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Es hätte noch viel schlimmer kommen können

Zugunglück Es hätte noch viel schlimmer kommen können

Eine Gedenktafel erinnert am Ort des Geschehens an das verheerende Zugunglück, das sich vor 20 Jahren bei Neustadt ereignete. Sechs Menschen starben - doch es hätten noch mehr sein können.

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Gerhard Stark studiert die neue Gedenktafel.

Quelle: Lerchbacher

Neustadt. Gerhard Stark kann sich noch genau erinnern, was am 5. Juli vor 20 Jahren bei Neustadt passierte. Er war der Lokführer des Regionalexpress‘, der von einem riesigen Metallrohr getroffen und aufgeschlitzt wurde. Sechs Menschen starben bei dem schwersten Zugunglück, das sich in Hessen jemals ereignete. Zwölf erlitten zum Teil schwere Verletzungen (die OP berichtete gestern ausführlich). Doch es hätte noch viel schlimmer kommen können - hätte der Momberger nicht geistesgegenwärtig gehandelt. „Auf Höhe Neustadt verringerte ich auf der Fahrt Richtung Kassel die Geschwindigkeit. Auf einmal spürte ich, dass die Luft weggeht und irgendetwas nicht stimmt“, berichtet er im Gespräch mit dieser Zeitung und erklärt: In Zügen gibt es ein Druckluftsystem. Kommt es dabei zu einer Unterbrechung, wird automatische eine Notbremsung in die Wege geleitet.

Auch damals kam es zu einer solchen Notbremsung - die Stark unterstützte, indem er zusätzlich manuell bremste. Etwa 10 bis 15 Meter vor einem Metallrohr, das quer über den Schienen lag, sei der Regionalexpress zum Stehen gekommen. Nicht auszudenken, was passierte wäre, wenn der mit rund 300 Menschen besetzte Personenzug das von einem Güterzug stammende Hindernis ungebremst, also mit rund 110 Stundenkilometern, gerammt hätte.

Die Folgen des Unfalls waren aber auch so schon schlimm genug. Bürgermeister Thomas Groll sprach während der Enthüllung einer Gedenktafel am Unglücksort von einem der traurigsten Ereignisse der Stadtgeschichte. Dr. Klaus Vornhusen, der Konzernbeauftragte Hessen der Deutschen Bahn AG, bezeichnete die Geschehnisse als „Horror“. Beide stellten in ihren Worten die Bedeutung von ehrenamtlicher Hilfe in den Vordergrund. Fußballer des VfL Neustadt waren damals als erste am Unfallort und kümmerten sich um die Verletzten. Unterstützung bekamen sie recht bald von den Einsätzkräften der freiwilligen Feuerwehr. Und auch Dr. Hans-Reinhard Ritter dürfe nicht vergessen werden, betonte Groll: Der Neustädter habe damals Notdienst gehabt und sei als erster Arzt vor Ort gewesen - noch vor den Rettungsdiensten.

"Gedenktafel ist Aufforderung für die Zukunft"

Die Gedenktafel soll an das Ereignis an sich und die Opfer erinnern und zudem den Einsatz der Helfer würdigen. „Sie ist gleichzeitig eine Aufforderung für die Zukunft, dass sich immer wieder Menschen für Rettungsdienste finden, die bereit sind, anderen zu helfen“, sagte Groll. „Wir können in Deutschland stolz sein auf das Ehrenamt“, stellte Vornhusen heraus. Er sieht die Tafel aber auch als Mahnung: „Sie soll daran erinnern, dass so etwas nicht sein muss.“ Eigentlich stehe beim Bahnkonzern Sicherheit an oberster Stelle. Die Metallrohre waren aber einst nicht vernünftig befestigt worden. Im großen System der Bahn sei es aber unerlässlich, dass jeder Mitarbeiter darauf achte, dass alle Details stimmen. Ein Gutachter hatte damals im Nachhinein analysiert, dass der Güterzug unrund gelaufen sei und die Fracht auch hätte verlieren können, wenn sie richtig gesichert worden wäre. Aus diesem Grund erhob die Staatsanwaltschaft niemals Anklage.

Gerhard Stark jedenfalls hat die Geschehnisse größtenteils verarbeitet: „Ich kann sagen, dass ich damals alles getan habe, was ich konnte. Ich kann mir nichts vorwerfen.“ Insgesamt war er 30 Jahre lang als Lokführer tätig. Eine Zeit, in der er zahlreiche Unfälle miterlebte. Umso bitterer, dass sich der Schlimmste direkt in seiner Heimat ereignete. „Man muss versuchen, danach wieder in die Spur zu kommen - sonst muss man den Beruf des Lokführers aufgeben“, erklärt er, woraufhin Christian Röher, Mitarbeiter von Dr. Vornhusen, einwirft, dass damals der psychologische Dienst der Bahn noch in den Kinderschuhen gesteckt habe. Einst sei gefragt worden, ob Unterstützung beim Verarbeiten benötigt werde. Inzwischen sei es Standard, Mitarbeiter nach Schockerlebnissen sofort psychologisch zu betreuen.

von Florian Lerchbacher

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