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Mit 80 Jahren immer noch Fachübungsleiter

Trotz Handicap Mit 80 Jahren immer noch Fachübungsleiter

"Der sieht doch aus wie das blühende Leben“, sagt ein Mitglied der Herzsportgruppe, als Siegfried Beck die Sporthalle der Martin-von-Tour-Schule in Neustadt betritt.

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Siegfried Beck leitet das Aufwärmtraining der Herzsportgruppe. Dehnen und Lockerungsübungen sind angesagt.

Quelle: Hartmut Berge

Neustadt. Am vergangenen Montag leitete der 80-Jährige einmal mehr das Aufwärmtraining der Herzsportgruppe. Der Neustädter ist wegen seiner Oberarmamputation gehandicapt.

Gleichwohl hat er seit 34 Jahren die Fachübungsleiterlizenz für Rehabilitationssport mit Menschen mit Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates (Orthopädie) und seit 29 Jahren die Sonderlizenz für Rehabilitationssport mit Menschen mit inneren Krankheiten (Herzsport).

Und er ist seit 24 Jahren Vorsitzender der Versehrten- und Behindertensportgemeinschaft Neustadt-Stadtallendorf (VBSG). Die VBSG hat eine Herzsportgruppe und eine Reha-Sportgruppe.

Lizenz muss alle zwei Jahre erneuert werden

Seit fast fünf Jahrzehnten biete man medi­zinische Rehabilitation, Prävention und Inklusion an und praktiziere sie, betont der Mar­burger Hans Jürgen Gremm. Er ist ebenfalls Fachübungsleiter in der Gemeinschaft.

Um dies auch leisten zu dürfen und zu können, müssten im Gegensatz zu allen anderen Sportarten völlig andere Voraussetzungen erfüllt sein.

Beim Sport mit Menschen mit koronaren Herzkrankheiten zum Beispiel benötige der Fachübungsleiter eine besondere Lizenz, die auch nur zwei Jahre Gültigkeit habe und nach einer fachlichen Weiterbildung jeweils um zwei Jahre verlängert werden könne, erklärt er und ergänzt: Während der Übungsstunden der Herzsportgruppe müsse in der Sporthalle immer ein Arzt anwesend sein, und das mit einer kompletten medizinischen Notfallausrüstung.

Arzt muss immer dabei sein

Um die Belastung der Ärzte so gering wie möglich zu halten, sei man bestrebt, möglichst viele zu beteiligen, sagt Siegfried Beck. „Herzsportler dürfen nur Sport entsprechend ihrer Belastungsgrenzen machen“, erklärt er.

Der Herzspezialist jedes Patienten erstelle eine Verordnung, in der unter anderem die Belastungsgrenzen festgelegt seien. „Deshalb müssen wir neben zertifizierten Übungsleitern immer einen Arzt dabei haben.“

Letzterer wisse genau, welche Handicaps jeder Übungsteilnehmer habe. Deshalb schaue sich der betreuende Arzt die Papiere von neuen Teilnehmern besonders genau an.

Im zweiten Teil gibt's Ausdauertraining

Je nach Belastungsfähigkeit müsse der Übungsleiter seine Angebote gestalten.

Nach einem gemeinsamen Aufwärmtraining und Gymnastik mit Dehnübungen geht’s im zweiten Teil ans Ausdauertraining. Es habe sich seit langem eingebürgert, dass sich dann die Gruppe aufteile. Eine Reihe von Männern spielt mit großem Elan Fußballtennis. Die anderen machen weiter mit Gymnastik und leichten Ballspielen.

Vor und während der sportlichen Aktivitäten wird der Puls gemessen, um die tatsächlichen Belastungen festzustellen und zu dokumentieren. Jeder misst dabei seinen Puls selbst oder lässt ihn vom Arzt messen.

Und was treibt Siegfried Beck dazu, so lange als Fachübungsleiter ehrenamtlich tätig zu sein?

Arbeitsunfall kostete ihn den linken Arm

„Als junger Mann wollte ich immer in der Landwirtschaft arbeiten und einen entsprechenden Beruf erlernen“, erzählt er.

Auf einem Gut beim Einfahren der Heuernte passierte ein schlimmer Arbeitsunfall, der ihn den linken Arm kostete. „Zwei Monate später habe ich bereits wieder gearbeitet“, sagt er. Von 1959 an war er 34 Jahre lang bei der Firma Winter in Stadtallendorf in der Lohnbuchhaltung tätig.

Sehr schnell nach dem Unfall habe er schwimmen gelernt. „Das geht sehr gut mit einem Arm, probieren sie’s aus“, versichert er.

Später, zum Erlangen der Übungsleiterlizenz, musste er den Rettungsschwimmschein machen, „Ich habe damals einen Zwei-Zentner-Mann aus dem Wasser gezogen“, berichtet er voller Stolz.

1977 nahm ihn ein Arbeitskollege mit zum Kegeln. „Ich war immer ein guter Kegler“, versichert Beck. Später widmete er sich mit seiner Frau darüber hinaus dem Bergwandern. „Auch heute noch bin ich viel in der Natur, so weit es die Knochen mitmachen“, berichtet er schmunzelnd.

„Ich habe immer nach vorne geblickt“, sagt er. Er werde weiterhin Sport treiben, solange es gehe, mit anderen Sportlern zum Schwimmen und zur Wassergymnastik gehen und der Herzsportgruppe zu Seite stehen, kündigt er an.

Und er freut sich heute schon darauf, im nächsten Jahr mit Freunden und Bekannten das 50-jährige Bestehen der Gemeinschaft zu feiern.

von Hartmut Berge

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