Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Nahwärmenetz erobert Erksdorf

125 Haushalte sind auf dem Weg zum Bioenergiedorf dabei Nahwärmenetz erobert Erksdorf

Das größte Gemeinschaftsprojekt in der Geschichte Erksdorfs verwandelt den Ort in eine Großbaustelle. Mit einem Kostenaufwand von 3,3 Millionen Euro entsteht dort ein sieben Kilometer langes Nahwärmenetz.

Voriger Artikel
Zwei Familien leben einen Vertrag
Nächster Artikel
Gewerkschaftler zeigen Flagge

Richtig eng geht es auf der Großbaustelle im Zentrum Erksdorfs zu. Von den Bauleuten wird Zentimeterarbeit gefordert, wie hier an der Kreuzung Hallegasse/Torstraße.

Quelle: Matthias Mayer

Erksdorf. Der Stadtallendorfer Stadtteil ist derzeit nur auf Um- oder Schleichwegen zu erreichen. Der Grund: Das Nahwärmenetz wird derzeit in der Torstraße verlegt, die die wichtigste Verkehrsachse des Dorfes ist.

Auf den ersten Blick wirkt die Großbaustelle chaotisch. Absperrungen wohin das Auge schaut, selbst auf schon wieder verfüllten Straßen tun sich noch Löcher auf, die den Blick auf Verzweigungen des Nahwärmenetzes oder auf Absperrer freigeben. Letztere ermöglichen es, das Netz abschnittsweise mit durch die Abwärme der Erksdorfer Biogasanlage erhitzten Heizwasser zu Fluten oder für Reparaturen oder nachträgliche Anschlüsse von Häuser abzuriegeln. Manche Grundstücke sind nur über Stahlplatten zu erreichen. Hinzu kommt der Baulärm. Das Kreischen der Schneidwerkzeuge und das Hämmern der Rüttelplatte konkurrieren mit dem sonoren Brummen der allgegenwärtigen Bagger und Lastwagen.

Auf den zweiten Blick lässt sich in dem Gewusel eine Struktur erkennen. Während der zur Kirche hin gelegene Teil der Torstraße schon wieder geschlossen wird, arbeiten sich die Bauleute auf der anderen Seite dem Ortsausgang Richtung Stadtallendorf entgegen. Und das geschieht an mehreren Stellen gleichzeitig. Im Graben erledigen Fachleute eine diffizile Arbeit. Sie verbinden die erstaunlich schmale Hauptleitung mit den Zuleitungen zu den Häusern. Gleichzeitig graben sich weiter Richtung Ortsausgang Bagger in das Erdreich - einige Gräben für die Hausanschlüsse sind noch auszuheben.

Drei Nachzügler ans Netz

Ein Ende der Arbeiten entlang der Hauptstraße ist in Sicht. In der nächste Woche solle die Torstraße komplett geschlossen und für den Verkehr wieder freigegeben werden, sagt Sabine Brathge, Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft Nahwärmenetz Erksdorf, im Gespräch mit dieser Zeitung. Dann wird auch die großräumige Umleitung nach Erksdorf, die derzeit über Emsdorf und Hatzbach führt, Geschichte. Dafür beginnen dann die Arbeiten an der Langensteiner Straße, über die derzeit noch ein Teil von Erksdorf erreichbar ist. Ob die Straße ganz oder halbseitig gesperrt wird, hängt von den Erfordernissen der Baustelle ab.

Die abschnittsweise Verwirklichung des Projekts habe bislang eine Blockade des Dorfs verhindert, erzählt Sabine Brathge. Gleichwohl sei die Belastung für die Bürger groß. Sie könne verstehen, dass sich besonders bei den Erksdorfern, die sich nicht an das Nahwärmenetz anschließen lassen, sich die Begeisterung für die Baustelle in Grenzen halte. „Dennoch stehen die Leute nicht vor ihren Höfen, um laut zu schimpfen“, stellt sie fest. Dies sei auch ein Verdienst der Mitarbeiter der Firma Herzog, die bereitwillig auf Wünsche der Anwohner eingingen, sagt die Vorstandsvorsitzende.

Trotz der Einschränkungen, die die Baustelle bringt, ist die Begeisterung für die Nahwärme im Ort ungebrochen. Während der Bauphase haben sich drei weitere Erksdorfer gefunden, die ihr Haus künftig mit CO2-neutral erzeugter Biowärme beheizen wollen. Damit steigt die Zahl der Nutzer auf 125 - und Gespräche mit einem vierten potenziellen Nachzügler laufen.

Arbeiten im Kostenplan

Der Run auf die Nahwärme ist sicher auch dem günstigen Preis geschuldet. Die Genossenschaft kalkuliert, so die Vorstandsvorsitzende, mit einem Preis von nur 9,5 Cent pro Kilowattstunde Heizenergie. Der wiederum erklärt sich - so Sabine Brathge - aus dem für ein sieben Kilometer langen Nahwärmenetz inklusive aller Aggregate sehr niedrigen Investitionsvolumen von 3,3 Millionen Euro. „Wir bleiben Gott sei Dank in unserem Kostenplan“, stellt sie zufrieden fest.

Die Genossenschaft hatte schon im vergangenen Jahr einen fulminanten Start hingelegt, als sie gut zwei Monate nach dem Baustart zum 22. Dezember schon 24 Häuser an den ersten Bauabschnitt des Netzes angeschlossen hatte. Obwohl die Hauseigentümer erst nach und nach ihr Heizsystem auf Nahwärme umstellten, hat die Genossenschaft an diese wenigen Nutzer bereits 350 Megawattstunden Nahwärme verkauft. „Das entspricht dem Heizwert von 35000 Litern Heizöl und zehn Prozent unseres kalkulierten Gesamtbedarfs“, stellt Sabine Brathge zufrieden fest, wohlwissend, dass dieser Verkaufserfolg auch dem langen und kalten Winter geschuldet ist.

Kehrseite der Medaille: Die Arbeiten zum zweiten Bauabschnitt konnten witterungsbedingt nicht zum 1., sondern erst zum 20. März beginnen. „Diese drei Wochen Verzögerung werden wir nicht mehr aufholen können“, verabschiedet sich Sabine Brathge von dem ursprünglichen Ziel, die Arbeiten bis zum Juli abzuschließen.

Auch wenn der Weg zum Bioenergiedorf Erksdorf drei Wochen länger dauert, gibt es in der kommenden Woche bereits Nahwärme in der Torstraße. Dann wird die Zuleitung geflutet.

Die wichtigsten Fakten zum Erksdorfer Nahwärmenetz:
  • Gesamtlänge: 7 Kilometer. Baukosten: 3,3 Millionen Euro.
Angeschlossene Häuser: 125. Wärmepreis: 9,5 Cent pro Kilowattstunde.
  • Erwarteter Wärmebedarf: 3  500 Megawattstunden pro Jahr. Das entspricht dem Heizwert von 350 000 Litern Heizöl.
  • Wärmequellen: Die Erksdorfer Biogasanlage der Familien Trier und Hewecker erzeugt 70 Prozent des erwarteten Wärmebedarfs, ein Holzhackschnitzel-Heizwerk steuert 30 Prozent bei.
  • Backup: Zwei je 60 Kubikmeter heißes Wasser fassende Wärmepufferspeicher, ein mit Öl betriebener Spitzenlast-Heizkessel.
  • Betreiber: Genossenschaft Nahwärme Erksdorf; Vorsitzende: Sabine Brathge; 2. Vorsitzende: Hans-Jürgen Ackermann, Eckart Becker.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr