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Muslime fürchten Schaden für den Islam

Stadtallendorf Muslime fürchten Schaden für den Islam

Das Freitagsgebet ist für Muslime generell von herausragender Bedeutung. In seiner Predigt an diesem Freitag fand Imam Sanal von der Stadtallendorfer Fatih-Moschee klare Worte zum Attentat in Paris.

Rund 400 Muslime besuchten das Freitagsgebet in der Fatih-Moschee in Stadtallendorf.

Quelle: Fotos: Michael Rinde

Stadtallendorf. „Schön, dass Sie da sind. Wir müssen jetzt alle zusammenstehen“, begrüßt ein Muslim die OP unmittelbar nach dem Gebet. In den Tagen davor hatte noch niemand einen Dialog mit den offiziellen Vertretern der muslimischen Gemeinde der Fatih-Moschee gesucht. Das bedauert Kerim Otkan, Vorsitzender der Gemeinde sehr. Denn jetzt seien Gespräche miteinander besonders wichtig. Und dafür sei seine Gemeinde immer offen, egal ob angemeldet oder spontan.

Mit Empörung und Entsetzen, so schilderten es einzelne Muslime, habe man von den Anschlägen am Mittwoch erfahren. Von den neuerlichen schrecklichen Ereignissen in Frankreich wusste zu diesem Zeitpunkt am Freitagmittag allerdings noch keiner von ihnen.

Imam Mahmut Sanal lebt seit 17 Monaten in Stadtallendorf. Er ist der Vorbeter oder Religionsbeauftragter der Gemeinde. Unabhängig vom Aufruf des Zentralverbandes der Muslime in Deutschland hatte er sich dazu entschieden, in seiner Predigt klar Position zu beziehen. Imam Sanal wertet die Bluttaten in Paris als einen Angriff auf die Menschheit. Sanals Predigt ist wie gewohnt in türkischer wie auch deutscher Sprache zu hören.

Imam gibt eine Erklärung ab

Und die Gemeinde veröffentlichte selbst eine Erklärung, in der sie sich gegen die Attentäter von Paris wendet. Für Gespräche und Einschätzungen mit dieser Zeitung wie auch Besuchern war und ist diese muslimische Gemeinde in der Vergangenheit immer offen gewesen. Eine solche Erklärung ist für sie aber ein ungewöhnlicher Schritt, wie auch Imam Sanal sagt. Für die Vergangenheit könne er nicht reden. Aber er habe sich schon vorgenommen, bei besonderen Anlässen in Abstimmung mit seiner Gemeinde auch bei Bedarf eine Erklärung abzugeben.

Imam Mahmut Sanal wählte das Freitagsgebet um zu den aktuellen Geschehnissen Stellung zu beziehen. Foto: Michael Rinde

Quelle:

Die Erklärung zum Attentat von Paris wird auch auf der Internetseite der Gemeinde stehen. Das Statement des Imams findet bewusst beim Freitagsgebet, dem zentralen Gebet in der Woche statt. „Für uns Muslime ist dieses Freitagsgebet ein wöchentliches Fest, bei dem wir zusammenkommen und wichtige Themen besprechen“, erläutert Imam Sanal. Rund 400 Muslime kamen am Freitag in die Moschee im Wupperweg. Die Resonanz bei den Freitagsgebeten schwanke, je nachdem, wie die Gläubigen arbeiteten, erklärt Otkan. Rund 300 Stadtallendorfer Muslime sind eingetragene Mitglieder der Gemeinde, mehr als 2000 fühlen sich nach Angaben des Vorstandes ihr zugehörig.

Kerim Otkan: "Islam ist eine Religion des Friedens"

In den Gesprächen mit den Vertretern der Gemeinde wie auch mit einzelnen Gemeindemitgliedern wird ihre Sorge darüber deutlich, dass ihre Religion, der Islam, nun wieder einmal pauschal großen Schaden nehmen wird. „Terrorist ist Terrorist, egal, ob Christ oder Muslim“, macht Kerim Otkan klar. Natürlich werde innerhalb der Gemeinde darüber gesprochen, sehr viel sogar, macht Mohammet Bektas deutlich. Es verletze Muslime zusätzlich, dass ihrer Religion von einigen Menschen pauschal vorgeworfen werde, Terror zu unterstützen.

„Der Islam an sich ist eine Religion des Friedens. Was in Paris passiert ist, wirft wieder ein schlechtes Licht auf uns alle“, hebt Kerim Otkan hervor.

