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Mediziner füllt Lücke, bevor sie entsteht

Landarzt für Amöneburg Mediziner füllt Lücke, bevor sie entsteht

Gute Nachricht für die Bürger Mardorfs und der umliegenden Ortschaften: Dr. Alexander Liesenfeld, der einzige Allgemeinarzt Amöneburgs, hat einen Nachfolger für seine Praxis gefunden.

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Dr. Martin Steinkamp (links) übernimmt die Praxis von Dr. Alexander Liesenfeld und gibt Mona Stauzebach die Chance, in Mardorf ihre Fortbildung zur Allgemeinärztin fortzusetzen.

Quelle: Florian Lerchbacher

Mardorf. Die Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist düster: „Wir steuern auf dem Land auf einen großen Mangel an Ärzten zu“, sagt die stellvertretende Pressesprecherin Petra Bendrich und verweist auf die Zahlen des Gesundheitsreports. Probleme gebe es deutschlandweit weniger in der Stadt, wohl aber auf dem Land - so auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf: In Marburg herrscht laut Zahlen eine Überversorgung, sodass ein Hausarzt keine Zulassung bekommen würde. In anderen sogenannten „Mittelbereichen“ ist es genau das Gegenteil. „Der Altersdurchschnitt der Ärzte ist recht hoch. In den kommenden 10 bis 15 Jahren müssen viele von ihnen ihre Praxen übergeben. Aber wenn ich sehe, wie viele Ärzte sich auf dem Land niederlassen wollen, dann entsteht eine Versorgungslücke“, betont Bendrich.

An 107 Standorten gibt es laut aktuellster Zahlen aus dem Gesundheitsreport 2014 im Landkreis 167 Allgemeinärzte. Davon suchten 30 aufgrund ihres Alters von 65 Jahren im Jahr 2015 einen Nachfolger. Im kommenden Jahr werden es 43 sein, im Jahr 2020 sogar 62. Das Durchschnittsalter liegt derzeit bei rund 54 Jahren: Lediglich zehn Hausärzte sind zwischen 30 und 39 Jahre alt, 39 sind 40 bis 49 Jahre alt. Als mögliche Gründe, warum Landarztpraxen für Nachfolger nicht mehr attraktiv erscheinen mögen, sind laut Krankenärztlicher Vereinigung unter anderem die stete Verschlechterung der Rahmenbedingungen für Ärzte, die mangelhafte Attraktivität mancher Regionen und der angebotenen Praxen, das „Werteverständnis“ beziehungsweise die „Work-­Life-Balance“ aber auch die aufgrund „ständiger Änderungen der Honorarsystematik“ immer unkalkulierbarer werdenden wirtschaftlichen Risiken.

Steinkamp war Leiter des Darmzentrums am UKGM

Es gibt aber auch Ärzte, die gegen den Strom schwimmen und den umgekehrten Weg - raus aus der Stadt hinaus auf‘s Land - wählen. Einer davon ist Dr. Martin Steinkamp, der verschiedene Leitungsfunktionen am Universitätsklinikum Gießen-Marburg aufgibt, um nach Mardorf zu kommen und die Praxis von Dr. Alexander Liesenfeld zu übernehmen. So war er unter anderem Leiter des Darmzentrums, der Spezialambulanz für chronisch entzündliche Darmerkrankungen, der Endoskopieabteilung und des Infektionsboards. Vor zehn Jahren war der gebürtige Marburger als Oberarzt in seine Heimat zurückgekehrt. „Ich habe alles mögliche gemacht“, fasst der habilitierte Arzt, der auch noch als Privatdozent tätig ist, seinen langen Werdegang mit einem leichten Schmunzeln kurz zusammen. Nun sei es aber an der Zeit gewesen, zu wechseln: „In Ulm war ich an Wochenenden oftmals als Vertretung der Hausärzte unterwegs. Das machte immer Spaß und war sehr reizvoll“, erklärt der inzwischen 47-Jährige seine Motivation. Als Haus- beziehungsweise Landarzt sei er näher an den Menschen als im Klinikum: „Für mich ist Medizin keine Brötchenbackfabrik. Das ist eine Sache zwischen Menschen - die persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patient ist genauso wichtig wie die medizinischen Aspekte.“ Noch dazu bezeichnet er sich selbst als „Landei“, da er immer wieder auf Dörfern gewohnt und dies genossen habe. Zudem hebt er hervor, dass die Tätigkeit als Hausarzt auf dem Land weitaus vielfältiger als in der Stadt sei, weil die Fälle „ungefilterter“ seien. „Das kann man gut an Unfällen und an Kindern festmachen“, wirft Liesenfeld ein und erläutert: „Ein Verletzter geht nach einem Unfall nicht in die Notaufnahme, sondern kommt zunächst zu seinem Hausarzt. Genauso ist das bei Kindern, die von ihren Eltern auch erst einmal zum Hausarzt gebracht werden.“

"Mardorfer waren immer besonders freundlich"

Als Erklärung, warum seine Wahl auf Mardorf gefallen sei, führt Steinkamp an: „Die Leute sind einfach nett hier. Das ist mir schon am Klinikum aufgefallen: Die Mardorfer waren immer besonders freundlich.“ Und auch das Team seines Vorgängers, das er komplett übernimmt, habe ihm sofort gefallen. „Ein tolles Team ist unbezahlbar“, kommentiert Liesenfeld und freut sich, dass sowohl seine vier medizinischen Fachangestellten (im Volksmund Arzthelferinnen genannt) als auch Mona Stauzebach der Praxis erhalten bleiben. Letztere ist die 13. „Weiterbildungsärztin“, die in Mardorf ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin absolviert - und diese bei Steinkamp abschließen kann.

Doch nicht nur die Übernahmen sorgen für Freude bei Liesenfeld, der 30 Jahre in Mardorf tätig war: „Die nahtlose Übernahme meiner Praxis durch Dr. Steinkamp ist etwas ganz Besonderes“, sagt der 63-Jährige, der nur noch wenige Tage als Arzt praktizieren wird, und verweist erneut auf die Zahlen der KV: Im Schnitt dauere die Suche nach einem Nachfolger rund drei Jahre - in diesem Fall aber nicht einmal die Hälfte der Zeit.

Zukunft der Versorgung vorerst gesichert

Die Zukunft der hausärztlichen Versorgung rund um Mardorf scheint also vorerst gesichert. „Heilsbringer“ Steinkamp glaubt indes aber auch, dass sein Vorgehen bald keine Ausnahme mehr sein werde: „Ich glaube, der Trend wird sich in den kommenden Jahren verändern. Dann gehen wieder mehr Hausärzte aus der Stadt aufs Land.“

von Florian Lerchbacher

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