Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Mit 1,97 Promille alle Tests bestanden

Aus dem Amtsgericht Mit 1,97 Promille alle Tests bestanden

Als Richter Joachim Filmer gestern zum Ende eines Prozesses einem 48-jährigen Kirchhainer densichergestellten Führerschein wieder aushändigte, hatte er dabei nach eigenem Bekunden ein ungutes Gefühl.

Kirchhain. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Familienvater vorgeworfen, am 29. November 2013 um 11.45 Uhr am Steuer seine Autos mit einem Promillewert von 2,43 durch Kirchhain gefahren zu sein. Die Beweisführung bei solchen Trunkenheitsfahrten ist üblicherweise nicht besonders schwierig. Das war gestern völlig anders.

Am Ende war der Angestellte freizusprechen, weil das Gericht ihm zur Tatzeit weder den Zustand der relativen Fahruntüchtigkeit (ab 0,5 Promille) noch den als Straftat geltenden Zustand der völligen Fahruntüchtigkeit (ab 1,1 Promille) nachweisen konnte.

Der Angeklagte war am Tattag an seinem Arbeitsplatz zwei Kolleginnen mit einem für ihn völlig untypischen euphorischen Verhalten aufgefallen. Er hatte auf die beiden Frauen einen betrunkenen Eindruck gemacht. Diese alarmierten eine dritte Kollegin, die den 48-Jährigen an seinem Arbeitsplatz aufsuchte.

Von dieser Begegnung berichtete die Frau im Zeugenstand. Ihr Kollege habe völlig aufgelöst gewirkt, ihr von einer schweren Erkrankung berichtet und gemutmaßt, dass er wohl nur noch kurze Zeit zu leben habe. Laut Zeugin äußerte der Mann zudem mehrfach Selbstmordabsichten. Er habe die ganze Nacht über getrunken, sei am Ende und könne nicht mehr, habe der Angeklagte gesagt, den die Zeugin als engagierten, freundlichen und zuverlässigen Kollegen schilderte. Wichtiger als die erkennbare Alkoholisierung ihres Kollegen, der allerdings keine Ausfallserscheinungen gezeigt habe, seien ihr dessen Suizidabsichten gewesen. Deshalb habe sie ihrer Vorgesetzte von dem Fall berichtet.

Diese hatte um 11.45 Uhr versucht, ihren Mitarbeiter davon abzubringen, am Steuer seines Autos nach Hause zu fahren. Der habe sie „mit starrem Blick aus glasigen Augen angeschaut“, aber ihre Bitte ignoriert. Nach Beobachtung dieser Zeugin fuhr der Mann vorsichtig und beherrscht vom Hof und zeigte keine Ausfallserscheinung. Zum Schutze ihres Mitarbeiters informierte die Zeugin wegen der Suizid-Ankündigungen die Polizei. Diese fand den Mann eine gute Stunde später schlafend in seiner Wohnung und nahm ihn mit zu einer Blutentnahme.

Mit der Hausbar gegenKrebsangst und Stress

Der Angeklagte berichtete dem Gericht von einer emotionalen Ausnahmesituation, in der er sich am fraglichen Tag befunden habe. Zu beruflichem Stress seien gesundheitliche Sorgen gekommen. Er habe an sich Symptome einer schweren Krebserkrankung festgestellt. Tatsächlich wurde an ihm nie eine solche Erkrankung diagnostiziert.

Der Angeklagte gab an, weder in der Nacht noch am Tattag vor der angeklagten Fahrt Alkohol getrunken zu haben. Einzige Ausnahme: Ein Schluck aus einem Glas mit Cola-Rum. Das sei ihm von einem Praktikanten gereicht worden. Diesem Praktikanten gehörten auch die leere und die halbvolle Schnapsflasche, die die Polizei später an seinem Arbeitsplatz fand.

Seinen knapp vier Stunden nach der vermeintlichen Alkoholfahrt festgestellten Promillewert von 1,97 Promille erklärte der Angeklagte mit einem kräftigen Griff in seine Hausbar. Er habe gegen seinen Frust getrunken und sich dabei bei den Flaschen „aus der ersten Reihe“ bedient. Was und wie viel er trank, sagte er nicht.

So blieben für den gerichtsmedizinischen Gutachter und das Gericht nur drei objektive Fakten:

n Für den häuslichen Sturztrunk hatte der Angeklagte lediglich eine gute Stunde Zeit. n Um 15.27 Uhr wies der Mann einen Promillewert von 1,97 und um 16.05 Uhr von 1,85 auf. n Mit einem Sturztrunk allein innerhalb von einer Stunde kann der Angeklagte - so der Gutachter - den hohen Wert von 1,97 Promille nicht erreicht haben. Dann hätte er massive Ausfallerscheinungen haben müssen. Die hatte er nicht. Er bestand alles Tests - mit 1,97 Promille Alkohol im Blut. Der Gutachter ging davon aus, dass der Angeklagte zur fraglichen Zeit alkoholisiert sein musste, konnte aber bei den Rahmenbedingungen den Grad der Alkoholisierung nicht bestimmen.Damit war das Klassement gemacht. Anklage wie Verteidigung beantragten Freispruch für den Angeklagten auf Kosten der Staatskasse. Dem folgte das Gericht im Urteil. Richter Jochim Filmer wertete die Nachtrunk-Version des Angeklagten als Schutzbehauptung, die das Gericht aber nicht widerlegen könne.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis