Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Moderator aus den eigenen Reihen löst Konflikte

Flüchtlingssprecher Moderator aus den eigenen Reihen löst Konflikte

Über unterschiedliche ­Kulturen und Religionen hinweg ins Gespräch zu kommen, ist in Gemeinschaftsunterkünften nicht immer einfach. Flüchtlingsräte sind eine große Hilfe dabei, so erste Erfahrungen des Kreises.

Voriger Artikel
Petra Maus tritt in Edgar Nasemanns Fußstapfen
Nächster Artikel
Soziales Engagement ist sein Antrieb

Flüchtlingssprecher Munir Rahmani (zweiter von links) diskutiert mit Marian Zachow (von links), Andreas Tauche, Rainer Florschütz und Claus Schäfer. Foto: Michael Rinde

Quelle: Rinde

Kirchhain. Mitte Oktober wählten ihn seine Mitbewohner zu ihrem Sprecher. Munir Rahmani lebt in der Fuldaer Straße in Kirchhain in einer der Gemeinschaftsunterkünfte des Landkreises für Flüchtlinge. Und mit ihm 18 weitere Menschen zurzeit. Munir Rahmani ist Teil eines gewählten Gremiums, eines Sprecherrates. Der entstand auf Initiative des Landkreises, außer in Kirchhain auch in Unterkünften in Gladenbach und Gladenbach-Weidenhausen (die OP berichtete auf Landkreis).

Munir Rahmani hat sich vor seiner Wahl schon intensiv um das Zusammenleben in der Gemeinschaftsunterkunft gekümmert. Seine Mitbewohner fragten ihn, ob er nicht ihr Sprecher sein wolle. Rahmani sagte Ja und hat seitdem schon sehr viele Gespräche mit Mitbewohnern geführt. Aber auch mit Sozialarbeiter Andreas Tauche oder dem Vermieter des Gebäudes.

Der Landkreis hat mit dem Projekt Sprecherräte Neuland betreten. Eigentlich ging es wieder einmal um das Manko, „dass wir sehr viel über Flüchtlinge sprechen, aber zu wenig mit ihnen“, wie es Vizelandrat Marian Zachow (CDU) formuliert. So kam es zu dem jetzigen Modell, entwickelt von Rainer Florschütz und Tauche als Mitarbeiter der Kreisverwaltung.

Als Sprecher hat es Rahmani vor allem mit kleinen und großen Problemen zu tun. Der 20-jährige Afghane, der noch auf eine Entscheidung über seinen eigenen Asylantrag wartet, erzählt von den kleinen und größeren Konflikten, aber auch von belastenden Lebenssituationen. Er selbst kennt das Gefühl der Ungewissheit, weiß noch nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. „Ich erkläre meinen Freunden viel, vor allem über die Zuständigkeiten. Da geht es auch sehr oft um Vertrauen“, sagt er.

Erst Misstrauen,dann Begeisterung

Rahmani hilft aber auch bei sehr lebensnahen Konflikten in einer größeren Unterkunft. Es sei eben nicht einfach, wenn vier Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in einem Zimmer lebten, sagt Rahmani. Der eine wolle schlafen, der andere lernen. Und bei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen oder mit verschiedenen Religionen, „da gibt es nun einmal auch Probleme“, sagt der Sprecher aus der Kirchhainer Unterkunft. Er ist den Umgang mit anderen Kulturen aus seiner Heimat bereits gewohnt und hat auch familiäre Erfahrungen damit. Seine Mutter stammt aus Indien, sein Vater ist Afghane.

Die Sprecher ersetzen keineswegs die vom Kreis eingesetzten Sozialarbeiter wie Andreas Tauche. „Aber sie helfen uns bei der Arbeit, weil wir zum Beispiel nicht ohne Unterbrechung in den Unterkünften sind“, sagt Tauche.

Die bisher ausgewählten drei Gemeinschaftsunterkünfte haben eines gemeinsam: In ihnen leben mindestens 20 Flüchtlinge. In Weidenhausen, der größten Unterkunft, sind es aktuell rund 80, in der Gladenbacher Kernstadt 40 bis 50.

Etwas Besonderes waren die Wahlen nicht nur für die Hausbewohner, auch für die Organisatoren wie Florschütz und Tauche. „Am Anfang gab es Misstrauen, nach den Erklärungen und den Wahlen herrschte eine tolle Stimmung“, sagt Florschütz, der von „Festen für die Demokratie“ spricht. Für viele Flüchtlinge sei es ein ganz neues Erlebnis, dass eine Wahl frei und wirklich geheim stattfinde, mit abgeschlossenen Urnen. Für Rahmani war dieser Akt der Demokratie „auch ganz besonders“, wie er im Gespräch mit der OP berichtet. So habe er es in Afghanistan nicht empfunden. Die ersten Erfahrungen des Kreises mit den Sprecherräten sind sehr positiv. Bald stehen die nächsten Wahlen an, die Gremien bestehen aufgrund der Verweilzeiten in den Einrichtungen nur sechs Monate. „Mir hat ein Gladenbacher Vermieter dieser Tage erzählt, wie viel einfacher manches geworden ist, seit es die Sprecher gibt“, sagt Zachow. Er sieht die Sprecher als Beitrag zu der von ihm forcierten „Miteinanderkultur“.

von Michael Rinde

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr