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Mit einem Turnverein ging alles los

150 Jahre VfL Neustadt Mit einem Turnverein ging alles los

Zu jedem Jubiläum gehört ein Rückblick auf die Vereinsgeschichte. Auffällig in diesem Fall ist, dass sich gleich zwei Fusionen in der 150-jährigen Geschichte des VfL 1864/87 Neustadt finden - wobei nur eine freiwillig war.

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Am Anfang der Geschichte steht ein Turnverein – das Bild ist allerdings nicht so alt, wie der Verein.

Neustadt. Die Vorbereitungen auf das Jubiläum des VfL Neustadt laufen schon lange. Seit einigen Monaten wälzen die Mitglieder des Vorstandes Chroniken und Protokollbücher und erstellen mit Unterstützung des „lebenden Geschichtsbuchs“ Ludwig Dippel eine Festschrift, die ob der langen Historie des Vereins so langsam zum Festbuch wird. „Wir haben so viele neue Erkenntnisse, die wir in die Chronik einarbeiten“, betont Wolfram Ellenberg, der erste Vorsitzende, und ergänzt: „Besonders interessant finde ich die Berichte, wie früher Sport getrieben wurde - das kann man zumeist zwischen den Zeilen rauslesen.“ Ebenfalls neu sei für ihn die Erkenntnis, dass Vereinsmitglieder im Jahr 1913 die ersten Narrenkappen gekauft hätten und somit Vorreiter der Neustädter Karnevalsbewegung seien. Und auch die Feierwut der Junker-Hansen-Städter habe der Verein früher stark unterstützt: „Bis zu 20 Tanzveranstaltungen gehörten zum Jahresprogramm. Wir Neustädter feiern zwar immer noch gerne und viel - allerdings richten inzwischen verschiedene Vereine die Feste aus.“

26 Neustädter gründeten einst den „Turnverein 1864“

In diesem Jahr nun hat besonders der VfL Neustadt etwas zu feiern: sein 150-jähriges Bestehen. Wobei die Geschichte des Vereins unter einem anderen Namen beginnt. Es war der 1. Februar 1864, als 26 Neustädter den „Turnverein 1864“ gründeten. Viele von ihnen waren Kaufleute und Handwerker, die das Land bereist, „das Turnwesen“ kennengelernt und beschlossen hatten, in ihrer Heimat einen entsprechenden Verein zu gründen.

Ein Unterschied von heute zu damals: Heutzutage schreibt sich der VfL Integration als eines der Hauptziele auf die Fahnen. Damals durfte indes nicht jeder Bürger Mitglied des Vereins sein - was allerdings nicht an den Neustädtern sondern an den Vorgaben lag: Zu kurhessischen Zeiten war es Soldaten verboten, Turnvereinen anzugehören. Ein Beispiel: Landwirt Josef Gies musste eine Haftstrafe von 48 Stunden verbüßen, weil er sich als Reservist an einem Auszug der Turner in die Lehmkaute beteiligt hatte.

Von Männern verspottet, von den Frauen geliebt

Und auch sonst hatten es die Turner laut Chronik nicht einfach: Die Schützen verspotteten die jungen Männern in ihren weißen Turnerjacken. Bei den Frauen indes kamen sie gut an, denn diese stifteten dem Verein die erste Fahne (die einen Materialwert von zwölf Talern hatte).

Im Jahr 1872 kam es zu Erweiterungen: Neben einer Gesangsgruppe gehörte von da an auch eine Feuerwehr zum Verein. 1887 wurde in Neustadt zudem ein weiterer „Sportclub“ gegründet - mit dem die Turnier auf Druck der „Nationalen Bewegung der deutschen Turnerschaft“ im Jahr 1933 zur „Turnerschaft 1864/87“ fusionieren mussten. „Die beiden alten Vorstände legten den Turnern nah ans Herz, daß sie in Einigkeit zusammen arbeiten wollen zur Ertüchtigung der Jugend und zum Wohle unseres geliebten Vaterlandes.“ So heißt es im Protokollbuch.

