde

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