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Neue Glocken schweben per Hubsteiger ein

Gemeinde feiert Neue Glocken schweben per Hubsteiger ein

Sie waren eigentlich nur als eine Übergangslösung gedacht. Dann hingen die Metallglocken doch Jahrzehnte in der Ernsthausener Dorfkirche. Das hat sich am Mittwoch geändert.

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Glocke, Ernsthausen. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Ernsthausen. Es war vor allem der Klang der alten Glocken, der manchen Dorfbewohner störte. „Für manchen hörte es sich eher an wie ein Scheppern“, sagt Pfarrerin Kathrin Wittich-Jung. Das Scheppern werden die Ernsthäuser nicht mehr hören. Am vergangenen Sonntag erklangen die alten Glocken ein letztes Mal.

Per Hubsteiger schwebten gestern Morgen die Mitarbeiter der Glockengießerei Rincker aus Sinn an den Turm der im Jahr 1720 gebauten Kirche heran. Im Turm warteten die beiden alten Metallglocken aus dem Jahr 1920 auf ihre wohl vorletzte Reise. Ihren neuen Stammplatz bekommen sie neben dem Kircheneingang. Vorher müssen sie aber noch mit einer Art Wetterschutzschicht versehen werden. Dass beide Glocken fast 100 Jahre alt sind, ist ihnen deutlich anzusehen. Wind und Wetter haben tiefe Spuren hinterlassen. Rötlich-brauner Rost liegt auf der Metalloberfläche. Mit einer Traktorgabel hieven Ernsthäuser und die Mitarbeiter von Rincker die alten Glocken aus dem Korb des Hub-Fahrzeugs. Sanft landen sie neben ihren beiden Nachfolgern. Sie gelangen auf demselben Weg nach oben, wie die beiden alten heruntergekommen sind.

All das verfolgen zeitweise 30 Ernsthäuser, darunter auch einige Kinder der Vorschule. Mittendrin steht Pfarrerin Wittich-Jung. „Wir sind heute alle ein wenig aufgeregt“, bekennt sie. Ein Gemeindemitglied sprach spontan von einem „Jahrhunderttag“ für Ernsthausen. In der Tat dürfte dieses Ereignis in der Chronik der Kirchengemeinde Rauschenberg-Ernsthausen einen ganz besonderen Eintrag finden. Sehr lange haben die Gemeindemitglieder in Ernsthausen auf dieses Ereignis hingearbeitet. Bereits Ende der 1990er-Jahre begann die Spendensammlung für Guss und Montage der neuen Glocken. „Ich habe irgendwann nicht mehr daran geglaubt, dass es noch was wird“, bekennt Anni Hahn. Sie war 17 Jahre lang im Gemeindevorstand, erlebte die Zeit des Sammelns und geduldigen Wartens also weitgehend mit. Sie ist seit der Ankunft der Glocken am Mittwochmorgen auf dem Dorfplatz, schaut zu, was geschieht.

Dass die beiden neuen Glocken seit gestern im Turm der Dorfkirche hängen können, ist einer Initiative zu Beginn dieses Jahres zu verdanken. Rund 11000 Euro waren angespart, das reichte noch längst nicht. Der Gemeindevorstand beschloss, noch einmal Spendenaufrufe im Dorf zu verteilen. Das war der Durchbruch. In wenigen Monaten kam das nötige Geld zusammen. Rund 15000 Euro kosten die neuen Glocken, weitere etwa 5000 Euro alle Arbeiten für ihre Montage. Es habe viele Spenden aus dem Ort gegeben, berichten Gemeindemitglieder. Eine ganz besondere gab es von der Jagdgenossenschaft Ernsthausen, die allein schon 2000 Euro gab.

Gegossen wurden die neuen Glocken am 22. September. 35 Ernsthäuser wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Sie fuhren mit einem Bus nach Sinn. Pfarrerin Wittich-Jung hatte auch die Konfirmanden mit eingeladen. „Als der eigentliche Guss passierte, war es mucksmäuschenstill“, erinnert sich die Pfarrerin von Ernsthausen an diesen besonderen Moment. „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Friede auf Erden“ ist auf den Glocken zu lesen. Ernsthausens neue Glocken bringen eines auf die Waage: Sie wiegen 155 und 97 Kilogramm. Beide bestehen aus Bronze mit einem Kupferanteil von 87 Prozent.

Die beiden Metallglocken ­kamen seinerzeit wegen zweier Weltkriege nach Ernsthausen. Im Jahr 1917 schmolz die Gemeinde die erste der beiden ein, um daraus Munition für des Kaisers Armee herzustellen. „Eigentlich sollte sie schnell ersetzt werden, doch es kam anders“, sagt Pfarrerin Wittich-Jung. Im Zweiten Weltkrieg wurde letztlich auch die zweite historische Bronzeglocke eingeschmolzen, ihr Material ebenfalls für Waffen oder Munition verwendet.

Was bedeuten Glocken für eine Kirchengemeinde? „Sie sind Heimat“, antwortet die Ernsthausener Seelsorgerin. Glocken rufen zum Gottesdienst, bei Hochzeiten, aber auch Beerdigungen, erklingen beim Vaterunser. In Ernsthausen haben sie einstmals auch bei Bränden und Gefahren gewarnt. Das ist aber seit Jahrzehnten nicht mehr nötig. Am Mittag stießen die Beobachter des Glockeneinbaues miteinander auf den Erfolg an. Das Probeläuten war für den frühen Abend geplant. „Wir sind alle zufrieden“, freute sich Pfarrerin Wittich-Jung im Gespräch mit der OP über den Verlauf der Montage und das Ergebnis.

DAS EINWEIHUNGSFEST:

Die neuen Glocken werden am 31. Oktober, dem Reformationstag, erstmals zum Gottesdienst rufen. Um 11 Uhr beginnt der Festgottesdienst, bei gutem Wetter zunächst auf dem Dorfplatz. Nach dem Gottesdienst gibt es ein gemeinsames Essen. Am Gottesdienst beteiligen sich auch der Posaunenchor und der Gemischte Chor.

von Michael Rinde

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