Mit dem Ende des Dritten Reichs gingen die Neustädter davon aus, dass die beiden Vereine ihre Verbindung wieder auflösen. Allerdings war laut Chronik „der Gedanke an einen einheitlichen Verein so lebendig, die Erfahrungen innerhalb der Turnerschaft so gut, daß man diese kameradschaftliche Bindung nicht wieder aufgeben wollte“. Inzwischen hatten sich zudem Fußballer und Leichtathleten als „Verein für Leibesübungen“ zusammengefunden. Am 2. April 1949 beschlossen die Mitglieder der drei Vereine den Zusammenschluss, der sich auch im letztendlich auserkorenen Namen widerspiegelt: VfL 1864/87.

Zwar fehlte damals in Neustadt eine Turnhalle, doch der Verein erfreute sich wachsender Beliebtheit, und die Bürger trieben immer mehr Sport -entsprechend kamen weitere Abteilungen hinzu. Unter anderem gründete Hans Faber, der einzige Ehrenvorsitzende des Vereins, im Jahr 1956 die Tischtennisabteilung. Noch heute ist er übrigens Abteilungsleiter der Leichtathleten. Inzwischen hat er diesen Posten seit mehr als 50 Jahren inne.

Acht Jahre später stand ein echter Höhepunkt der Vereinsgeschichte an: Zur Einweihung des Sportplatzes und zum 100-jährigen Bestehen traten die damaligen Spitzenteams Meidericher SV und Wormatia Worms am 27. Juni 1964 in Neustadt vor riesiger Zuschauerkulisse an - der VfL hatte sogar extra für diese Partie 1000 zusätzliche Sitzplätze geschaffen

VfL begrüßte schon diverse prominente Gäste

Anlässlich des 125-jährigen gab dann Bayer Leverkusen ein Gastspiel in Neustadt - und zwar mit Spielern wie Bum-Kun Cha oder Rüdiger Vollborn, die im Jahr zuvor in zwei hochdramatischen Partien gegen Espan-yol Barcelona den Uefa-Pokal gewonnen hatten. Noch dazu bekam der VfL Neustadt die „Sportplakette des Bundespräsidenten“ überreicht - die höchste staatliche Auszeichnung für Turn- oder Sportverbände und -vereine.

Im Jahr 1991 machten sich die Sportler an den Bau des Vereinsheims - das in guter Tradition steht, schließlich war der VfL Neustadt laut eigener Chronik der erste Verein im Kreis Marburg, der überhaupt ein Vereinsheim besaß: Im Jahr 1932 hatten sich die „Rot-Weißen“ mit einer einfachen Holzhütte begnügt.

Zweitliga-Kicker ist das Aushängeschild des Vereins

Seit 1999 kann sich der Verein damit rühmen, einen Bundesligaspieler hervorgebracht zu haben. Damals wechselte Alexander Huber vom VfL zu Eintracht Frankfurt, inzwischen ist er für den FSV Frankfurt aktiv.

Der VfL 1864/87 Neustadt an sich hat inzwischen rund 900 Mitglieder, die sich auf sechs Abteilungen verteilen: Fußball, Handball, Leichtathletik,Turnen, Volleyball und Tischtennis -hinzu kommt die Karnevalsabteilung, die seit vielen Jahren das Neustädter Prinzenpärchen kürt.

Sämtliche Gruppierungen beteiligen sich natürlich auch an den Veranstaltungen, die der Verein anlässlich seines 150-jährigen Bestehens austrägt: Im Juli treffen sich zum Beispiel ehemalige VfL-Fußballer zum Kleinfeldturnier. Die Handballer richten vom 6. bis 9. Juni das Neustadt-Treffen der Handballer aus, zu dem Teams aus verschiedenen Neustadts kommen.

Ehrenstadtrat blickt auf die Geschichte zurück

Der nächste Termin findet bereits am Mittwoch der kommenden Woche statt. Dann hält Ehrenstadtrat Ludwig Dippel im Haus der Begegnung einen Diavortrag, der sich rund um die 150-jährige Vereinsgeschichte dreht. Drei Tage später steht der Festkommers auf dem Programm.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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