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"Die Kirmes war früher viel familiärer"

Trinitatis-Kirmes "Die Kirmes war früher viel familiärer"

Das Fest hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert - besonders der Samstagnachmittag. Nichtsdestotrotz geht Norbert Kappel noch immer gerne auf die Kirmes.

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Norbert Kappel dirigierte das Jugendblasorchester mehr als 40 Jahre lang. Fotos: Florian Lerchbacher

Quelle: Florian Lerchbacher

Neustadt. Mit sieben Jahren nahm Norbert Kappel das erste Mal am Festumzug der Trinitatis-Kirmes teil: an der kleinen Trommel beim Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Neustadt unter der Leitung von Edel Faber. Ein Jahr später, also 1956, gründete sein Vater Karl Kappel die Knabenkapelle, das heutige Jugendblasorchester. Mit dabei: der junge Norbert, zunächst am Althorn, später an der Trompete. Und rund ein Dutzend Jahre später dann als Dirigent - ein Posten, den er mehr als 40 Jahre lang innehatte.

An rund 50 Festumzügen nahm der heute 69-Jährige teil - und hat wunderbare Erinnerungen: „Die Umzüge waren früher viel mehr bestückt. Alle Vereine beteiligten sich“, betont er und stellt heraus, dass das Vereinsleben früher einen viel höheren Stellenwert hatte und sich entsprechend auch mehr Mitglieder auf den sonntäglichen Weg durch die mit Fahnen und Girlanden geschmückte Stadt machten. Ein besonderes Verhältnis habe seine Kapelle damals zu den „Kauterbachern“ geführt: „Die waren immer mit mindestens 100 Leuten dabei und gestalteten einen eigenen Mottowagen. Das war herrlich.“

Und zwar so herrlich, dass die beiden Gruppen montags quasi einen zweiten Umzug folgen ließen: Die Musiker zogen durch das Viertel der „Kauterbacher“, sammelten feierwillige Bürger ein und machten sich auf den Weg zum Bahnhof in eine Wirtschaft - von der aus es letztendlich gemeinsam zum Festplatz ging. „Das war eine Tradition, die wir nicht missen wollten“, sagt Kappel - doch die Zahl der Mitfeiernden wurde immer geringer, sodass nach 35 bis 40 Jahren die Tradition dann doch einschlief.

Auftritte großer Kapellen waren für Kappel Highlights

Das Gleiche gilt für eine Musikschau, die am Kirmessamstag auf dem Marktplatz stattfand. „Die Kapellen kamen in einem Sternmarsch dorthin. Das war toll“, berichtet Kappel und bedauert: „Heute ist samstags tote Hose. Die Stadt hat sich immer wieder bemüht, doch geklappt hat nichts.“ Weder Seniorennachmittag noch ein Angebot für Kinder beziehungsweise Familien lockte die Menschen auf den Festplatz. Entsprechend gibt es heutzutage erst abends wieder Programm. „Vielleicht sollten die Vereine den Samstagnachmittag gestalten. Das könnte die Neustädter ins Festzelt bringen“, schlägt Kappel vor.

Seine besten Erinnerungen sind natürlich musiktechnischer Art. Am liebsten denkt er an Kirmessen mit bekannten Musikgruppen zurück - deren Mitglieder während ihres Aufenthalts in Neustadt bei Bürgern Unterschlupf fanden: Die Auftritte der Dinkelsbühler Knabenkapelle und der Ellwangener Knabenkapelle haben tiefen Eindruck hinterlassen - aber auch ein holländischer Spielmannszug, der nur aus Frauen bestand: „Das war eine feine Sache. Die Musik war qualitativ hochwertig.“

Heutzutage verpflichtet die Stadt eher Kapellen aus der Region. Und auch der Festplatz habe sich in den vergangenen 60 Jahren stark verändert, so Kappel: Auf dem unteren Festplatz stand einst kein Zelt, wohl aber ein Pavillon mit Tanzfläche. Ringsherum versammelten sich die Gäste unter Unterständen: „Der Unterschied ist riesig. Früher war es viel familiärer.“ Besonders der Frühschoppen am Kirmesmontag sei viel stärker besucht gewesen.

Schon damals prägte der „Rummel“ den oberen Teil des Festplatzes - allerdings in ganz anderer Form. Die Fahrgeschäfte waren weitaus einfacher als die heutigen, hochmodernen Angebote. Es gab beispielsweise einen Kettenkarussell, eine Schiffsschaukel oder Ponyreiten - aber auch Los- oder Schießbuden: „Es war kleiner und überschaubarer und die Menschen hielten mehr zusammen. Vor allem die Vereine integrierten sich mehr“, berichtet Kappel und betont, dass die Bewirtung in Händen der Neustädter Gastwirte lag.

Insgesamt hat sich das Fest verändert - ganz so wie das Jugendblasorchester und dessen Auftritte. Sein Vater habe „nichts von Show“ gehalten und im Festzelt Konzertwalzer oder Ouvertüren spielen lassen. Er selber ließ als Dirigent mehr Kirmesmusik spielen und die Musiker während des Festumzuges im Stile einer Marchingband Figuren laufen lassen - und zur Untermalung wurden noch die Majoretten gegründet, die (früher waren die Mitglieder etwas älter als heute) zur Musik der Kapelle das Tanzbein mit Kirmesbesuchern schwangen.

Seit sechs Jahren nimmt Kappel nicht mehr aktiv am Festumzug teil. Sein Nachfolger Christoph Jarkow setzt indes ebenfalls auf eine andere Stilrichtung: „Er ist ein anderer Typ als ich, hat seine eigene Art, das Orchester zu leiten und ist ein hochqualifizierter Dirigent. Ich würde vielleicht nicht so schwierige Stücke für die Kirmes aussuchen - aber ich akzeptiere, dass er einen eigenen, anderen Wege geht, schließlich habe ich mich in die zweite Reihe zurückgezogen“, betont Kappel und resümiert: „Das war eine andere Zeit. Ob es früher schöner war oder nicht... Keine Ahnung - das muss jeder für sich selbst entscheiden.“

 
Das Kirmes-Programm im Überblick

Donnerstag:
18.30 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst am Wallgraben-Pavillon. 19.30 Uhr: Fassanstich, danach Einführung des Junker-Hans 2017/18, Neubürgertrunk plus Musik von Konrad Will und den „Coronas“.

Freitag:
21 Uhr: Disco mit DJ Nachtrocker.

Samstag:
14 Uhr: Öffnung Festplatz. 19 Uhr: Auftritt der Partyband „Bayernmän“. Ab 20.45 Uhr: Übertragung WM-Qualifikation Deutschland – San Marino. 23 Uhr: Feuerwerk, danach treten die „Bayernmän“ erneut auf.

Sonntag:
10 Uhr: Festhochamt auf dem Rathausplatz. 14 Uhr: Festumzug. 15.45 Uhr: Musikshow mit dem Jugendblasorchester Neustadt, dem Spielmannszug Homberg/Efze und der Musikkapelle Niederklein. 18 Uhr: Auftritt der Band „Partyräuber“.

Montag:
9 Uhr: Gottesdienst in der Friedhofskapelle zum Gedenken an die Verstorbenen. 10 Uhr: Totenehrung durch den VfL Neustadt. 11 Uhr: Frühschoppen mit Musik von den „Rhönrebellen“ und von Helene-Fischer-Double Isabell Plaue. 19 Uhr: Auftritt der ­Partyband „Obacht“.

von Florian Lerchbacher

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