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Wetter seit 115 Jahren Familientradition

Ausgezeichnet Wetter seit 115 Jahren Familientradition

Keine andere Familie in Deutschland zeichnet länger das Wetter auf. Rita Berg hat diese Tradi­tion von ihrem Vater übernommen, vor 25 Jahren.

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Täglich kontrolliert Rita Berg den Behälter und misst die Niederschlagsmenge, wie bereits ihr Großvater und Vater.

Quelle: Katja Peters

Neustadt. Zwei Kollegen vom Deutschen Wetterdienst waren angereist, ebenso das Fernsehen und natürlich auch Bürgermeister Thomas Groll. Sie alle wollten gratulieren und anerkennen, was für Rita Berg einfach alltäglich ist.

Zwischen zehn vor acht und viertel nach neun muss sie jeden Tag kontrollieren, wie viel Regen gefallen ist. Im Winter ist es sogar noch eine Stunde früher. Da misst sie zusätzlich mit dem Schneebrett den Alt- und Neuschnee. Alle Werte werden notiert und über eine Software zum Wetteramt nach Offenbach geschickt. „Ich bin zwar nicht immer pünktlich gewesen, aber vergessen habe ich es noch nie“, sagt die 66-Jährige lachend. Wenn sie mal nicht kann, dann springt auch schon mal ihr Mann ein, im Urlaub sogar die Nachbarinnen Annerose Mann und Silvia Krüger. Beide waren bei den Feierlichkeiten gestern im Berg‘schen Garten natürlich vor Ort.

„Dass sich eine ganze Familie derart lange bereiterklärt, eine Wetterstation zu betreuen, ist einmalig in Deutschland“, sagt Elke Diederich vom Deutschen Wetterdienst. 1800 ehrenamtliche Wetterbeobachter gibt es derzeit in Deutschland, davon 137 in Hessen. So werden die vor Ort gemessenen Daten und die Beobachtungen vom nationalen Wetterdienst beispielsweise für die Wettervorhersage oder Gutachten bei Wetterschäden genutzt. Sie helfen aber auch, den Klimawandel in Deutschland genau zu erfassen und dessen Folgen besser einschätzen zu können.

Damals wurden auch noch Bewölkung und morgendlicher Nebel erfasst

1892 begann ein Lehrer namens Müller von der evangelischen Schule mit den Aufzeichnungen in Neustadt. Ende März 1902 übernahm Rita Bergs Großvater Karl Huber die Beobachtertätigkeit. Damals wurde auch noch die Bewölkung gemeldet oder morgendlicher Nebel, oder besser gesagt, die abgesetzten Niederschläge. „Das wird heute alles von Satelliten übernommen“, erklärt Elke Diederich.

Ab September 1949 kontrollierte Karl Huber jun., der Vater von Rita Berg, täglich die Wetterstation. Sogar im Radio wurde darüber berichtet und natürlich auch in der OP. In der Ausgabe vom 6. Dezember 1989 titelte sie: „Karl Huber ist der Neustädter ‚Frosch‘ für das Wetteramt“. Damals wurde er für 40 Jahre ehrenamtlichen Dienst geehrt.

Im Jahr1991 hauchte Rita Berg der Messstation wieder Leben ein, nachdem diese gut anderthalb Jahre geruht hatte. Gleichzeitig zog der Messbehälter auch von der Bahnhofstraße in den Carl-Bantzer-Weg 15 um.

„Damals musste erst einmal geklärt werden, ob die Wetterstation überhaupt umziehen kann“, erinnert sich die Neustädterin. Es wurde überprüft, wie viele Bäume in der Umgebung stehen und ob auch Häuser störend wirken können. Das war alles vor 25 Jahren kein Problem. „Als wir hier einzogen, standen erst zwei oder drei Häuser in unmittelbarer Nähe“, so Rita Berg. Und auch heute stören weder die anderen Häuser noch irgendwelche Bäume. Die Wetterstation steht mitten im Garten, unweit von der Terrasse. „Manchmal laufe ich auch schnell im Nachthemd raus, um das Wasser im Behälter zu messen“, muss die Neustädterin lachen.

Zeugin der höchsten Jahresniederschlagsmenge

Bis Ende 2011 beobachtete sie außerdem für den Deutschen Wetterdienst den Verlauf von Gewittern und Hagelschauern oder auch das winterliche Schneetreiben. Und in ihre „Messzeit“ fallen so einige Spitzenwerte. Beispielsweise kam die größte Niederschlagsmenge am 17. August 2015 runter. 93 Millimeter maß Rita Berg damals. Ebenfalls war sie Zeugin der höchsten Jahresniederschlagsmenge im Jahr 2002 mit 883,6 Millimetern und auch von der niedrigsten Menge im vergangenen Jahr mit 524,6 Millimetern. Mit dem Schneebrett hat sie am 22. Januar 2013 auch die höchste Gesamtschneedecke gemessen - 21 Zentimeter.

Die Aufzeichnungen vom Großvater und Vater hat sie auch noch. Handschriftlich in Tabellenform in einem Ordner. Dokumente mit Seltenheitswert. Gestern gab es vom Deutschen Wetterdienst noch einen Auszug aus dem Wetterbericht der Deutschen Seewarte vom 1. Juli 1892 - an dem Tag, als in Neustadt alles begann. Vor 125 Jahren.

von Katja Peters

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