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Mit Muskelkraft gegen die Finanznot

Eigenleistung in Rüdigheim Mit Muskelkraft gegen die Finanznot

Das Thermometer zeigt am Samstagmorgen nur zwei Grad an. Gearbeitet wird trotzdem am ­Treffpunkt Rüdigheim. Das ist schon von weitem zu hören.

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Die freiwilligen Helfer stellen das Planum für die Bodenplatte des Anbaus an den Rüdigheimer Treffpunkt her. Die Stadt Amöneburg stellt Fahrzeuge und Maschinen zur Verfügung, die ehrenamtlichen Bauleute ihre Arbeitskraft.

Quelle: Matthias Mayer

Rüdigheim. Das grelle Kreischen der Kreissäge gewinnt akustisch die Oberhand über das dumpfen Brummen des Baggers. An der Kreissäge sind zwei Mann damit beschäftigt, Verschalungsbretter zuzuschneiden. Wenige Schritte weiter ist ein Trupp mit Gründungsarbeiten beschäftigt. Auf der Baustelle geht es ruhig und überlegt zu. Jeder weiß, was er zu machen hat. Dabei ist hier kein Bauunternehmen am Werk, sondern ein Kreis Rüdigheimer Bürger, die in ehrenamtlicher Arbeit den Erweiterungsbau für ihr Gemeinschaftshaus Treffpunkt bauen.

„Wir machen alles - außer dem Innenausbau“

„Wir machen alles - außer dem Innenausbau. Wir haben leider keine Verputzer und Fliesenleger im Ort“, sagt Ortsvorsteher Martin Bieker fast entschuldigend. Mit dem Team, der Stimmung am Bau und dem Baufortschritt ist er sehr zufrieden. „Wir haben eine jung-dynamische Mannschaft und kommen gut voran. Und in Bernhard Becker leitet uns ein ausgezeichneter Bauleiter an“, skizziert der Ortsvorsteher das 15-köpfige Helferteam, in dem die Aktiven der Freiwilligen Feuerwehr Rüdigheim besonders stark vertreten sind.

Dies aus gutem Grund, denn die Feuerwehr, die sehr beengt im Erdgeschoss des Treffpunkts untergebracht ist, wird räumlich von der Erweiterung spürbar profitieren.Das zeigt schon ein Blick auf den dreimal geänderten Raumplan des Anbaus. Der sieht für das Erdgeschoss Sanitär- und andere Funktionsräume vor, die sich bislang im Erdgeschoss des Altbaus befinden. Die frei werdenden Flächen werden der Feuerwehr zugeschlagen. Außerdem erhält der Anbau einen Lift, der den barrierefreien Zugang zum im Obergeschoss des Altbaus befindlichen Saal ermöglicht. Das Obergeschoss des Anbaus wird zudem ein Lager für Stühle und Tische beherbergen.

Das Engagement der Rüdigheimer steht stellvertretend für die finanzielle Situation der Kommunen auf dem Land. Ohne die Eigenleistungen hätte die Stadt Amöneburg, die nur knapp den Haushaltsausgleich geschafft hat, sich neu verschulden müssen. Innerhalb kurzer Zeit wurden von der Baumannschaft schon mehr als 200 Arbeitsstunden geleistet. Entsprechend froh ist Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg über den Einsatz der Helfer.„Was die Rüdigheimer schaffen, ist einfach nur großartig“, hatte der Kämmerer im Haushaltsgespräch mit dieser Zeitung gesagt.

Schwache Fundamente bringen Verzögerung

Und die Ehrenamtlichen fangen auch die unangenehmen Überraschungen auf, ohne die es bei Bauarbeiten im alten Bestand nur selten geht. „Wir mussten die Fundamente des Altbaus abfangen. Das hat uns zwei Wochen Zeit gekostet“, berichtet Martin Bieker. Deshalb bangt er um das selbstgesteckte und sehr sportliche Ziel, den Rohbau noch in diesem Jahr fertigzustellen. „Wenn der Winter so ausfällt, wie der vorherige, arbeiten wir durch“, verspricht der Ortsvorsteher.

Helmut Brand, stellvertretender Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr, traut dies dem Team zu. „Die Motivation ist sehr hoch. Wir haben sogar schon unter Flutlicht bis abends um halb zehn gearbeitet. Ich hoffe, dass das so bleibt“, sagt der Feuerwehrmann.

Fahrzeughalle ist enger als die Norm erlaubt

Der hat allein aus seiner Funktion heraus ein starkes Interesse an dem Projekt. Er erzählt von den beengten Verhältnissen in der Fahrzeughalle, in der neben dem Auto auch die Spinde mit der Ausrüstung der Einsatzabteilung und der Jugendfeuerwehr untergebracht sind - was schon seit vielen Jahren nicht mehr sein darf. Und er berichtet, dass zu jeder Jahreszeit die Ausbildung am Fahrzeug nur vor dem Gebäude möglich ist, da sich in der Fahrzeughalle wegen der beengten Verhältnisse weder Türen noch die Schubladen mit der Ausrüstung öffnen lassen.

Wird die Unterbringung der Rüdigheimer Feuerwehr nach der Fertigstellung des Anbaus den aktuellen gesetzlichen Vorgaben entsprechen? Amöneburgs Stadtbrandinspektor Stefan Krähling, der der Rüdigheimer Einsatzabteilung angehört, beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen „Nein“. Ein solcher Zustand sei innerhalb des Gebäudes nicht mehr zu erreichen. Aber es werde eine deutliche Annäherung an die Normen geben, sagte der oberste Brandschützer der Stadt.

Stadtbrandinspektor gegen Maximalforderungen

Maximalforderungen nach einem Neubau passten nach seiner Wahrnehmung nicht in eine Zeit, in der die Kommunen als Kostenträger der Pflichtaufgabe Feuerwehrwesen sich intensiv mit der Zusammenlegung von Ortsteil-Feuerwehren zum Zwecke der Kostensenkung befassten, sagte Krähling der OP.

Nach einer Fusion mit anderen Wehren steht den Rüdigheimern nicht der Sinn, zumal die Wehr glänzend aufgestellt ist. In der Einsatzabteilung versehen eine Feuerwehrfrau und 20 Feuerwehrmänner ihren Dienst am Nächsten. Und auch der Unterbau stimmt dank der sehr guten Jugendarbeit. 16 Kinder gehören der Bambini-Feuerwehr an, 19 Jugendliche werden in der Jugendfeuerwehr an die Einsatzabteilung herangeführt. Das sind für einen Ort mit rund 640 Einwohnern sehr stolze Zahlen.

Nach der Erweiterung wird es für die Feuerwehr im Treffpunkt endlich ordentliche Umkleideräume geben und auch für ein Wehrführer-Büro wird sich ein Platz finden. Für die theoretische Ausbildung und die Kinder- und Jugendarbeit kann weiterhin der Saal im Obergeschoss genutzt werden, der bis zu 100 Sitzplätze bietet. Der Saal geht in die Trägerschaft der katholischen Kirchengemeinde über. Auch das hilft der Stadt Amöneburg entscheidend, die Folgekosten zu senken. Umsonst ist das Treffpunkt-Projekt für die Stadt natürlich nicht zu haben. Im Haushalt 2015 stehen dafür 120.000 Euro bereit. Und auch logistisch unterstützt die Stadt ihre Feierabendbrigade. „Wo immer wir etwas brauchen, bekommen wir Hilfe von der Stadt“, sagt Martin Bieker.

von Matthias Mayer

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