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Bodenpflege aus der Luft

Basenkur für den Wald Bodenpflege aus der Luft

Zurzeit lässt das Forstamt Kirchhain in seinem Gebiet zwischen Neustadt und Cappel eine Fläche so groß wie 740 Fußballfelder kalken. Der Einsatz kostet einschließlich des Materials gut 200.000 Euro.

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Lufteinsatz im Ostkreis und in Marburg: Hubschrauber bringt 2400 Tonnen Kalk aus .

Quelle: Nadine Weigel

Mengsberg. Laut dröhnt der Helikopter über den Baumwipfeln. Ringsum rieselt es leise. In einem Gebiet nahe des Neustädter Ortsteils Mengsberg fällt Kalk durch das Astwerk der Bäume hindurch auf den Waldboden.

Pilot Florian Kirschbaum macht Tempo. Es vergehen jeweils nur wenige Minuten zwischen Aufladen und Ausstreuen. Der Hubschrauber sinkt auf einer Lichtung dem Boden entgegen, ein Mitarbeiter kippt die nächste Ladung Kalk mit der Baggerschaufel in den Trichter, der mit langen Stahlseilen befestigt an dem Helikopter hängt. Und schon schwirrt der Hubschrauber wieder davon. 250 solcher Flüge schafft Florian Kirschbaum pro Tag – wenn das Wetter mitspielt. Am Freitag vergangener Woche ist es tagsüber trocken und weitgehend windstill, ideale Bedingungen für die Kalkung des heimischen Waldes, die noch bis mindestens nächste Woche andauern wird. Vier Reviere kommen an die Reihe: der Stadtwald Neustadt sowie die Staatswälder Wolferode, Bauerbach und Cappel, erläutert der Einsatzleiter der Kalkung, Förster Dorian Nock, der als Betriebsassistent beim Forstamt Kirchhain tätig ist.

Zitat

„Waldkalkung macht Spaß. Man fliegt den ganzen Tag – und niemand muss sich im Helikopter übergeben.“
 Florian Kirschbaum, Pilot

So eine Waldkalkung ist wie eine Basenkur für den Boden. „Durch die Emissionen der letzten Jahrzehnte sind große Mengen an Säuren gespeichert“, sagt Bernd Wegener, kommissarischer Leiter des Forstamts Kirchhain (Foto). Durch das Ausbringen mild wirkender Magnesiumkalke, die in Deutschland abgebaut werden, könne eine weitere Versauerung der Böden abgewendet werden, die  Stoffkreisläufe stabilisierten sich. Wegener: „Der Boden hat im Ökosystem Wald eine Schlüsselrolle und bedarf unseres besonderen Schutzes.“ Deshalb wird die Kalkung auch gefördert, 90 Prozent der Kosten trägt der Staat – auch wenn Privatwald betroffen ist.

Vom Boden aus betrachtet kann man es sich nur schwer vorstellen, wie es dem Piloten gelingt, den Hubschrauber so zu steuern, dass der Kalktrichter nicht fortwährend Bäume streift oder in die Wipfel prasselt. „Das passiert mir nur sehr selten, ­irgendwann hat man das im ­Gefühl, man kann das aus der Luft schon vernünftig abschätzen“, sagt Florian Kirschbaum, der für eine norddeutsche Firma seit acht Jahren Einsätze zur Waldkalkung fliegt. Ansonsten hat er als Pilot auch Montage­einsätze, ist für Film- und ­Fotoflüge verantwortlich. So stammen beispielsweise die Luftaufnahmen für den Fantasyfilm „Avatar“ von dem Unternehmen, für das Kirschbaum fliegt. „Waldkalkung macht von all dem am meisten Spaß“, sagt der Pilot, „man fliegt den ganzen Tag – und niemand muss sich im Helikopter übergeben“.

 
 

Beim Flug über den Wald richtet sich der Pilot nach digitalen Karten – durch GPS weiß er genau, wo gekalkt werden soll und welche Flächen ausgespart werden müssen. So bleiben Gewässer oder Naturschutzgebiete außen vor. Mithilfe des Kalktrichters erreicht der Hubschrauber eine Streubreite von bis zu 35 Metern. An einem zentralen Punkt, den der Pilot gut ansteuern kann, parkt der Tanklaster: Pro Minute schluckt der Helikopter drei Liter Kerosin.

In seinem Zuständigkeitsgebiet lässt das Forstamt Kirchhain alle ein bis zwei Jahre kalken, erläutert Wegener. Dabei wird zwischen den Flächen gewechselt, „jedes Mal kommen andere Gebiete an die Reihe“.  Hessenweit lassen die Forstämter alljährlich zwischen 10.000 und 15.000 Hektar Wald kalken – 800 Hektar sind es diesmal im Ostkreis und Marburger Land.

Für Spaziergänger, Freizeitsportler und Erholungssuchende bringt die Waldkalkung kurzfristige Einschränkungen: Sie sollten Sperrhinweise des Forstamts unbedingt beachten und andere Wege nehmen. „Der Kalk an sich ist zwar völlig ungefährlich“, sagt Bernd Wegener, „aber das Material enthält mitunter dicke Klumpen und Steine, es ist lebensgefährlich, wenn man davon getroffen wird.“ Auf die Sperrungen in den Wäldern der Reviere Cappel und Bauerbach weist ­das Forstamt hin, sobald feststeht, wann dort der Kalk-Hubschrauber fliegt. Die OP informiert ihre Leser darüber.

von Carina Becker-Werner

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