Steigt die Angst vor Aggressionen gegen Muslime in Deutschland? Nicht direkt. Wenn es zu Aggressionen käme, dann von Menschen, die sich mit dem Islam an sich nicht beschäftigt hätten, meint Imam Sanal. Das Gespräch kommt auf die deutsche Pegida-Bewegung, aber sofort auch auf die „Antigida“-Demonstration in Marburg am vergangenen Montag. „Wir leben in einer Demokratie. Da gibt es das Recht auf Meinungsfreiheit, so lange die gesetzlichen Grenzen nicht verletzt werden“, sagt der Imam über "Pegida". Mohammet Bektas pflichtet ihm bei. Es gebe genügend Menschen, die klar machten, dass sie eine andere Position hätten als Pegida, erklärt Bektas und verweist auf die Marburger „Antigida“-Demonstration. Rund 3500 Menschen aus Marburg und Umgebung hatten daran teilgenommen, auch Mitglieder der muslimischen Gemeinden aus Stadtallendorf waren darunter.

Gemeinde fühlt sich gut integriert

Im Jahr 2008 gab es einen Brandanschlag auf die Moschee. Fürchten die Muslime, dass die Ereignisse von Paris ein Klima schaffen, das solche Taten begünstigt? „Nein. Wir sind in Stadtallendorf sehr gut integriert“, antworten Imam Sanal und Gemeinde-Vorsitzender Otkan sofort. Natürlich ist das kein Schutz vor der Tat eines Verrückten, wie der Gemeinde auch bewusst ist. Doch seit der Tat vor sieben Jahren ist die Moschee auch zusätzlich gesichert, unter anderem mit einer Videoüberwachung.

Die Gemeinde will weiterhin den Dialog mit allen Stadtallendorfern suchen. Wie sich dieser Dialog im Spiegel der Ereignisse von Paris intensivieren lässt, soll beim nächsten Treffen mit Vertretern der christlichen Gemeinden, dem Stadtallendorfer Bürgermeister und der Polizei erörtert werden. Diese Gespräche gebe es alle paar Wochen ohnehin, sagt Imam Sanal. Jetzt gebe es einen zusätzlichen Anlass.

von Michael Rinde

Erklärung und Kontaktdaten der muslimischen Gemeinde
Diese Erklärung hat der Imam der Gemeinde der Fatih-Moschee, Mahmut Sanal, in seiner Predigt abgegeben und veröffentlicht: „Wir, die Fatih-Moschee in Stadtallendorf, wollen an die Opfer des Terroranschlags vom 7. Januar in Paris denken. In der französischen Hauptstadt Paris hat sich am Mittwoch, 7. Januar 2015 gegen 11 Uhr in dem Redaktionsgebäude des Satiremagazins ,Charlie Hebdo‘ ein terroristischer Akt ereignet. Diesen grausamen Angriff verurteilen wir auf das Schärfste. In einem Koranvers heißt es ,(...) Wer eine Seele ermordet (...) der soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten (Sure 5, Vers 32)‘. Bei diesem Terroranschlag starben insgesamt 12 Menschen, darunter 2 Polizisten. Viele wurden schwer verletzt. Dieses Verbrechen bewerten wir als Gemeinde als Angriff auf die Menschheit, was niederträchtig und absolut inakzeptabel ist. Unser aller Schöpfer Allah gebietet die Achtung seiner vielfältigen Schöpfung. Die Unverletzlichkeit des Menschen, seiner Würde und seiner Orientierung ist darin zentral. Wir teilen den Schmerz der Menschen in Frankreich, deren Angehörige bei diesem terroristischen Angriff ihr Leben verloren haben. Der Islam ist keinesfalls mit dem Terror vereinbar.“
Kontakt: Fatih-Moschee, Wupperweg 2-2a, E-Mail info@ditib-stadtallendorf.de, Telefon 064 28/ 8763
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Mahnwache für "Charlie Hebdo"
Eine von rund 300 Teilnehmern der Mahnwache auf dem Marktplatz zeigt an, was in den vergangenen Tagen vielerorts zum Bekenntnis geworden ist: „Je suis Charlie“. Foto: Nadine Weigel

Rund 300 Menschen gedachten Freitagabend auf dem Marktplatz der Getöteten beim Terrorangriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Die islamischen Gemeinden hatten mit der Stadt zu der Mahnwache eingeladen.

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