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Mit 1,62 Promille ins Schutzgeländer

Aus dem Amtsgericht Mit 1,62 Promille ins Schutzgeländer

Die Vorstellung ist fast abptraumhaft: Ein Mann fährt mit 1,62 Promille Alkohol im Blut in der Mittagszeit durch Neustadt und walzt mit seinem Auto auf einer Länge von acht Metern ein Schutzgeländer nieder.

Kirchhain. So geschehen am am 4. September vergangenen Jahres. Der Alkoholsünder, der bei dem Unfall sein Auto durch Totalschaden verlor, musste sich jetzt vor dem Kirchhainer Amtsgericht wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung unter Alkoholeinfluss verantworten. Der 56-jährige Pensionär, der im Ostkreis lebt, bekannte sich ohne Umschweife zu seinem Fehltritt. „Es ist so gewesen. Ich bekenne mich immer dazu, wenn ich mal Mist gebaut habe“, sagte er nach der Verlesung der Anklageschrift.

Der Angeklagte berichtete von dem Geschehen vor der Trunkenheitsfahrt. Er sei um 7 Uhr aufgestanden, habe gefrühstückt und dann im Garten gearbeitet. Nach seiner Erinnerung habe er gegen 11 Uhr damit begonnen zu trinken - und zwar ohne dafür einen Anlass zu haben, erklärte der Mann auf eine entsprechende Nachfrage des Anklagevertreters. Zwei Flaschen Jägermeister à 0,1 Liter hatte der Mann nach eigenen Angaben bis zum Mittag getrunken. Dann fuhr er los, um sein Auto zum Ölwechsel in eine Werkstatt zu bringen. Zu diesem Zweck fuhr er durch Neustadt, wo es gegen 13.35 Uhr zu dem Unfall kam.

Diese Schilderung führte Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug zu der Frage: „Was haben Sie für einen Umgang mit Alkohol?“ Der 56-Jährige rückte Stück für Stück mit der Wahrheit heraus. Er trinke nur gelegentlich, habe sich aber gleich nach dem Unfall in eine ambulante Alkohol-Therapie begeben und verfolge das Ziel, künftig nüchtern zu leben. Sein Therapeut sehe eine positive Entwicklung. Auf die Frage des Richters nach der Diagnose sprach der Angeklagte zunächst von einem unterschätzten Problem, dann von einem absoluten Alkoholproblem, um sich schließlich zu dem Bekenntnis durchzuringen: „Ich bin ein Alkoholiker.“

Das brachte ihm bei allen Verfahrenbeteiligten Punkte ein. Der Anklagevertreter würdigte das Geständnis, die Schuldeinsichtigkeit und die Eigeninitiative des Angeklagten, der sich aus eigenem Antrieb heraus in psychotherapeutische Behandlung begeben habe. Gegen ihn sprächen eine einschlägige Vorstrafe und der hohe Promillewert. Der Rechtsreferendar beantragte deshalb eine Geldstrafe in Höhe von 65 Tagessätzen à 45 Euro, den Entzug des Führerscheins und eine Sperrfrist für die Wiedererlangung des Führerscheins von 14 Monaten.

Rechtsanwalt Winand Koch würdigte die Einsicht seines Mandanten und dessen Entschluss, künftig ein Leben ohne Alkohol zu führen. „Er ist auf dem richtigen Weg, er wird aber noch täglich kämpfen müssen“, sagte Koch, der keinen eigenen Strafantrag stellte, aber für eine etwas geringere Geldstrafe und eine kürzere Sperrfrist warb, auch wenn deren Dauer wegen der fälligen medizinisch-psychologischen Untersuchung eher zweitrangig sein.

Edgar Krug folgte beim Strafmaß dem Antrag der Anklage, verkürzte aber die Sperrfrist auf ein Jahr. Auch der Amtsgerichtsdirektor würdigte das „deutlich entwickelte Problembewusstsein“ des Angeklagten, stellte aber dagegen die Vorstrafe und das erhebliche Gefahrenpotenzial, das von der alkoholbedingten Straßenverkehrsgefährdung am helllichten Tag von dem weit jenseits der Grenze zur Fahrtüchtigkeit alkoholisierten Mann ausgegangen sei.

von Matthias Mayer

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