Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Neuer Verdacht: Versuchte Vergewaltigung

Krankhafte Eifersucht Neuer Verdacht: Versuchte Vergewaltigung

Lügt der Angeklagte das Blaue vom Himmel herunter oder leiden drei Polizeibeamte im Zeugenstand unter massiven Wahrnehmungsstörungen? Das Gericht entschied sich eindeutig für die erste Variante.

Voriger Artikel
Für Maik Grube "passt es einfach"
Nächster Artikel
Kinder bekommen Einblick in die Natur

Das Verfahren gegen einen eifersüchtigen Arbeitslosen wird möglicherweise vor dem Landgericht fortgesetzt

Quelle: dpa

Kirchhain. Das unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug tagende Kirchhainer Amtsgericht verurteilte einen 57-jährigen Angeklagten wegen einer fahrlässigen Trunkenheitsfahrt und wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Führerschein zu einer Gesamt-Geldstrafe in Höhe von 65 Tagessätzen à 15 Euro. Zudem verhängte das Gericht eine einjährige Sperrfrist, vor deren Ablauf der Führerschein dem Angeklagten nicht wieder erteilt werden kann. Staatsanwalt Sebastian Brieden hatte eine Gesamt-Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 15 Euro und eine 18-monatige Führerscheinsperre beantragt, Pflichtverteidiger Sascha Marks um ein mildes Urteil gebeten.

Nach Überzeugung des Gerichts war der Hartz-IV-Empfänger am 4. November 2015 um 17.45 Uhr am Steuer seines Autos in Kirchhain mit einem Promillewert von 1,18 unterwegs gewesen und fuhr dabei einer Polizeistreife direkt in die Arme. Ebenso sah es das Gericht als erwiesen an, dass der Mann am 13. Februar 2016 um 13.35 Uhr ohne Führerschein am Steuer seines Autos durch Kirchhain gefahren war.

Der Angeklagte hatte beide Anklage-Vorwürfe von Staatsanwalt Sebastian Brieden vehement bestritten. Die besagte Alkoholfahrt sei auf einer Privatstraße erfolgt, nicht im öffentlichen Verkehrsraum. Und am 13. Februar um 13.35 Uhr habe er sich in einem anderen Teil des Landkreises aufgehalten.

Polizeibeamte widerlegen Aussagen des Angeklagten

Eine Polizeibeamtin und ein Polizeibeamter, die am 4. November in einer Gewaltschutz-Sache zum Wohnhaus der Lebensgefährtin des Angeklagten gerufen worden waren, berichteten dem Gericht, direkt vor ihnen von einer Hauptstraße auf das Grundstück rechts abgebogen sei. Die Streife und der Mann seien praktisch zeitgleich zum Halten gekommen.

Der in der Nachbarschaft des Angeklagten lebende Polizeibeamte bestätigte dem Gericht das Fahren ohne Führerschein. Er habe den Angeklagten aus drei Metern Entfernung gesehen. Dieser sei mit starren Blick und sehr langsam an ihm vorbeigefahren. „Es wird durchgefahren“, schilderte der Beamte auf Nachfrage des Gerichts. Inzwischen habe die Polizei drei Motorroller des Angeklagten sichergestellt, einige Fälle lägen der Staatsanwaltschaft vor. Nicht so das bereits angeklagte, aber noch nicht verhandelte Fahren ohne Führerschein am 13. März 2016 in Kirchhain. „Das war eine ganz harte Nummer“, sagte der Beamte. Als der Angeklagte ihn bemerkt habe, habe dieser den Rückwärtsgang eingelegt und sei mit Vollgas rückwärts in eine völlig unübersichtliche Kurve gerauscht.

Ausgangspunkt des komplexen Verfahrens ist die vom Angeklagten eingestandene krankhafte Eifersucht. So waren ein Einbruchsdiebstahl in die Wohnung seiner damaligen Lebensgefährtin sowie Körperverletzungen, begangen an der Frau.

Den angeklagten Einbruchdiebstahl stellte das Gericht nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung ein. Der Angeklagte war zwar von einer Wildkamera mehrfach in der Wohnung der Frau fotografiert worden, doch fehlten dem Gericht zwei Voraussetzungen für den Tatbestand Einbruchdiebstahl. Die Wohnung der Frau war durch eine Türöffnung ohne Tür und ohne Zarge für einen bestimmten Personenkreis zugänglich. Gesichert war dieser Zugang lediglich durch eine halbhohe Kommode. Außerdem fehlte dem Gericht der Aneignungswille. Die gestohlenen Gegenstände tauchten nach einigen Tagen vor der Wohnungstür wieder auf.

Das Opfer sagte im Zeugenstand, dass der Mann trotz eines gerichtlich verhängten Annäherungsverbots immer wieder in ihre Wohnung eingedrungen sei, um sie zu kontrollieren.

Opfer: „Jetzt sitztdu in der Falle“

Nach einer anfangs harmonischen und auf eine gemeinsame Zukunft ausgerichteten Beziehung habe sie der Mann ab dem Sommer 2015 drangsaliert und bedrängt. Es habe immer wieder Streit gegeben. Wenn sie nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause gekommen sei, habe er erwartet, von ihr bespaßt zu werden. Die erbetene eine Stunde Zeit, erst mal zur Ruhe zu kommen, sei ihr nicht gewährt worden. Am Abend des 11. August 2015 sei ein Streit eskaliert. Auslöser sei gewesen, dass sie für ihren Partner das Abendessen aufgewärmt habe, statt frisch zu kochen, sagte die Zeugin.

Was dann geschah: Der Streit zog sich fast über die ganze Nacht hin, wobei der Angeklagte seiner Partnerin durch die ganze Wohnung folgte. Nach Aussagen der Zeugin war der alkoholisierte Mann für Argumente nicht zugänglich, verabreichte dafür seiner Partnerin zwei Ohrfeigen, einen Handkantenschlag gegen den Oberschenkel und Schläge gegen den Kopf, die das Opfer aber abwehrte. Gegen 4 Uhr flüchtete die Frau in ein Zimmer, schloss sich ein, um über Facebook Hilfe zu holen. Das scheiterte, weil der Mann das Kabel aus der Wand riss. „Jetzt sitzt du in der Falle“, habe sie gedacht.

Eine Wende nahm das Verfahren, als die Zeugin von den fortgesetzten sexuellen Annäherungsversuchen des Mannes in dieser Nacht berichtete. Gegen ihren erklärten Willen habe der Mann nicht von ihr abgelassen. Mit den Schlägen habe er versucht, sie gefügig zu machen.

Der Tatvorwurf der Körperverletzung gehe nun in Richtung versuchte Vergewaltigung. Für diesen sei das Landgericht zuständig, erklärte Edgar Krug. Das Verfahren wurde abgetrennt und wird möglicherweise zusammen mit den weiteren Verkehrsdelikten in Marburg verhandelt werden.

Mit Blick auf das dort zu erwartende Strafmaß riet Sebastian Brieden dem Angeklagten dringend, die Hände von Motorrollern zu lassen und um seine ehemalige Partnerin einen großen Bogen zu machen. Das hinderte den Mann nicht, die Frau nach der Verhandlung bis zu deren Auto zu verfolgen, sich breitbeinig neben die Fahrertür zu stellen und die Zeugin anzustarren.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr