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Nach der Einstellung des Verfahrens wird‘s kurios

Gericht Nach der Einstellung des Verfahrens wird‘s kurios

Auch Teil zwei des Prozesses gegen einen Asylbewerber, der seinen Mitbewohner in der Neustädter Erstaufnahme bedroht haben soll, hatte großen Unterhaltungswert.

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Neustadt. Als sich unmittelbar vor Beginn des zweiten Prozesstages die Tür zum Gerichtssaal öffnete, atmete Richter Joachim Filmer auf: Das mutmaßliche Opfer war da - im Gegensatz zum Verhandlungsauftakt im Januar. Damals hatte es der 20-jährige Flüchtling wegen des Busfahrerstreiks in Marburg nicht bis zum Kirchhainer Amtsgericht geschafft (die OP berichtete).

Im zweiten Versuch aber ging alles glatt. Der junge Mann mit trendigem Haarschnitt warf beim Eintreten in den Saal einen freundlich-entspannten Blick zum Richter, stellte seinen Rucksack hinter der Anklagebank ab, auf der der Beschuldigte bereits Platz genommen hatte, und schritt zu seinem Stuhl - ohne dabei die Augen vom Handy-Display zu nehmen. Kurzum: Es machte nicht den Eindruck, als löse die Gegenwart des Angeklagten auch nur die geringste Form von Unbehagen bei ihm aus.

Der 29-Jährige afghanische Asylbewerber soll das vermeintliche Opfer im Januar des vergangenen Jahres im Waschraum der Neustädter Erstaufnahmeeinrichtung mit einem Küchenmesser bedroht haben, lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Er habe dabei Stiche gegen Kopf und Hals seines Landsmanns angedeutet und gesagt, es sei ihm egal, falls er dafür ins Gefängnis gehe, hieß es weiter in der Anklage. Bereits beim Prozessauftakt hatte der Angeklagte beteuert, er und der 20-jährige Mann verstünden sich gut. Das Ganze, also die Verhandlung, könne beendet werden.

„Da gibt es nichts mehr“

Das bestätigte das mutmaßliche Opfer beim zweiten Prozesstag. „Es ist vergangen und vorbei. Da gibt es nichts mehr“, ließ er über den Dolmetscher mitteilen. Erst auf Nachfrage schilderte der ebenfalls aus Afghanistan stammende Mann Details vom Vorfall. Er wisse zwar nicht mehr, warum es zur Auseinandersetzung kam, aber der Angeklagte sei an jenem Tag im Januar auf ihn zugekommen und habe sich in seinen Weg gestellt. „Er hat ein Messer in der Hand gehabt und gesagt, er will mich damit stechen.“ Schon nach wenigen Minuten seien allerdings ein Mitarbeiter der Security und darauf die Polizei hinzugestoßen, sodass die Situation nicht weiter eskalierte.

Dass zwei geladene Augenzeugen wie schon zum Prozessauftakt nicht erschienen, war für die Aufklärung des Falls zwar bedauerlich - aber auch zu befürchten gewesen.

Der Angeklagte selbst bestritt die Vorwürfe der Staatsanwalt zum wiederholten Mal. Er räumte ein, dass es einen Streit gegeben habe, „aber er hat angefangen und es gab keine Handgreiflichkeit. Ich habe ihn auch nicht bedroht.“ Der 29-Jährige erklärte, viele im Haus hätten den Konflikt mit ihm gesucht, weil er Christ geworden sei. Er selbst sah sich in der Opferrolle. Aussage gegen Aussage.

Richter Joachim Filmer stellte das Verfahren schließlich mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft ein - nicht zuletzt deshalb, weil beide glaubhaft vermittelten, dass die Angelegenheit für sie erledigt sei. Als Filmer die Entscheidung gerade zu Protokoll gegeben hatte, stellte der 20-jährige Mann die rätselhafte Frage in Richtung Filmer, ob er für fünf Minuten mit ihm unter vier Augen sprechen könne. Es gehe um besagten Vorfall. Filmer entgegnete, das Verfahren sei nun eingestellt. „Okay“, sagte der Mann gleichgültig - und verließ gemeinsam mit dem Angeklagten das Gericht.

von Yanik Schick

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